Von Jan Friedmann
Ein zugiger Parkplatz zwischen roten Backstein-Gebäuden, das ist die Gegenwart. Die Zukunft ist im Büro des Uni-Vizepräsidenten Holm Keller zu besichtigen. Keller, 40, umkreist aufgeregt das Modell eines zackenförmigen Gebäudes und zieht mit der Hand noch nicht vorhandene Sichtachsen nach: Wo derzeit noch Studenten ihre Autos abstellen, soll in fünf Jahren das neue Audimax erstrahlen - entworfen von Star-Architekt Daniel Libeskind, der in Lüneburg bereits ab und zu Seminare hält.
Rund 62 Millionen Euro sollen investiert werden, um das ehemalige Kasernen-Areal, vor dem Zweiten Weltkrieg von den Nazis für den Truppenaufmarsch errichtet, mit einem zentralen Prachtbau zu schmücken. "Die Universität wird nicht nur Arbeitsstätte, sondern Lebensraum", schwärmt Keller.
Das Bauprojekt soll einem Vorhaben die Krone aufsetzen, das Harvard-Absolvent Keller, ehemals McKinsey-Berater und Bertelsmann-Manager, gemeinsam mit seinem Präsidenten, dem Wirtschaftswissenschaftler Sascha Spoun, 39, seit zwei Jahren vorantreibt: die Verwandlung einer Provinz-Hochschule in eine Vorzeige-Akademikerschmiede.
Während Lüneburg bislang vor allem mit Hanse-Giebeln und Heidschnucken Werbung machte, ist nun von akademischer Bildung als Standortfaktor die Rede. Wo früher an einer Fachhochschule und einer Pädagogischen Hochschule Sozialpädagogen und Grundschullehrer ausgebildet wurden, wird jetzt die Losung ausgegeben: "Alle reden von Exzellenz. Wir arbeiten daran."
Ptolemäus kritzelte den neuen Namen auf die Karte
Zur Begrüßung der Studienanfänger rekrutierten die marketingbewussten Hochschulreformer den ehemaligen US-Präsidenten Jimmy Carter. Auch der Studienaufbau orientiert sich an amerikanischen Vorbildern. Die rund 1400 Erstsemester starten ihr Bachelor-Studium in Lüneburg neuerdings mit einem allgemeinbildenden "College-Semester"; statt in Haupt- und Nebenfächern sind sie nun in "Majors" und "Minors" eingeschrieben.
Das Lüneburger Modell ist eine interessante Alternative zum gängigen Bachelor- und Master-Modell, wie es sich gerade deutschlandweit etabliert: Bei der Standardlösung kämen Allgemeinwissen und akademische Freiheit zu kurz, argumentiert man in Lüneburg. Die Hochschulreformer haben deshalb eine Art verlängerte Oberstufe an den Anfang des Bachelor-Studium gesetzt, ein halbes Jahr, in dem sich die Studienanfänger in unterschiedlichen Themengebieten ausprobieren können, bevor sie ihr eigenes Fachstudium aufnehmen. Der Haken: Zusätzliche Studienzeit gibt es dafür nicht, der Bachelor ist ebenfalls auf drei Jahre angelegt.
Zum Auftakt ihres Studiums bekommen die Erstsemester eine Wirtschafts-Fallstudie vorgesetzt, wie sie Consulting-Firmen von ihren Job-Bewerbern lösen lassen: Ein fiktives Stadttheater muss in Zeiten gekürzter Subventionen für ein ordentliches Programm sorgen. Und zum Abschluss des College-Semester präsentieren Studenten ihren Kommilitonen auf einem "Markt der Möglichkeiten" ihre Erkenntnisse zum Thema Nachhaltigkeit - zum Beispiel anhand der Öko-Bilanz eines Fluges nach Indien.
Selbst vor dem Namen der Hochschule macht der Gestaltungswillen der Reformer nicht Halt: Eine beauftragte Werbeagentur tat das Wort "Leuphana" auf. Was wie ein Pharma-Produkt klingt, soll der antike griechische Gelehrte Ptolemäus auf eine Landkarte von Nordeuropa gekritzelt haben, irgendwo zwischen dem heutigen Amsterdam und dem heutigen Berlin. Der Name sei mit vielen Ideen aufladbar und könne künftigen Studentengenerationen ein neues akademisches und intellektuelles Zuhause bieten, so rechtfertigt die Hochschulleitung die Umbenennung.
"Wir können nicht über den Tellerrand schauen"
Viele beäugen den Feldversuch indes mit Misstrauen. Im Internet kursiert ein Video, das die schöne neue Uni-Welt auf die Schippe nimmt: Dort kontrollieren private Wachdienste den Campus, Coca-Cola verteilt Gratis-Flaschen, und zur Semestereröffnung spricht Arnold Schwarzenegger. Harsche Kritik äußert auch eine Gruppe ehemaliger Lüneburger Rektoren und Hochschullehrer: In einem offenen Brief bekundeten die Altvorderen ihre Sorge über die "überflüssigen und unzweckmäßigen" Prestige-Bauvorhaben und andere "waghalsige Maßnahmen und Manöver" der Hochschulleitung.
"Die Uni präsentiert sich sehr elite- und selbstbewusst", meint der angehende Umweltwissenschaftler Simon Drücker, 21, schränkt dann aber ein: "Hinter den Kulissen sieht es nicht ganz so gut aus." Während des College-Semesters sei er in viele Wunschkurse nicht hineingekommen - kein Platz. Das auf den allgemeinbildenden Einstieg folgende Fachstudium sei umso verdichteter: "Wie ich da die Zeit für ein Auslandssemester freischaufeln soll, weiß ich nicht."
Die Erstsemester seien für Fotos und Präsentationen herumgereicht worden, berichtet Sozialpädagogik-Studentin Kaja Boll, 20. "Doch wie die Uni wirklich funktioniert, wurde uns nicht gezeigt, das war alles sehr unorganisiert." Drei Jahre für einen Bachelor samt Allgemeinbildung, das sei zu knapp bemessen: "Wir können nur hintereinander abhaken, es bleibt keine Zeit, wirklich über den Tellerrand zu schauen."
"Die Reformen kosten viel Kraft bei Lehrenden und Studierenden", bemängelt auch Asta-Sprecher Björn Glüsen, 26. Viele Kommilitonen hätten eigentlich nur einen Wunsch: "Endlich einmal in Ruhe studieren können."
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