Uni-Deal mit Deutscher Bank: "Ich verstehe die Aufgeregtheit nicht"
Seine Uni ließ ein Institut von der Deutschen Bank bezahlen und räumte ihr Mitsprache ein bei Lehre, Forschung, Personal. Im Interview verteidigt Jörg Steinbach, Präsident der TU Berlin, den umstrittenen Deal - und weist den Vorwurf der Käuflichkeit von sich.
SPIEGEL ONLINE: Herr Steinbach, Ihre Universität hat sich, gemeinsam mit der Humboldt Universität, ein Institut für Finanzmathematik und zwei Professoren von der Deutschen Bank bezahlen lassen, vier Jahre lang, drei Millionen Euro jährlich. Die Bank durfte dafür in der Berufungskommission sitzen, ein Veto bei Veröffentlichungen einlegen, über Forschungsprojekte mitentscheiden. War das ein Fehler?
Steinbach: Das eingerichtete Quantitative Products Laboratory ist eine selbständige juristische Einrichtung und kein Institut der Universität. Aber zu Ihrer Frage: Nein, es war kein Fehler. Auch wenn ich zugebe, dass ich einzelne Elemente des Vertrags aus heutiger Sicht anders verhandeln würde. Aber diese Teile stellen nicht den Vertrag als Ganzes in Frage.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben der Deutschen Bank versprochen, ihr beim Rekrutieren neuer Mitarbeiter zu helfen und ihr geeignete Studenten und Absolventen zuzuführen.
Steinbach: Bei Rekrutierung und Werbung gebe ich zu, dass solche Vereinbarungen nicht üblich sind. Ich weiß nicht, warum das damals so gemacht wurde, heute würden wir das anders machen.
SPIEGEL ONLINE: Sie haben der Bank redaktionelle Inhalte in Uni-Medien versprochen.
Steinbach: Die Bank hat das nie in Anspruch genommen. Aber auch eine solche Vereinbarung würde ich heute nicht wieder abschließen.
SPIEGEL ONLINE: Aber eine Sperrklausel zur Veröffentlichung wissenschaftlicher Erkenntnisse ist unbedenklich?
Steinbach: Ja, völlig unbedenklich. Ich verstehe die Aufgeregtheit darüber nicht. Seit über 40 Jahren gibt es neben der überwiegend durchgeführten Grundlagenforschung auch Auftragsforschung an Universitäten. Wenn dort Daten einfließen, die für die Firmen einen Wettbewerbsvorteil bedeuten, werden diese Daten geschützt. Das ist absolut üblich.
SPIEGEL ONLINE: Im Vertrag steht nichts von "Wettbewerbsvorteilen". Dort heißt es: "Alle Forschungsergebnisse" aus der Kooperation seien der Deutschen Bank "mindestens 60 Tage vor Weitergabe an Dritte zur Freigabe vorzulegen". Die Banker bekommen bei Erstveröffentlichungen ein Vetorecht.
Steinbach: Das sind alles völlig gängige Formulierungen. Man differenziert nicht zwischen Wettbewerbsvorteil und Betriebsgeheimnis und so weiter. Natürlich lebt die Wissenschaft davon, dass wir veröffentlichen. Deswegen sichert der Partner aus der Wirtschaft auch zu, das nicht "unbillig" zu verweigern.
SPIEGEL ONLINE: Sehr großzügig.
Steinbach: Mit Großzügigkeit hat das nichts zu tun. Beide Seiten erkennen die Interessen des anderen auf Augenhöhe an. Ich kenne auch keine Veröffentlichung, die an einer solchen Regelung gescheitert ist.
SPIEGEL ONLINE: Ihre Kollegen bewerten den Vertrag anders. Der Deutsche Hochschulverband hatte den Eindruck, hier solle Wissenschaft eingekauft werden. HU-Präsident Jan-Hendrik Olbertz sagte, künftig müsse die Unabhängigkeit der Wissenschaft deutlicher artikuliert werden.
Steinbach: Ich spreche als Präsident einer Technischen Hochschule. Wir frönen nicht nur der reinen Forschung, sondern wollen auch Probleme lösen. Wir müssen den Unternehmen ermöglichen, unsere Erkenntnisse in praktische Maßnahmen und Produkte umzusetzen. Diese Zusammenarbeit mit der Wirtschaft hängt natürlich auch mit der Fächerkultur zusammen.
SPIEGEL ONLINE: Die anderen sollen sich mal nicht so haben, sagen Sie?
Steinbach: So ist es nicht gemeint. Aber wenn sich andere Universitäten mit anderen Schwerpunkten anders positionieren und andere Auffassungen entwickeln, dann ist das eben so. Ich kann nicht für Sozial- oder Kulturwissenschaftler sprechen, sondern für die Mathematik, die Natur- und die Ingenieurswissenschaften.
SPIEGEL ONLINE: In Ihren Disziplinen ist es völlig in Ordnung, der Wirtschaft großzügig Mitspracherecht einzuräumen?
Steinbach: Es gibt natürlich Risiken, wenn eine Universität mit der Wirtschaft kooperiert; Auftragsforschung ist nun mal riskant. Ich verharmlose das nicht. Aber wir können mit dem Risiko bewusst umgehen, wir können es einschätzen und beherrschen. Anders sind manche Forschungsprojekte schlicht nicht zu finanzieren, also ohne Geld aus der Industrie.
SPIEGEL ONLINE: Sie müssen sich also ein Stück weit verkaufen?
Steinbach: Ich sage es noch mal: Wir haben uns nicht verkauft. Und es war auch kein Geheimvertrag, den wir abgeschlossen haben. Alle universitären Gremien haben ihm zugestimmt. Dazu kommt: Unsere Wissenschaftler sind selbstbewusst genug, nein zu sagen, wenn ihnen etwas nicht passt.
SPIEGEL ONLINE: Wie groß ist das Selbstbewusstsein eines Wissenschaftlers, nein zu sagen, wenn er um die Anschlussfinanzierung fürchten muss? Im konkreten Fall ging es immerhin um die Option auf weitere vier Jahre, also auf zwölf Millionen Euro.
Steinbach: Ich kenne an unserer Universität kein Taktieren, das auf eine solche Verlängerung ausgerichtet ist. Und die Deutsche Bank hat die Verlängerungsoption auch nicht gezogen.
SPIEGEL ONLINE: Die Professuren werden jetzt, nach Vertragsende, bestehen bleiben?
Steinbach: Ja, es sind Strukturprofessuren, die Kollegen sind verbeamtet. Aber die Deutsche Bank hat keinen Einfluss ausgeübt bei der Berufung.
SPIEGEL ONLINE: Sie saß in der Berufungskommission.
Steinbach: Ja, aber sie hat nicht über die Berufung entschieden.
SPIEGEL ONLINE: Verteidigen Sie den Vertrag so vehement, weil Sie fürchten, Sponsoren aus der Wirtschaft zu verlieren?
Steinbach: Ich verteidige nur einen Teil des Vertrages - aber bei diesem Teil handelt es sich um vollkommen übliche Vereinbarungen.
Das Interview führte Oliver Trenkamp
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