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Uni-Kurs Wracktauchen: Studieren mit Tiefgang

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Lautlos durch Schiffswracks gleiten und erkunden, was im kühlen Dunkel liegt: Forschungstaucher haben einen spannenden und gefährlichen Job. Am Kieler Meeresforschungszentrum lernen Studenten, wie sie sicher unter Wasser arbeiten. Die Plätze sind begehrt, die Auswahltests entsprechend hart.

Uni-Kurs Wracktauchen: "Das ist harte Arbeit" Fotos
Florian Huber

Schnaufend schleppen die Studenten neue Druckluftflaschen und Taucherausrüstung an Bord. "Die letzten vier Wochen gab es statt Semesterferien nur die "Littorina" und das Tauchen", sagt Jana Ulrich, 33, und lächelt gequält.

Für Ulrich ist dieser frühe Morgen an Bord des Schiffs nicht etwa Teil eines Tauchurlaubs. Was sie hier bei kühlen morgendlichen Temperaturen am Anleger des Kieler Zentrums für Meeresforschung schwitzen lässt, ist Teil ihrer Ausbildung. Sie macht derzeit ihren Master in Ur- und Frühgeschichte. Ihr Berufsziel aber klingt mehr nach Idiana Jones als nach historischer Wissenschaft: Ulrich will Unterwasserarchäologin werden.

Darum absolviert sie zusammen mit zehn anderen Studenten eine Ausbildung zum Forschungstaucher. Trainer Florian Huber blickt in müde Gesichter. Sein Ausbildungsprogramm startet früh, weil der Tag straff durchorganisiert ist: Tauchgänge am Vormittag, Rettungsübung am Nachmittag, ein Tauchmediziner begleitet die Übung, damit die Studenten ihr Wissen testen und auffrischen können.

Als Trainingsboot dient den Studenten der Forschungskutter "Littorina", den sich die Uni zum Forschungsschiff umgebaut hat. Einmal im Jahr bietet die Christian-Albrechts-Universität Kiel zusammen mit dem Forschungstauchzentrum der Uni den Kurs an.

Schwerstarbeit unter Wasser

Seit den sechziger Jahren werden Forschungstaucher von den Kielern ausgebildet, außerdem stellt das Meeresforschungszentrum regelmäßig Taucher und Equipment für die wissenschaftliche Einsätze zur Verfügung. "Für unseren Kurs können sich Biologen, Geologen, Geografen und Archäologen bewerben", sagt Huber. Zehn Wochen lang bekommen die Studenten unter seiner Leitung eine intensive Ausbildung, bestehend aus knapp hundert Tauchgängen, viel Sport und Theorieunterricht am Schifffahrtsmedizinischen Institut der Marine und an Bord der "Littorina".

Den größten Teil der Ausbildungskosten von mehreren tausend Euro trägt die Uni, knapp 800 Euro müssen die Studenten zuzahlen. Die Ausbildung ist begehrt, auf die drei Plätze des Instituts für Ur- und Frühgeschichte bewarben sich zuletzt mehr als 20 angehende Archäologen. Viele von ihnen haben zuvor schon Seminare zur Theorie der Unterwasserarchäologie belegt.

"Die Zusatzausbildung zusammen mit dem entsprechenden Studienschwerpunkt erhöht die Jobchancen. Ein Archäologe, der nicht nur an Land graben kann, sondern auch im Wasser einsetzbar ist, hat mehr Stellen zur Auswahl", sagt Huber. Grundsätzlich mangele es auch nicht an Arbeit: Die Unesco schätzt, dass weltweit über drei Millionen Schiffswracks unter Wasser schlummern. Allerdings: Die Stellen sind auch für tauchende Wissenschaftler ähnlich rar wie für Archäologen an Land und schlecht bezahlt. Und nicht jeder, der Interesse an versunkenen Schiffen hat, bringt auch die Tauglichkeit zum Forschungstaucher mit.

"Ich tauche schon länger, aber mit Hobby-Tauchen in Ägypten hat das hier wenig zu tun. Die Arbeit unter Wasser ist sehr anstrengend, gerade im Frühjahr und Herbst ist das Meer kalt und die Sicht schlecht", sagt Studentin Ulrich. Die Anforderungen sind hoch. Jeder Bewerber muss den Gesundheitscheck der Marine bestehen, normalerweise ist der für Kampf- und Minentaucher gedacht.

Ist der Eignungstest gemeistert, steht die nicht weniger harte Ausbildung an. "Im ersten Block im März haben wir uns jeden Morgen um sechs getroffen. Die Tage bestanden aus fünf Stunden Training in der Schwimmhalle und danach Theorieunterricht mit Tauchmedizin, Gerätekunde und Forschungsmethoden an der Marineschule", sagt Ulrich.

"Wracktauchen ist unbeschreiblich"

Im zweiten Ausbildungsblock geht es dann beinahe täglich auf die Ostsee. Das Tauchen im Meer wird ebenso trainiert, wie die Bestimmung von Tieren unter Wasser und das Einsammeln von Übungsproben. Außerdem lernen die Studenten, Taucheinsätze zu planen, einander zu sichern und sich bei Tauchunfällen richtig zu verhalten.

"Beim Tauchgang darf man sich nicht zu viel Gedanken um die Geräte machen, sondern muss sich auf die wissenschaftliche Arbeit konzentrieren", sagt Ulrich. Ihre Faszination für die nasse Archäologie erklärt sie so: "Das Gefühl, an einem Wrack zu tauchen, ist unbeschreiblich. Es ist, als würde man durch eine Zeitkapsel in die Vergangenheit schauen."

In der Ostsee liegen mehr als 15.000 Wracks aus den unterschiedlichsten Epochen. Während Gebäude an Land häufig überbaut werden, bleiben die archäologischen Schätze unter Wasser nahezu unberührt. Nur Schatzsucher, Schiffsbohrmuscheln und die Schleppnetzfischerei setzen ihnen zu. Die Unterwasserarchäologen begnügen sich meist mit kleinen Proben oder beobachten und vermessen nur. Das ganzen Schiffen aus der kalten Tiefe geholt werden, komme nur selten vor, erklärt Ausbilder Huber. Die Restaurierung dauere Jahrzehnte und verschlinge Millionen. "Darum lassen wir die Schiffe lieber auf dem Grund."

Nach knapp zehn Stunden auf der Ostsee hält Ausbildungsleiter Roland Friedrich den angehenden Forschungstauchern eine geharnischte Ansprache: Die Gespräche an Bord der "Littorina" hätten Wissenslücken aufgezeigt, gerade in der Tauchmedizin. "Setzt euch heute Abend hin und lernt", sagt Friedrich. Einige Studenten verdrehen die Augen, aber sie nehmen den Rat offenbar ernst. Die zweitätige Prüfung bestehen am Ende alle.

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