Verlässliche Auskünfte sind momentan schwer zu bekommen in Sachsen-Anhalts Wissenschaftspolitik. Die alte Ministerin Brigitta Wolff (CDU) wurde gerade erst aus dem Amt gekippt, weil sie die Sparpläne der schwarz-roten Regierung nicht mittragen wollte. Ihr Amtsnachfolger Hartmut Möllring (CDU), früher Finanzminister in Niedersachsen, soll die Reformen jetzt exekutieren. Allerdings ist er gerade erst vereidigt worden, arbeitet sich also noch ein - und will sich vorerst nicht äußern, heißt es aus dem Ministerium.
In Halle rechnen Studenten und Mitarbeiter des dortigen Uni-Klinikums allerdings bereits mit dem Schlimmsten: Sie haben Angst, die Klinik könnte dicht gemacht werden. Denn das klamme Bundesland verfügt noch über eine weitere medizinische Fakultät: in Magdeburg. Vor wenigen Tagen hatten die Hallenser eine Vollversammlung abgehalten und entschieden, dass sie Widerstand leisten wollen gegen eine mögliche Schließung. In der kommenden Woche soll es eine erste Demo geben - das Aktionsbündnis organisiert sich unter anderem via Facebook und mit einer offenen Online-Petition.
Laut Ministerium arbeiten an der Klinik in Halle etwa 4000 Menschen, viele davon haben eine Art Beschäftigungsgarantie. In Magdeburg arbeiten etwas mehr, nämlich um die 4200. Die Medizin-Studenten und die Angestellten in Halle fürchten nun, gegenüber ihren Kollegen in der Landeshauptstadt den Kürzeren zu ziehen.
Das Land will Millionen aus dem Wissenschatfsetat streichen. Wo genau, das wird seit Monaten diskutiert. Immer wieder war die Medizin in Halle im Gespräch, so dass sich die Gremien der Uni zur öffentlichen Positionierung veranlasst fühlten, wie die "Mitteldeutsche Zeitung" berichtete. Selbst Koalitionspolitiker sehen die Sparpläne und den Ministerwechsel kritisch. Laut "Tagesspiegel" kritisierte die wissenschaftspolitische Sprecherin der SPD-Landtagsfraktion den neuen Minister Möllring, weil ihm die nötige Erfahrung fehle. Außerdem zitiert die Zeitung die Grünen-Politikerin Christa Sager, die im Bundestag sitzt, mit den Worten, Möllring sei ein "Sparkommissar", seine Ernennung sende ein "fatales Signal".
Medizin in Halle mit 250-jähriger Geschichte
Kritiker der Sparpläne verweisen auch auf die lange Tradition der Ausbildung in Halle. So erwarb die erste Medizinerin Deutschlands an der Saale ihren Doktortitel, nämlich im Fach der "Arzeneygelahrtheit": Dorothea Erxleben, an die heute eine Straße und eine Büste im Foyer des Universitätsklinikums erinnern. Im Jahr 1754 legte die resolute Arzttochter die lateinische Fassung ihrer Promotionsschrift vor. Darin geht es um die Sicherheit der Patienten während der damals üblichen Behandlungen. Ein Jahr später erschien dann auch die deutsche Fassung. Ihr Credo: Ein Arzt braucht zum Heilen auch Zeit, vom Patienten sollte er sich nicht drängen lassen. In Magdeburg wurde die "Medizinische Akademie" dagegen erst 1954 gegründet. Anfang der neunziger Jahre ging sie in der Otto-von-Guericke-Universität auf, die nach der Wende aus kleineren Hochschulen zur Volluniversität ausgebaut wurde.
Halle gegen Magdeburg, das erinnert an einen ähnlichen Streit in Schleswig-Holstein vor wenigen Jahren. Dort hatten Lübecker Studenten und Professoren, aber auch andere Bürger der Stadt, Wirtschaftsvertreter und Lokalpolitiker massiv dagegen protestiert, dass der Studiengang Medizin abgewickelt und damit die ganze Universität gefährdet wird. Die dortige Landesregierung sah in ihrem Millionen-Sparprogramm vor, das Lübecker Medizinstudium zu kappen und die Universitäts-Medizin in Kiel zu konzentrieren, um die Ausgaben zunächst um 24 Millionen und später 26 Millionen Euro jährlich zu senken.
Der Proteststurm, der den Kieler Koalitionären danach um die Ohren pfiff, war gewaltig - und schließlich erfolgreich. Das Bundesbildungsministerium wollte die Lübecker Medizin nicht sterben lassen und übernahm von Schleswig-Holstein einen großen Teil der Kosten für das Geomar-Institut für Meereswissenschaften. Mit diesem Trick und dem so eingegesparten Geld konnte das Land die Uni-Medizin erhalten.
chs/otr
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