Uni Bolognese: "Für die Studierenden ist das eine Chance"

Die Bachelor-Master-Umstellung macht deutsche Hochschulen zur Großbaustelle. Viele Studentenvertreter sind dagegen - aber Imke Buß vom Dachverband fzs sieht die Bologna-Ideen positiv. Im Interview erklärt die Göttinger Studentin, wo es bei den Reformen noch hakt.

Imke Buß: "Wir müssen die Bologna-Chancen nutzen"
FZS

Imke Buß: "Wir müssen die Bologna-Chancen nutzen"

Imke Buß, 23, studiert Wirtschaftspädagogik und Spanisch an der Universität Göttingen - ein kombinierter Diplom-Staatsexamens-Studiengang, der noch nicht zu den neuen Abschlüssen Bachelor oder Master führt. Seit 2007 ist sie Vorstandsmitglied im Freien Zusammenschluss von StudentInnenschaften (fzs). Als Bologna-Expertin für den Deutschen Akademischen Austauschdienst hat sie Studenten und Professoren an zahlreichen deutschen Unis und Fachhochschulen über den Bologna-Prozess informiert.

SPIEGEL ONLINE: Neun Jahre läuft der Bologna-Prozess schon, Bachelor und Master lösen die traditionellen Studienabschlüsse ab. In der Debatte treten Studentenvertreter meist als Kritiker einer zunehmenden Ökonomisierung und Verschulung des Studiums auf. Trotzdem ziehen Sie eine vorsichtig positive Zwischenbilanz. Woher kommt die Kehrtwende?

Imke Buß: Wie kommen Sie auf Kehrtwende? Ich habe eher den Eindruck, dass Bildungspolitiker und Hochschulvertreter zunehmend erkennen, wo es noch hakt und worauf wir immer wieder hingewiesen haben. Der Bologna-Prozess war ja von Anfang an mehr als die Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen, auch wenn das längst nicht allen klar war.

Wenn die Politik neuerdings betont, dass die Hochschulen eben auch Schulen sind, in denen das Lernen im Mittelpunkt steht, dann kann ich diese Hinwendung zu den Studierenden nur begrüßen. Endlich kommen nicht nur Strukturfragen auf den Tisch, sondern eben auch Fragen der Kompetenzvermittlung: Welche Fähigkeiten soll eine Absolventin haben, und wie bringen wir ihr diese Fähigkeiten bei? Diese Kompetenzen gehören zu den Grundideen des Bologna-Prozesses - und diese Ideen sind für die Studenten sehr positiv.

SPIEGEL ONLINE: Sind Sie denn von allen linken Geistern verlassen? Sonst ist Astas und Studentenräten doch nahezu alles, was von oben - sprich: von den Bildungsministern - kommt, erst einmal suspekt…

Buß: Ich würde es anders formulieren: Was von oben kommt, sollte man wirklich sehr genau in Augenschein nehmen. Und Flexibilität im Studium, internationale Mobilität, aber auch Persönlichkeitsentwicklung oder die soziale Komponente beim Hochschulzugang - das sind alles gute Ideen, die im Bologna-Prozess mit verabredet wurden und die dafür sorgen, dass die Hochschulen wieder mehr für die Studierenden da sind. Das begrüßen wir. Die linke Position besteht dann darin, den Studierenden das Handwerkszeug zu geben, damit sie die Umsetzung der Reformen mitgestalten und ihren Bedürfnissen entsprechend beeinflussen können.

SPIEGEL ONLINE: Also ist der Bologna-Prozess eine gute Sache und wird nur schlecht umgesetzt?

Buß: In Deutschland ganz bestimmt. Hier weiß doch kaum jemand, wofür Bologna eigentlich steht. Bachelor und Master, ja klar, aber darüber hinaus? Ich habe eher das Gefühl, dass die Hochschulleitungen momentan pauschal jede Veränderung mit Bologna begründen - egal, ob sie sinnvoll ist oder nicht.

SPIEGEL ONLINE: Zum Beispiel?

Buß: Nehmen Sie nur die mittlerweile überall üblichen Anwesenheitslisten. Mit den reformierten Studiengängen hat das gar nichts zu tun, schließlich sollen Kompetenzen vermittelt werden und nicht Anwesenheitsstunden gesammelt. Oder der Trend, Studienangebote nur noch zum Wintersemester beginnen zu lassen: Das ist das Gegenteil der im Bologna-Prozess gewollten Flexibilität. Und es gibt natürlich auch überhaupt keinen Zwang, die Übergangsquoten vom Bachelor- zum Masterstudium so klein zu halten, dass nur ein kleiner Teil der B.A.-Absolventen wirklich weitermachen kann. Da werden die Reformen für willkürliche Sparmaßnahmen missbraucht.

SPIEGEL ONLINE: Lässt sich im Bologna-Prozess denn noch viel verbessern? 2010 soll er abgeschlossen sein, da bleibt ja wenig Zeit.

Buß: Die Reformen werden uns ganz sicher noch über diesen Zeitpunkt hinaus beschäftigen. Und dass sich noch einiges ändern muss, ist ja wohl auch klar. Ich habe jedenfalls immer wieder zu hören bekommen, dass der Stress und die Belastung für die Studierenden enorm angewachsen sind. Es gibt kaum noch Zeit zum Jobben oder gar zur persönlichen Entfaltung, in vielen Studiengängen steht das möglichst schnelle Einpauken des Wissens im Mittelpunkt. Aber die Debatte in Deutschland verändert sich gerade: Die Lehrenden fangen an, über ihre Lehrformen nachzudenken und damit auch über die Bedürfnisse der Studenten. Das ist die Chance, die wir nutzen müssen, um die Hochschulen wirklich nachhaltig zu verbessern.

Das Interview führte Armin Himmelrath

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Forum - Verkommt die Uni zur Studentenfabrik?
insgesamt 1657 Beiträge
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1.
DJ Doena 26.04.2008
Gegenfrage: Ist die Uni denn Selbstzweck?
2.
Senfkorn, 26.04.2008
Das Bachelorstudium ist mittlerweile eine Fortsetzung von Schule. Auswendiglernen, Testen, Vergessen. In Deutschland lebt man nicht behütet auf dem Campus, sondern wohnt vielleicht zum ersten Mal alleine, muss Wohnung, Haushalt organisieren, dazu die neue Situation an der Uni. Wenn dann in den ersten Monaten schon Prüfungen geschrieben werden, die für die Endnote relevant sind, braucht man sich über hohe Abbrecherquoten auch nicht wundern. Dazu wird duch die enge Taktung Studenten das Leben erschwert, die sich selbst finanzieren müssen. Der Verdacht liegt nahe, das dies auch so gewollt ist, wozu gibt es Studienkrdite und schon hat man neue Kunden für die Finanzwirtschaft gewonnen. Insgesamt wird zur Zeit in der Bildung nur gehetzt, ohne Sinn und Verstand, früher Einschulen, G8, Bachelor. Vielleicht läuft sich das ein, aber einige Generationen werden dabei wohl verloren gehen.
3. Alter Wein in neuen Schläuchen
Kristian Viesmann, 26.04.2008
Der Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
4. Studium Generale?
ondrana 26.04.2008
Zitat von Kristian ViesmannDer Bologna (http://de.wikipedia.org/wiki/Bologna-Prozess) Prozess ist mir ein Graus. Wenn ich die Bachelor Informatiker in meinen Tutorium ein wenig nach mathematischen Hintergrundwissen frage, ist es sehr still. Was hat das noch mit Informatik zu tun? Das gleiche höre ich von vielen Kollegen, die selbst mit Diplom abgeschlossen haben, und nun mit Bachelor-Studenten Umgang haben - Es geht nur noch um pauken pauken pauken. Wissen, Lust am Fach? Uninteressant, wichtig sind nur die Klausuren, von den es reichlich jedes Semester gibt. Das sollen Wissenschaftler werden? Das ist Pfusch, das hat doch nichts mehr mit der Jahrhunderten alten Tradition zu tun - Humbold (http://de.wikipedia.org/wiki/Humboldtsches_Bildungsideal) muss im Grabe sich nicht nur drehen, sondern schon rotieren!
Von mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
5.
Kristian Viesmann, 26.04.2008
Zitat von ondranaVon mir behaupte ich, eine außergewöhnlich breite Allgemeinbildung zu haben. Die ist mir nur zum Teil von zu Hause anerzogen worden, denn meine Eltern waren sehr einfache Leute, die mir aber den Drang anerzogen haben, mich umzuschauen und mehr als meine kleine Welt wahrzunehmen. Im Studium habe ich mit vielen Dingen Kontakt gehabt, die mir von zu Haus aus fremd waren, die aber mein Leben und meine Grundeinstellung zum Leben und den Menschen geprägt haben. An den Cafeteriatischen der Uni hatte ich Kontakt mit Musikern - also machte ich beim Unichor mit und bekam tiefe Einblicke in die klassische Musik. Im Unichor lernte ich dann Biologen kennen und ich half ihnen im Labor bei den Versuchen für ihre Examensarbeit. Eine völlig neue Welt! Aktiv zu sein im ASTA prägte mich hinsichtlich meiner späteren politischen Aktivitäten. Ein Literaturzirkel interessierter Studenten entwickelte sich zu einer Theatergruppe und wir hatten wunderbare Aufführungen auf höchstem Niveau. Dort lernte ich Selbstvertrauen, Mut, Konzentration. Außerdem verbrachte ich ein Jahr in England an einer englischen Schule als Assistant Teacher. Trotz alle dem - oder vielleicht GERADE DESWEGEN- habe ich mein Studium mit guten Noten in der Regelstudienzeit abgeschlossen. Vielleicht bin ich ja eine Bildungsromantikerin, aber ich bin der Meinung, dass zu Menschen, die ja irgendwie später zur Führungsschicht gehören (fachlich oder politisch), etwas mehr gehört als Fachidiotentum. Studenten muss die Möglichkeit gegeben werden, über den Tellerrand hinauszuschauen. Sie müssen sich ausprobieren können und ihre Stärken und Schwächen herausfinden, sowohl menschlich als auch fachlich. Das Bachelorstudium schient in dieser Hinsicht nicht der richtige Weg zu sein.
Die Bachelor-Studiengänge haben nur ein Ziel: Die Wirtschaft schnell mit Fachkräften zu versorgen. Toller Lebenslauf, sollen wir jetzt alle klatschen und uns geehrt fühlen, mit einem Vertreter der geistigen Elite ein Thread teilen zu dürfen? Kopfschüttelnd, Kristian Viesmann
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