Von Markus Böhm
Schmuck, Bücher, Geldbeutel: Jedes Semester werden Tausende von Dingen in Deutschlands Unis vergessen. Die meisten Gegenstände bleiben in den Hörsälen, Mensen und Bibliotheken liegen. Dort verliert man schon mal seinen 160-Euro-E-Book-Reader oder zwischen den Bücherregalen bleibt eine Wanduhr zurück, die sich ein vergesslicher Student wohl für die Klausur mitgebracht hatte.
Allein an der TU Chemnitz, mit rund 10.000 Studenten eine durchschnittlich große Hochschule, kommen jährlich rund 600 Fundsachen zusammen. "Am häufigsten sind Kleidungsstücke wie Pullover, Jacken und Brillen", sagt Uni-Mitarbeiterin Nancy Buschbeck, die das Fundbüro betreut. An der Uni Hannover liegen Taschenrechner und Handys vorn, in Konstanz USB-Sticks, Bücher und Schlampermäppchen. "Besonders viel wird in den Semesterferien und auf Uni-Partys vergessen", sagt Claudius Eisermann, Hausmeister der Uni am Bodensee.
Je größer eine Uni ist, desto mehr fällt an - und desto seltsamer sind die Fundstücke. An der Ruhr-Uni Bochum, die 34.000 junge Menschen besuchen, blieb einmal ein Gehstock liegen, ein andermal gab das Putzpersonal einen Videorecorder ab. "Derzeit rätseln wir, ob die Breitling-Uhr echt ist, die wir vor wenigen Tagen bekommen haben", sagt Andreas Blotko, Koordinator des Campus-Service der Uni Bochum.
Stinkende Jacken? Nein, danke!
Angenommen wird aber nicht alles, in Hannover etwa gibt es klare Hygiene-Regeln. "Wenn mir eine Putzfrau eine vergessene Jacke nur mit spitzen Fingern reicht, dann lasse ich sie lieber direkt entsorgen", sagt Dietmar Haase und ergänzt hausmeisterlich: "Manchmal habe ich den Eindruck, einige Studenten haben auch mit 20 das richtige Zusammenspiel von Seife und Wasser noch nicht gelernt."
Haase wundert die geringe Abholquote in seinem Fundbüro. Nur jeden zehnten Gegenstand werde er wieder los, schätzt der Fundbüro-Veteran. Und auch die Chemnitzer Hochschüler lassen viel liegen und holen wenig ab - "vielleicht fünf Prozent aller Fundsachen", sagt Nancy Buschbeck. "Im vergangenen Jahr hatten sich zehn Handtücher angesammelt, zurückgeben konnten wir nicht eines. Wir hatten hier sogar schon einen Laptop und niemand hat danach gefragt."
Um sicherzugehen, dass wertvolle Gegenstände vom rechtmäßigen Eigentümer abgeholt werden, haben die Mitarbeiter ihre Tricks: "Handys bekommt nur, wer den PIN-Code korrekt eingibt", sagt Andreas Blotko von der Uni Bochum. "Bei USB-Sticks muss der Abholer beschreiben, was er gespeichert hat. Und bei allem anderen sollte er wissen, an welchem Ort etwas verloren wurde." In Chemnitz notieren sich die Mitarbeiter die Kontaktdaten jedes Abholers. "Bisher kam es aber noch nicht vor, dass zwei Leute denselben Gegenstand verlangt haben", sagt Nancy Buschbeck.
Meist werden die Uni-Fundsachen ein halbes Jahr lang aufbewahrt, in Hannover sogar bis zu anderthalb Jahre. Danach landen sie je nach Wert und Zustand entweder im städtischen Fundbüro, im Müll, in der Altkleidersammlung oder in Hannover bei einer Auktion. In Ausnahmefällen kommt es auch vor, dass sich ein Fundbüro gar nicht von einem Fundstück trennen mag. In Konstanz hütet Claudius Eisermann seit zwei Jahren Steigeisen fürs Eisklettern, die er einfach nicht wegwerfen will. Anders sah es bei der Katze aus, die neulich jemand brachte. Da rief er schnell das Tieramt zu Hilfe.
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