Von Miriam Olbrisch
Auf den Friedhof möchte Martina Sommer auf keinen Fall. Sie will keine teure Beerdigung, keinen Gedenkstein mit Inschrift, kein Grab, das die Angehörigen pflegen müssen. Die 49-Jährige aus Oberkrämer bei Berlin will ihren Körper nach ihrem Ableben lieber der Wissenschaft spenden.
Medizinische Fakultäten, meint Sommer, seien schließlich auf Körperspenden angewiesen, die Studenten lernten ja an Leichen, wie man mit dem Skalpell Haut schneidet, wie sich Organe anfühlen und wie man alles wieder zusammennäht.
Früher hätte sich jede Uni Deutschlands über Menschen wie Martina Sommer gefreut. Über Leute, die sich frühzeitig entscheiden, der universitären Ausbildung einen guten Dienst zu erweisen. Jetzt ist das anders. Jetzt ist fraglich, ob die Wissenschaft Martina Sommers Bewerbung überhaupt annehmen wird. Denn die Kühlhäuser der Uni-Kliniken sind voll. "Wir bekommen deutlich mehr Anfragen, als wir bewältigen können", sagt Hans-Peter Hohn von der Uni Essen. 20 Interessierte rufen jeden Monat bei ihm an, die Anatomie braucht 35 bis 40 Leichen - pro Jahr. Hohn muss nun Bewerber abweisen.
Wem eine Niere fehlt, der hat keine Chance
"Letztes Jahr haben wir im September den Riegel vorgeschoben", sagt auch Christof Schomerus, Leiter der Prosektur am Uni-Klinikum Frankfurt am Main. Bis dahin hatte Schomerus 200 Bewerbungen bekommen - 50 hätten ausgereicht, um den Studenten genügend Anschauungsmaterial zu liefern. In manchen Kliniken liegen die Leichen zwei Jahre in der Kühltruhe, bis sie in einem Seminar zum Einsatz kommen.
Wie solch ein Überangebot das Personal komplett überfordern kann, zeigte sich an der Uni Köln: Über die Monate sammelten sich 80 Leichen an, die Verantwortlichen verloren den Überblick. Bei drei Körpern ist anscheinend nicht einmal klar, um wen es sich überhaupt handelt. So etwas darf schlicht nicht passieren; für die Angehörigen sind solche Zustände unerträglich. Das Chaos im Kühlkeller endete auch für einen der Verantwortlichen tragisch. Der ehemalige Leiter der Einrichtung nahm sich nach Veröffentlichung der Missstände das Leben.
Abschreckung durch neue Gebühren
Mittlerweile versuchen immer mehr Uni-Kliniken sogar, Interessenten abzuschrecken. Weil auch für die Hochschulen nach dem Präparieren Bestattungskosten anfallen, nimmt etwa die Hälfte der anatomischen Institute Gebühren von 500 bis 1200 Euro. "Im Schnitt kostet uns eine Beerdigung inklusive Grabpflege 1800 bis 2000 Euro", sagt Hohn. Und es sei absehbar, dass es in Zukunft noch teurer wird. Schuld sind vor allem die Friedhofsgebühren: Sie stiegen in der ersten Hälfte 2010 um durchschnittlich zehn Prozent. Für die klammen Kommunen sind die Friedhofsgebühren eine gute und verlässliche Einnahmequelle.
An etlichen Universitäten haben sich die Leichenverwalter neben den Gebühren noch weitere Strategien einfallen lassen, um die Flut der Spender einzudämmen. So nimmt die Uni-Klinik Mainz nur Menschen mit Wohnsitz in Rheinland-Pfalz, in Ulm liegt die Grenze schon bei zehn Kilometern im Umkreis. In Bonn müssen Bewerber vor 1941 geboren sein, in Gießen und Berlin gilt ein Mindestalter von 60 Jahren. Darüber hinaus müssen die Körper vollständig sein. Ein Interessent ohne Blinddarm geht noch durch. Wem aber eine Niere fehlt, der hat keine Chance.
Die Verantwortlichen am anatomischen Institut der Uni-Klinik Frankfurt am Main hatten eine besonders schlaue Idee, wie sie der steigenden Kosten Herr werden können: Sie haben einfach den Verbrauch erhöht. Nun bietet die Hochschule kostenpflichtige Fortbildungsseminare für Ärzte an. "Die Kollegen lernen dort neue Operationstechniken an Leichen", erklärt Schomerus. Durch die Einnahmen werden die Präparierkurse für Studenten querfinanziert. Allerdings lohnt sich auch das nur, weil die Stadt der Universität für Bestattungen auf dem Frankfurter Hauptfriedhof Sonderkonditionen eingeräumt hat. Mengenrabatt sozusagen.
Martina Sommer hat sich mit Blick auf die mittlerweile strengen Regularien und mögliche Gebühren für ihre Körperspende schon eine Alternative einfallen lassen. Wenn keiner sie haben will, stellt sie sich der Ausstellung "Körperwelten" des umstrittenen Plastinators Gunther von Hagens zur Verfügung. "Die holen einen überall ab, sogar im kleinsten Dorf", schwärmt Sommer. "Und zwar völlig kostenlos."
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