Uni-Medizin: Zu viele Leichen im Keller

Der Tod ist teuer - er kostet nicht nur das Leben, auch die Bestattung. Bei Körperspendern zahlt meist die Universität. Mehr Menschen denn je wollen sich nach ihrem Tod der Forschung zur Verfügung stellen. Doch etliche Anatomie-Institute haben weder Platz noch Bedarf.

Präparierte Herzen (Anatomie-Sammlung der Universität in Frankfurt am Main): Ansturm von willigen Körperspendern
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Präparierte Herzen (Anatomie-Sammlung der Universität in Frankfurt am Main): Ansturm von willigen Körperspendern

Eveline Baumgart-Vogt kann zufrieden sein. Bereits Ende Januar hatte die geschäftsführende Direktorin des Instituts für Anatomie der Universität Gießen ausreichend Körperspenden für dieses Jahr beisammen. Anschließend verhängte sie einen Aufnahmestopp, denn für mehr als 35 Leichen pro Jahr hat sie weder Platz noch Bedarf.

Den anderen anatomischen Instituten in Hessen und Rheinland-Pfalz geht es nicht anders. Auch dort haben die Anfragen von Spendewilligen in den letzten Jahren stark zugenommen - vermutlich, weil nach dem Wegfall des Sterbegeldes vielen die Bestattung zu teuer geworden ist.

Vor wenigen Jahren war die Situation noch ganz anders. In den neunziger Jahren hätten sich pro Jahr zwischen 30 und 35 potenzielle Körperspender am Gießener Institut gemeldet, erinnert sich die Instituts-Chefin. "Diese Zahl brauchen wir, um Forschung und Lehre gewährleisten zu können", so die Medizinprofessorin. Etwa für die Präparationskurse im Medizin-Grundstudium. Von 2000 bis 2003 sei die Zahl der Interessenten leicht gestiegen, danach wurde das Institut von willigen Spendern geradezu bestürmt. Mehr als hundert waren es 2004 und 2005, in den ersten vier Monaten des Jahres 2006 waren es 61.

"Damals mussten wir erstmals einen Aufnahmestopp für Körperspenden verhängen", sagt Baumgart-Vogt. Mehr als 40 Testamente mit potentiellen Spendern könne ihr Institut pro Jahr eigentlich nicht abschließen: "Das wäre verantwortungslos."

Das Problem: Es ist nicht kalkulierbar, wann die Spendenwilligen nach ihrem Tod für Lehre und Forschung zur Verfügung stehen. Je mehr Verträge geschlossen würden, desto größer sei die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwann viel zu viele gespendete Leichen in einem Jahr in der Anatomie landeten, erklärt Baumgart-Vogt. "Wir haben im Moment gar keinen Lagerplatz für mehr als 35 Körper."

Manche Hochschulen verlangen sogar Geld

Ganz ähnlich sieht es am Anatomischen Institut der Uni Marburg aus, auch wenn es dort "noch keinen Aufnahmestopp" gibt, wie ein Dozent erläutert. Man begegne dem Andrang der Spendewilligen mit Verträgen, die jederzeit von jeder Seite gekündigt werden könnten - auch nach dem Tod. "Wir können also von der Spende zurücktreten, wenn wir gerade keinen Platz haben", sagt der Mediziner. Stark gestiegen seien die Interessentenzahlen, seit Ende 2003 das Sterbegeld der Krankenkassen abgeschafft wurde. "Dieses Geld fehlt vielen", damit sei oft die Bestattung finanziert worden.

Anatomiekurs (in Frankfurt am Main): Hier werden 30 Leichen für 500 Studenten gebraucht
DPA

Anatomiekurs (in Frankfurt am Main): Hier werden 30 Leichen für 500 Studenten gebraucht

Nicht selten riefen Menschen in der Marburger Anatomie an und fragten "ganz unverblümt", ob die Uni nach der Verwendung ihrer Leiche die Bestattungskosten übernehme. "Das darf mich aber nichts kosten", höre er regelmäßig.

Das tut es auch nicht, wenn eines der anatomischen Institute in Hessen oder Rheinland-Pfalz die Körper zu Lehr- und Forschungszwecken verwendet. Die Universitäten zahlen in diesen Fällen die Bestattung, vielerorts gibt es eigene anonyme Urnenfelder für die Überreste der Körperspender.

Andere Anatomie-Institute sind dazu übergegangen, eine finanzielle Beteiligung für die Aufnahme einer Leiche zu verlangen. Das klingt makaber, denn die Spender helfen der Forschung und der Ausbildung. Doch auch die Universitäten erhalten kein Sterbegeld mehr; die zuletzt 525 Euro hatten die Krankenkassen bis 2004 direkt überwiesen. Und so bitten manche Hochschulen um eine freiwillige Kostenbeteiligung, andere stellen 600 bis 1200 Euro in Rechnung - eine Erdbestattung kostet in Deutschland um die 4000 Euro.

Körperspenden oft aus Überzeugung

Zudem akzeptieren Anatomie-Institute längst nicht alle Leichen. Abgelehnt werden etwa Unfalltote, Selbstmörder oder Körperspender mit stark ansteckenden Krankheiten wie HIV oder Hepatitis. Einige Universitäten wie Heidelberg und Freiburg haben zusätzliche Ausschlusskriterien entwickelt und nehmen beispielsweise nur noch Leichen aus der Region. Die Tübinger Anatomen verzichten auf fettleibige Körper oder solche mit übermäßigen Metastasen.

Auch Christof Schomerus, Privatdozent an der Anatomie der Frankfurter Uni, beobachtet den Trend zum Sparen durch Spenden. "Der Tod ist teuer", sagt er trocken. Auch er registriere eine starke Zunahme an Anfragen - zu viele Leichen im Keller habe sein Institut aber nicht. "Wir brauchen viele Spenden, weil wir viele Studenten haben", betont er. Zudem würden für immer mehr Weiterbildungen im Operationsbereich gespendete Körper verwendet.

Auch jenseits des Rheins an der Mainzer Universität registriert man eine steigende Zahl an Körperspendern. "Die Menschen wissen, dass eine Bestattung teuer ist, und suchen deshalb nach Sparmöglichkeiten", so Anatomie-Professor Eric Schulte. In Mainz nehme man jedes Jahr ebenfalls "nur noch eine gewisse Zahl" Spendenwilliger auf. Derzeit erhalte das Institut oft eine Anfrage täglich, etwa 200 Anfragen pro Jahr, noch vor zehn Jahren sei es nur die Hälfte gewesen.

Für viele sei eine Körperspende aber nicht bloß eine Möglichkeit Geld zu sparen, betont Schulte: "Viele spenden sich aus Überzeugung für Lehre und Forschung."

Daniel Staffen-Quandt, ddp

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