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Uni Leipzig: Honorarprofessor unter Rechtsextremismus-Verdacht

Von Christoph Giesen

Aufregung über den Leipziger Medienwissenschaftler Michael Vogt: Er hat wegen Rechtsextremismus-Vorwürfen alle Seminare abgesagt. Der Honorarprofessor bestreitet die Beteiligung an einem dubiosen Treffen - mehrere Teilnehmer behaupten das Gegenteil.

Michael Vogt ist Experte für Krisenkommunikation, Spezialgebiete Rüstungs- und Pharmabranche. Seit 1998 gibt er sein Wissen als Honorarprofessor für Kommunikationsmanagement an der Uni Leipzig weiter. "Die Wirkung von Kommunikation hängt wesentlich von der Glaubwürdigkeit des Kommunikators ab", beschreibt Vogt sein Credo in einem Aufsatz.

Genau die Glaubwürdigkeit ist derzeit sein Problem.

Schon seit etwa einer Woche versucht das Institut, Klarheit über Vogts politische und publizistische Aktivitäten zu gewinnen. Der Leipziger PR-Professor und Lehrstuhlinhaber Günter Bentele: "Sollte sich herausstellen, dass Herr Vogt in bestimmten Punkten gelogen hat, sehe ich das als schwerwiegende Verletzung der Seriosität und Wissenschaftlichkeit."

Studenten fordern seinen Rausschmiss: "Prof. Vogt muss weg", sagt Henrike Böhm, Antirassismus-Referentin des Leipziger Studentenrats. "Es ist unerträglich, dass ein Rechtsaußen in Leipzig lehrt." Im Namen des Instituts für Kommunikations- und Medienwissenschaft distanziert sich Direktor Michael Haller "klar von jeder Form rechtsextremen Gedankenguts sowie von geschichtsrevisionistischen Darstellungen, die dazu angetan seien, die Verbrechen des Dritten Reichs zu relativieren und zu verharmlosen". Bis zur Klärung der Vorwürfe habe der Institutsrat Vogt "nahe gelegt, seine Lehrveranstaltungen einzustellen".

Inzwischen hat der Medienwissenschaftler tatsächlich seine Seminare abgesagt, "um Schaden von den Studierenden abzuwenden". Er sei sicher, dass sich die Irritationen in einer inhaltlichen Diskussion ausräumen lassen, teilte Vogt in einer Erklärung mit - in der er außerdem versichert, "rassistisches, antisemitisches oder nazistisches Gedankengut prinzipiell abzulehnen".

Studenten und Professoren im Aufruhr

Im Kern geht es um zwei Vorwürfe: erstens um Vogts Vorträge und Filme über die Nazi-Zeit und den Zweiten Weltkrieg, zweitens um ein dubioses Treffen in Straßburg.

Grund für die Anschuldigungen: Am 26. September 2007 tauchte Vogts Name auf der Homepage der NPD auf. Er habe am Vortag an einer Veranstaltung der rechtsextremen Fraktion "Identität, Tradition, Souveränität" (ITS) des Europäischen Parlaments teilgenommen, stand dort zu lesen. Eingeladen hatte der österreichische Europapolitiker und FPÖ-Veteran Andreas Mölzer. Im Europäischen Parlament ist er der einzige FPÖ-Vertreter, doch nach der Wahl 2009 sollen ein paar deutsche Kollegen die Fraktion stärken; das ist sein Plan.

Die Presseerklärung der NPD scheint eindeutig: Neben Michael Vogt stehen auf der Liste der rund 20 Teilnehmer die Namen der NPD-Führungsriege, darunter der niedersächsische Spitzenkandidat Andreas Molau, und von Politikern der Republikaner sowie der DVU, darunter Gerhard Frey.

Vogt streitet jegliche Beteiligung ab: "Ich kann mir nicht erklären, warum mein Name dort auftaucht, ich war an diesem Tag definitiv nicht in Frankreich, ich habe deshalb sofort veranlasst, dass mein Name gelöscht wird", sagte er auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE.

Mehrere Veranstaltungsteilnehmer äußern sich ganz anders. So erinnert sich der stellvertretende Republikaner-Chef Johann Gärtner: "Ich war geschockt, auf Leute wie Udo Voigt und Holger Apfel von der NPD zu treffen. Mit denen wollen wir nichts zu tun haben. Da war ich erfreut, Professor Michael Vogt zu sehen, den kenne ich schon lange." Auch Rolf Schlierer, Bundesvorsitzender der Republikaner, sagte SPIEGEL ONLINE, er habe Michael Vogt am 25. September in Straßburg getroffen: "Ja, er war da, wir haben sogar miteinander gesprochen."

Die umstrittene "Geheimakte Heß"

Das Straßburger Treffen hat am Leipziger Institut Aufregung ausgelöst. Lehrstuhlinhaber Bentele hat in den vergangenen Tagen mit vielen Studenten gesprochen. Alle hätten ihm versichert, dass in Vogts Lehrveranstaltungen keine politischen Tendenzen zu erkennen gewesen seien. So schildert es auch Institutsdirektor Michael Haller.

Klar ist: Vogt und Republikaner-Chef Schlierer waren schon vor 30 Jahren Weggefährten und während ihrer Studentenzeit Mitte der siebziger Jahre beide Funktionäre der Deutschen Burschenschaft aktiv. Schlierer war Mitglied der Gießener Burschenschaft Germania, Vogt in der pflichtschlagenden Münchener Verbindung Danubia.

Seit 2001 taucht die Danubia regelmäßig im Bericht des bayerischen Verfassungsschutzes auf. Die Verfassungsschützer stufen die fechtenden Kommilitonen als rechtsextrem ein. Vogt behauptet, heute nichts mehr mit der Danubia zu tun zu haben: "Ich bin weder aktiv noch assoziiert." Immerhin findet sich noch 2005 in der "Danubenzeitung" ein Artikel über den "Bundesbruder" Vogt, nebst Foto, das ihn mit Burschenschaftler-Schärpe zeigt. Er referierte über den "Mythos Heß", eines seiner Lieblingsthemen.

2004 hatte Vogt den Film "Geheimakte Heß" gedreht, eine Dokumentation über Adolf Hitlers Stellvertreter Rudolf Heß, der nach dem Krieg als einer der Hauptkriegsverbrecher angeklagt und verurteilt wurde. In diesem 70-minütigen Film, der in abgespeckter Version mehrfach beim Nachrichtensender n-tv ausgestrahlt wurde, ließ Vogt als Hauptquelle den englischen Historiker Martin Allen zu Wort kommen. Allen behauptete, bei seinen Recherchen in London auf ein Dokument gestoßen zu sein, wonach Hitler angeblich mit England Frieden schließen wollte und die Wehrmacht sich vollständig aus dem besetzten Frankreich und Polen zurückziehen sollte. Ein Jahr später kam Allen in Verruf. Dokumente, die belegen sollten, dass der britische Geheimdienst 1945 Heinrich Himmler ermordet haben soll, erwiesen sich als plumpe Fälschungen. Der Briefkopf wurde per Laserdrucker ausgedruckt - anno 1945 unmöglich. Er selbst sagte damals, er sei der Fälschung aufgesessen.

Vogts Koautor des Heß-Films war Olaf Rose, Historiker mit zweifelhaftem Ruf. Ab 2001 arbeitete Rose an einer Chronik der westfälischen Stadt Herne - bis ihm 2003 fristlos gekündigt wurde, weil er die Zahl der Zwangsarbeiter während des Zweiten Weltkrieges in Herne von 30.000 auf 9000 Opfer herunterrechnete. Vogt gibt an, während der Dreharbeiten davon nichts gewusst zu haben.

Koautor jetzt bei der NPD

Inzwischen hat Rose als Mitarbeiter der NPD-Landtagsfraktion in Sachsen angeheuert. Neben dem Bürojob in Dresden tingelt Rose zu NPD-Ortsvereinen und tritt bei Kameradschaftsabenden auf, um seine Geschichtsauffassung zu verbreiten.

Für den Heß-Film (der heute vom Deutschen Buchdienst aus dem Imperium des rechtsextremen Verlegers Gerhard Frey vertrieben wird) brauchten Vogt und Rose noch einen renommierten deutschen Wissenschaftler. Am 4. Mai 2004 kamen sie zu Rainer F. Schmidt, Professor für Neueste Geschichte am Historischen Seminar der Universität Würzburg. Er forscht seit Jahren über den Hitler-Stellvertreter. "Vogt stellte sich mir als Professor und freier Mitarbeiter des Fernsehsenders n-tv vor", sagt Schmidt. "Ich habe mir nichts dabei gedacht und den beiden ein 30-minütiges Interview gegeben." Nachdem er den Film gesehen hatte, bedauerte Schmidt seine Offenheit.

In einem Brief an Vogt fällte der Würzburger Wissenschaftler ein vernichtendes Urteil: "Insgesamt komme ich zu dem Schluss, dass es offenbar das Anliegen der DVD ist, gezielt eine Klientel zu bedienen, die gar nicht an einer wissenschaftlich haltbaren Aufklärung der Causa Heß interessiert ist, sondern nur dunklen Verschwörungstheorien nachhängt."

Nun ist für Vogt die Zeit der Krisenkommunikation gekommen - er ist ja vom Fach. Am Freitag teilte er mit, er stehe jederzeit für eine "inhaltliche Auseinandersetzung mit meinen kritisierten Filmen zur Verfügung".

Anders als ordentliche Professoren sind Honorarprofessoren wie Vogt keine Beamten. Sie übernehmen Lehraufträge und erhalten trotz der Bezeichnung meist kein Honorar, dürfen aber den Professorentitel führen.

Der StudentInnenrat fordert ein endgültiges Aus für Vogts Dozententätigkeit: "Ein rechter Professor an der Uni ist unerträglich. Wenn Prof. Vogt sich jetzt zurückzieht, um zu seinem späteren Zeitpunkt den Lehrbetrieb wieder aufzunehmen, werden wir da sein, um es zu verhindern", so Henrike Böhm.

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