Uni Bolognese: Das Bachelor-ABC gegen Campuschaos

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Erstsemester sind ratlos, Professoren kratzen sich am Kopf: In den Chaostagen der Bachelor-Master-Umwälzung sickern sonderbare neue Begriffe in den akademischen Jargon. SPIEGEL ONLINE klärt auf: mit dem kleinen Bachelor-Alphabet.

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dpa

Anti-Bologna-Protest: Wohin geht die Reise?

Anlaufschwierigkeiten:
Darüber klagen Studenten und Hochschulen gleichermaßen. Bereits 1999 wurde die Einführung des europäischen Hochschulraums verabredet, ein Jahrzehnt später hakt es immer noch. Eines der Hauptprobleme: Die deutschen Bildungspolitiker haben sich bewusst für ein jahrelanges Nebeneinanderher der alten und der neuen Studiengänge entschieden, den Universitäten und Fachhochschulen dafür aber so gut wie keine zusätzlichen Mittel zur Verfügung gestellt, obwohl die Rektoren energisch danach verlangt haben. Andere Länder wie Polen waren bei der Umstellung radikaler - und damit auch schneller und erfolgreicher.

Bachelor:
Gern auch als B.A. (Bachelor of Arts) abgekürzt. Bezeichnet trotz anderslautender Gerüchte nicht nur akademische Junggesellen oder eine Kuppelshow im Privatfernsehen, sondern jeden mit dem "ersten berufsqualifizierenden Abschluss", der mindestens sechs Semester studiert hat.

Bei einem SPD-Bildungskongress kurz nach der jahrtausendwende haspelte der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder zum Amüsement der Zuhörer noch etwas von "Backelohr", inzwischen können Politiker wie Professoren den Begriff buchstabieren. Und der wackere deutsche Mittelständler wird es auch noch lernen, spätestens dann, wenn die Bewerbungen der vielen neuen Bachelors seinen Briefkasten fluten.

Dass es sich beim Bachelor tatsächlich um einen Job-Zugang handelt, hoffen jedenfalls die Bildungsminister - auch wenn der Arbeitsmarkt davon auf breiter Front erst noch überzeugt werden muss. Ein äußerst vielfältiger Abschluss, denn ihn gibt's auch als Bachelor of Science (B.Sc.), Bachelor of Engineering (B.Eng.) und Bachelor of Laws (LL.B.), an Kunst- und Musikhochschulen außerdem als Bachelor of Fine Arts (B.A.F.) und Bachelor of Music (B.Mus.). Gilt in seiner verwirrenden Vielfalt (-->Profilbildung) auch für den Master, nur dass hier das Studium zwei bis vier (weitere) Semester dauert.

Bologna:
Eine der ältesten Universitätsstädte in Europa - und seit 1999 Namensgeberin des gleichnamigen Prozesses, zu dem sich mittlerweile 46 Staaten verabredet haben. Ihr Ziel: Bis 2010 wollen sie einen einheitlichen Hochschulraum schaffen, in dem die Studierenden und Nachwuchsforscher völlig unbürokratisch und mobil durch Europa wandeln. Damit machten sie das europäische Hochschulsystem zur Großbaustelle. Vom Endzeitpunkt 2010 ist man spätestens seit der Bologna-Nachfolge-Konferenz in --> London wieder abgerückt - aber wenn's bis 2013 klappt, wäre das auch bemerkenswert.

Credit Points:
Was früher die Scheine waren, sind heute die Kreditpunkte, wie man im Denglisch-Rausch der neuen deutschen Hochschule etwas altbacken übersetzen würde. Ein Bachelor-Student muss davon bis zum Examen in der Regel 180 Stück sammeln (siehe auch à ECTS). Ein Punkt entspricht in Deutschland einem Arbeitsaufwand von 30 Stunden. Im Bachelor-Sprech wird das als -->workload bezeichnet.

Diploma Supplement:
Begleitbrief zum Hochschulabschluss, der natürlich auf Englisch verfasst wird und eine standardisierte Beschreibung des erfolgreich abgeschlossenen Studiums und seiner Inhalte enthält - damit auch wirklich jeder weiß, was der frischgebackene -->Bachelor denn nun gemacht hat.

Dünnbrettbohrer, auch: Discount-Akademiker
Spottbezeichnung der Skeptiker für die Bachelor-Absolventen. Den neuen Abschluss verhöhnten sie zunächst auch gern als "Nottaufe für ein ansonsten namenloses Zwischenzeugnis" oder als "Dekoration für eine kleine Rundreise durch die Uni".

Die Bildungsminister sehen das anders: Schnell, praxisnah, effektiv - so stellen sie sich die Studiengänge der Zukunft vor. Deshalb sollen fortan statt der früher üblichen mindestens fünf Jahre (Diplom, Magister, Staatsexamen) auch drei Hochschuljahre für eine akademische Ausbildung reichen. Dann gibt's nämlich den -->Bachelor und damit den ersten berufsqualifizierenden Abschluss. Schöner Nebeneffekt für die öffentlichen Haushalte: Kürzere Verweildauer an den Hochschulen + schnellerer Durchsatz der Studenten = Einsparmöglichkeiten. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

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Forum - Verkommt die Uni zur Studentenfabrik?
insgesamt 1657 Beiträge
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1.
DJ Doena 26.04.2008
Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?
2.
Senfkorn 26.04.2008
Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen. In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern. Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen. Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.
3. Alter Wein in neuen Schläuchen
Kristian Viesmann 26.04.2008
Der Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
4. Studium Generale?
ondrana 26.04.2008
Zitat von Kristian ViesmannDer Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
5.
Kristian Viesmann 26.04.2008
Zitat von ondranaVon mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen. Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen? Kopfschüttelnd, Kristian Viesmann
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Wie geht das mit der Akkreditierung?
Alle Bachelor- und Masterstudiengänge müssen akkreditiert, also begutachtet und zugelassen werden - mindestens alle sieben Jahre. Dafür ist ein Netz von zehn Akkreditierungsagenturen zuständig.
Wer hat die Studiengänge so gestaltet, wie sie sind?
Die Agenturen erhalten ihre Lizenz vom zentralen Akkreditierungsrat, der wiederum von den Kultusministern der Länder und den Hochschulrektoren eingesetzt wurde. Aufgabe der in der Öffentlichkeit kaum bekannten Organisationen ist es, die Vorgaben der Kultusminister für Bachelorstudiengänge auszulegen und umzusetzen - dazu gehören Dauer, Lernpensum und Ausstattung der Studiengänge. Zwischen 10.000 und 15.000 Euro kann so eine Bewertung durch eine Akkreditierungsagentur wie AQAS für einen Bachelor-Studiengang kosten - um diese Ausgaben kommen Unis und FHs nicht herum. Ebensowenig wie um den umfangreichen, oft mehrere hundert Seiten starken Antrag samt Modulhandbuch und konzeptioneller Beschreibung.
Lernen die Akkreditierer aus ihren Fehlern?
Als Reaktion auf Bachelorkrise und Bildungsstreik hat der Akkreditierungsrat seine Kriterien geändern. Die "Studierbarkeit" wurde aufgewertet und ist ein eigenes Kriterium bei der Begutachtung von Studiengängen geworden. Die Akkreditierungsagenturen sollen jetzt auch prüfen, ob die Arbeitsbelastung eventuell zu hoch ist und ob die Studenten adäquat betreut werden. Zur Diskussion um die "Studierbarkeit" von Studiengängen sagte Rolf Dobischat vom Deutschen Studentenwerk, das sei, "als müsse man über die Trinkbarkeit von Trinkwasser diskutieren".
Was soll sich für die Studenten ändern?
Die Akkreditierer wollen die Zahl der Prüfungen einschränken. Unter andderem soll ein Studienmodul, also ein Fachgebiet, künftig "in der Regel nur mit einer das gesamte Modul umfassenden Prüfung" abgeschlossen werden. Bisher gab es teilweise drei oder mehr Prüfungen. "Wir fassen uns da an die eigene Nase", sagte Achim Hopbach, Geschäftsführer des Rates. "Bisher haben wir zu viele Studiengänge mit zu vielen Prüfungen zugelassen". Auch "Geschlechtergerechtigkeit und Chancengleichheit" ist ein neues Kriterium, das anzuwenden ist.

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