Uni-Gründung Ave Maria: Campus ohne Sünde

Von David Goeßmann

In Florida bauen sittenstrenge Christen eine Hochschule mit Kleinstadt drumherum. Gründer Tom Monaghan, Pizza-Milliardär und Missionar, hält das Katholiken-Paradies für Gottes Willen. In Ave Maria gilt ein eherner Moralkodex - eine Kampfansage an das liberale Amerika.

Der Rasen ist gepflegt, die Wege sind sauber gepflastert. Das kleine Haupthaus der Universität wird eingerahmt von Palmen. Studenten schlendern hinüber zu den von Bächen umflossenen Campuswohnungen mit separaten Wohnbereichen für Frauen und Männer. Eine kleine Kapelle ist eingefügt in das Naturidyll. Dort findet die tägliche Messe statt.

Das katholische Paradies für Studenten existiert vorerst nur auf dem Papier. Doch der amerikanische Milliardär Monaghan, Gründer der Fast-Food Kette Domino's Pizza, will das ehrgeizige Vorhaben verwirklichen. Noch ist die 2003 neugegründete katholische Universität Ave Maria auf einem beschaulichen Areal in Naples im Südwesten Floridas untergebracht. Bereits im nächsten Jahr soll sie umziehen.

Auf über 2000 Hektar Fläche sind bereits die ersten Fundamente gegossen und der Grundstein gelegt für den "Himmel auf Erden". Eine ganze Stadt soll um die Universität herum gebaut werden, mit Geschäftsstraßen, Restaurants, und Büros, gruppiert um eine monumentale Kirche. 30.000 Menschen, darunter 6000 Studenten, sollen dort einmal leben - und zwar nach strengen religiösen Werten.

Eine Stadt um die Universität

Ave Maria ist die erste moderne Stadt, die um eine Universität gebaut wird, und es ist die erste katholische Stadtgründung der Vereinigten Staaten. Für Monaghan, Initiator und mit über 200 Millionen Dollar Zuschuss der Hauptfinanzier des Projekts, ist es schlicht "Gottes Wille": "Ich glaube, dass die ganze Menschheitsgeschichte eine einzige große Schlacht zwischen dem Gutem und dem Bösen ist. Ich will dabei nicht an der Seitenlinie stehen und nur zuschauen."

Als Monaghan vor 15 Jahren das Buch "Mere Christianity" von C.S. Lewis las, erkannte er sein bisheriges Leben als sündenbeladen. Er verkaufte seine Pizza-Fastfood-Kette, die zweitgrößte in den USA, für eine Milliarde Dollar, verabschiedete sich von Yachten, Privatflugzeugen und Luxusvillen und widmete sich ganz der christlichen Mission.

Er gründete die Ave Maria Stiftung, die sich auf katholische Erziehung, Medienarbeit und karitative Projekte konzentriert, einen katholischen Radiosender, eine katholische Schule, eine Anwaltskanzlei, die die Rechte von Christen schützen will. Monaghan finanzierte auch politische Aktionen gegen Abtreibung. Eine Saulus-Paulus-Geschichte und zugleich die Wiedergeburt des streng katholischen Lebens aus dem Geiste des US-Kapitalismus.

Keine Kondome, keine Homosexualität

Ave Maria ist Monaghans ambitioniertestes Projekt. Es soll eine Stadt ohne Sünde werden. Als Monaghan vor gut einem halben Jahr ankündigte, es werde in Ave Maria keine Verhütungsmittel geben, keine Kondome, keine Abtreibungen, keine Pornographie und Erotik, prasselten Einsprüche und Kritik auf ihn nieder.

Bürgerrechtsbewegungen sehen die Trennung von Staat und Kirche gefährdet und drohen mit Prozessen. Der Direktor der American Civil Liberties Union Howard Simon verweist auf Aussagen des Supreme Court von 1946, dass "Besitz einer Stadt nicht immer absolute Herrschaft" bedeute.

Schnell bemühten sich Monaghan und die am Bau beteiligte Immobiliengesellschaft, die Wogen zu glätten. Man werde sich an die Gesetze Floridas halten. Allerdings werden die Initiatoren und Planer diejenigen Apotheken und Geschäftsleute auswählen, die sich in Ave Maria niederlassen dürfen. Das Naples Community Hospital, das eine Klinik in der Stadt eröffnen will, hat bereits deutlich gemacht, dass man Ave-Maria-Studenten keine Verhütungsmittel verschreiben werde.

"Sehr verstörend" sei die Idee einer katholischen Stadt, sagt Frances Kissling, Präsident einer liberalen katholischen Vereinigung. "Wir sollten andere Religionen und Nichtgläubige respektieren. Die Idee einer rein katholischen Stadt geht dem absolut entgegen."

Steigendes Bedürfnis nach religiöser Erziehung

Dass die erste katholische Universitätsgründung in den USA seit 40 Jahren Erfolg haben wird, ist wahrscheinlich, bedient sie doch das steigende Bedürfnis nach religiöser Erziehung im Land. Mehr als 1,3 Millionen Studenten studieren, so Naomi Schaefer Riley in ihrem Buch "Gott auf dem Campus", zurzeit in den USA an mehr als 700 christlich und jüdisch orientierten Hochschulen.

Die mehr als 100 Mitgliedshochschulen des "Rates für christliche Kollegs und Universitäten" haben in den Jahren zwischen 1990 und 2002 bei den Immatrikulationen einen enormen Anstieg von 60 Prozent verzeichnet. Um den Studenten eine Alternative zu einer "spirituell leeren Erziehung" zu bieten, herrscht an den religiösen Unis ein strenger Ehrenkodex. Studenten müssen in manchen Fällen Glaubensbekenntnisse unterschreiben. In Ave Maria gehört der tägliche Gottesdienst zum "gesunden moralischen Lebensstil". Die Wohnbereiche für Studenten und Studentinnen sind voneinander getrennt. Wer gegen die Besuchsregeln verstößt, dem drohen Strafen. Gruppen, die Homosexualität unterstützen, sind verboten.

Auf dem Campus ist bereits mit dem Bau der gigantischen Kirche begonnen worden. Sie soll einmal 1100 Gläubige fassen, die dort von morgens bis abends Gottesdienste feiern können. Vor der Kirche wird ein 20 Meter hohes Kruzifix stehen, das höchste Kreuz in den USA. Das Interesse, eine der 11.000 Ave-Maria Residenzen zu ergattern, steigt ständig, 30.000 Anfragen liegen vor.

Die ersten Bewohner werden im Frühjahr in die Stadt ziehen, unter ihnen wird das Ehepaar Dix sein. Sie haben bereits die Provision für ihr neues Domizil bezahlt und wollen ein Café in der Stadt aufmachen: "Es reizte uns, in einer College-Stadt zu leben mit einer guten Umgebung. Wir schätzen die dort aufrecht gehaltenen Familienwerte."

"Geistige Militärakademie"

Doch Ave Maria ist mehr als eine familienfreundliche Stadt. Es ist eine Kampfansage an das liberale Amerika. So zeigt sich Monaghan besorgt über die Unfähigkeit der westlichen Zivilisation, sich gegen den islamischen Fundamentalismus zu wehren. In einer Rede warnt Ave-Maria-Präsident Nick Healy die Studenten davor, dass der "Islam nicht mehr einem religiös angetriebenen Westen" gegenüberstehe.

Monaghans Ausspruch, es handele sich bei der Ave Maria University um eine "spiritual military academy" (geistige Militärakademie) ist da durchaus wörtlich zu nehmen. Die Universität hat einen "Marine scholarship fund", ein Stipendienprogramm, mit dem mehr Soldaten auf den Campus geholt werden sollen. Der Dekan der theologischen Fakultät, Pfarrer Michael Beers, ist Oberstleutnant des Geheimdienstes der amerikanischen Luftwaffe. Er versucht, Studenten für den Dienst als Militärgeistliche zu gewinnen.

Nächstes Jahr sollen die ersten Gebäude der Stadt Gottes stehen, in 10 bis 15 Jahren will man die letzte Bauphase beenden. Jeb Bush, Bruder von US-Präsident George W. Bush und Gouverneur von Florida, unterstützt das Projekt. Auch im Vatikan zeigt man Interesse. Bei einem Besuch des Kanzlers der Ave Maria University, Jesuitenpater Joseph Fessio, im Vatikan erkundigte sich Papst Benedikt XVI nach dem aktuellen Stand: "Wie steht es mit Ave Maria?" Fessio hatte beim damaligen Kardinal Ratzinger promoviert.

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