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Uni in Palästina: Studium je nach Laune der Soldaten

Von Florian Grosser

Das Studentenleben in Birzeit nahe Ramallah ist alles andere als normal. Wer auf den Campus will, muss jeden Tag erst an israelischen Checkpoints vorbei. An der Uni studieren viele Frauen, mal verschleiert, mal westlich gekleidet - aber viele brechen das Studium ab.

Auf der Jaffa Street herrscht Hochbetrieb. So haben die Studenten der Universität von Birzeit die schmale Straße scherzhaft getauft, die auf dem Campus die Gebäude verbindet. "In Anspielung auf die berühmte Jerusalemer Einkaufs- und Flaniermeile", sagt Natasha Aruri, 23, und schmunzelt.

Panorama-Blick: Der Campus der Universität Birzeit
Natasha Arouri

Panorama-Blick: Der Campus der Universität Birzeit

Tief verschleierte Studentinnen schlendern mit ihren bauchfreien Freundinnen an ihren Kommilitonen vorbei, die desinteressiert tun und sich in der Sonne räkeln. "Sehen und gesehen werden – wie an allen anderen Universitäten auch", sagt Natasha, die ihr Architekturstudium im letzten Sommer abgeschlossen hat.

Sie kann sich noch gut daran erinnern, dass die Atmosphäre zwischen den hellen Sandsteinbauten der Uni im Westjordanland nicht immer so unbeschwert war. "2002 und 2003 waren schlimme Jahre", sagt sie und rückt ihre riesige dunkle Sonnenbrille zurecht. "Man konnte sich nie sicher sein, ob man es tatsächlich ins Seminar schafft oder am Checkpoint wieder nach Hause geschickt wird." Der Checkpoint Surda, den die israelische Armee nach Ausbruch der zweiten Intifada auf halbem Weg zwischen Ramallah und dem Dorf Birzeit eingerichtet hatte, machte den Weg in die Vorlesungen zum täglichen Glücksspiel.

Auch in diesen Tagen gibt es wieder schwere Unruhen - in Ramallah ist es bisher jedoch weitgehend ruhig geblieben. Nur vereinzelt machen Studenten, die der Hamas zugeneigt sind, ihrem Unmut über die veränderten Machtverhältnisse in der Westbank Luft und hängen nachts Plakate auf dem Campus auf.

Die Universität, an der rund 7000 Menschen studieren, ist dennoch ein gutes Stück von der Normalität entfernt. Die chronischen Finanzprobleme können durch die ebenso großzügigen wie unregelmäßigen Spenden aus den Golfstaaten nicht aufgefangen werden. Die Studienerfolge der Studenten aus den entlegeneren Teilen der Westbank hängen noch immer wesentlich davon ab, wie viele Checkpoints es gibt und wie die Soldaten gelaunt sind, die sie bewachen.

Studentinnen, die 52 Prozent der Studentenschaft von Birzeit ausmachen, haben es besonders schwer: In ihre akademische Ausbildung investieren Familien besonders in wirtschaftlich schwierigen Zeiten deutlich weniger als in die ihrer Brüder. "Die Rate der weiblichen Studienabbrecher ist um ein Vielfaches höher als die der männlichen. Das ist ein ernstes Problem – nicht nur für die Zukunft unserer Universität, sondern für die gesamte palästinensische Gesellschaft", sagt Basima Khoury, 44, Geschäftsführerin des Institute of Women’s Studies (WSI).

Die Ängste der Männer zerstreuen

Das Institut, das den Studiengang Gender and Development anbietet, ist in mehrfacher Hinsicht einzigartig. Trotz erheblicher Widerstände aus der patriarchalisch strukturierten Gesellschaft gelingt es dem WSI als einzige Einrichtung dieser Art im muslimischen Nahen Osten, seit über einem Jahrzehnt zu bestehen. Die wichtigste Hilfe sind Stipendien, die den Studentinnen den Universitätsabschluss unabhängig von der finanziellen Situation ihrer Familien ermöglichen sollen.

Selbstbewusst berichtet Khoury, die in den USA studiert hat: "Einerseits sind wir ein ganz konventionelles akademisches Institut und kümmern uns um eine hochwertige Ausbildung unserer derzeit 44 Studentinnen und vier Studenten. Andererseits erfüllen wir hier aber auch die Funktion von Sozialarbeitern und versuchen, jungen Frauen – nicht nur Studentinnen des WSI – auch in Fragen des praktischen Lebens zu helfen."

In der Vorlesung Introduction to Women Studies geht es daher weniger um theoretische Diskussionen als vielmehr um lebensnahe Fragen wie Familienplanung oder Berufschancen von Frauen. "Die meisten Studentinnen, die den Weg zu uns finden, haben bereits ein Bewusstsein für Gender-Problematiken entwickelt. Für einige sind unsere Programme allerdings richtige Erweckungserlebnisse", berichtet Khoury, die eine ihrer zentralen Aufgaben darin sieht, die Ängste der Männer zu zerstreuen. "Unsere Männer müssen langsam begreifen, dass wir keine feministische Revolution planen, nur weil wir Frauen über ihre Rechte und Möglichkeiten informieren."

"Die Deutschen zieren sich ein wenig"

Um ein Stück Normalität bemüht sich auch das kleine Büro im Stockwerk unterhalb des WSI. Dort versucht man, ausländische Studenten nach Birzeit zu locken. Im Rahmen des Palestine and Arabic Studies Program (PAS) bietet die Universität Seminare zu Geschichte und Gesellschaft der Region und Sprachkurse an. Im aktuellen Semester haben sich etwa 35 Internationals für ein Studium eingeschrieben. Die meisten von ihnen kommen aus Japan.

Karte: Israel und Palästina
SPIEGEL ONLINE

Karte: Israel und Palästina

"Die Deutschen zieren sich in den letzten Jahren ein wenig. Zurzeit ist gerade einmal ein Student hier", sagt Helga Baumgarten, 55. Mit Unterbrechungen ist sie seit 1993 Repräsentantin des DAAD in den palästinensischen Gebieten und selbst als Politikwissenschaftlerin in Birzeit tätig. Sie bedauert die Skepsis ihrer Landsleute und verweist auf die Sommerkurse des PAS: "Da kann man ja mal ein bisschen reinschnuppern in das Leben in Palästina. Und wenn es einem gefällt, kann man länger bleiben."

Auch wenn sich Birzeit langsam zu einem veritablen Studentendorf entwickelt und das bunte Ramallah mit seinen vielen Cafés nur fünfzehn Minuten entfernt ist – ein klassisches Auslandssemester à la Montpellier oder Salamanca sollte an dieser Universität niemand erwarten. Denn nach wie vor ist die Gegend regelmäßiges Ziel nächtlicher Einfälle von israelischen Soldaten. Jerusalem und Tel Aviv sind nicht weit entfernt, doch der Gaststudent kann sie nur aus der Ferne, vom grünen Hügel über Birzeit aus bewundern - wenn während der hohen jüdischen Feiertage wie Purim oder Pessach die Westbank komplett abgeriegelt wird.

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Studium in Palästina: Am Checkpoint vorbei