Uni Paderborn: Studenten bezahlen Dozentin aus eigener Tasche

Von Denis Dilba

Bei den Paderborner Germanisten ist das Personal knapp. Sehr knapp. Deshalb stellten Studenten eine zusätzliche Lehrkraft kurzerhand selbst ein und kratzten dafür Geld zusammen. Rebekka Schürmann heißt die Dozentin ihrer Wahl.

Als "äußerst angespannt" beschreibt Thomas Lange vom Fachschaftsrat Sprache und Literatur die Lehrsituation im Paderborner Studiengang Germanistische Sprachwissenschaft. "Ein Professor ist schon seit längerem krank. Und ein Lehrauftrag wurde zu diesem Semester nicht verlängert", so der 25-jährige Student. Außerdem sei ein weiterer Hochschullehrer in diesem Sommersemester für Forschungsarbeiten von der Lehre befreit. "So viele bleiben da nicht mehr" - nämlich genau ein Professor in seinem Studiengang, so Lange.

Von Studenten finanziert: Dozentin Rebekka Schürmann
Uni Bielefeld/Norma Langohr

Von Studenten finanziert: Dozentin Rebekka Schürmann

Die Studenten sannen auf Abhilfe. "Aber Demonstrationen oder Flugblätter - das ist ja alles schon mal da gewesen. Wir wollten etwas machen, was es so noch nicht gab", sagt Lange. Das Ergebnis der studentischen Grübeleien lehrt nun jeden Freitag in Raum P1 1 01 pünktlich um 13 Uhr "Linguistische Analyse anhand des Mediums Fernsehen": Rebekka Schürmann. Die Fachschafter stellten die Dozentin für das Sommersemester kurzerhand auf eigene Faust an und taufte die Aktion "Selbsthilfe statt Abwarten". Auch das Honorar für Schürmann, die eigentlich Mitarbeiterin des Lehrstuhls Linguistik der Nachbar-Universität Bielefeld ist, zahlen die Studenten selbst.

Dass sich bei Einführungsveranstaltungen bis zu 400 Studenten in die Hörsäle zwängen müssen, bestätigt auch Thomas Reuter, Geschäftsführer der Fakultät Kulturwissenschaften. Die Personaldecke dort sei ausgesprochen knapp: "Die Sprachwissenschaften allgemein sind schon hoch ausgelastet - in der Germanistik ist es aber extrem."

Symbolischer Akt, keine Dauerlösung

Nun haben die Studenten einen Lehrauftrag in Eigenregie erteilt. "Ich habe mich natürlich gefragt, ob die Studenten jetzt andere Ansprüche an mich haben", sagt Rebekka Schürmann. Aber ihre Bedenken wurden - schneller als ihr lieb war - vom Arbeitsalltag verdrängt: Um ihre rund 220 Seminarteilnehmer möglichst gut zu betreuen, gibt sie ihren Kurs sogar zweimal hintereinander. "Ich kann mich natürlich nur deshalb so engagieren, weil das eine einmalige Sache ist und weil ich durch meine halbe Stelle in Bielefeld sehr flexibel bin", erklärt Schürmann.

Die 642 Euro Honorar plus Spesen für die Dozentin ihrer Wahl werden zum größten Teil aus Geldern des Fachschaftsrates finanziert, sagt Lange. Der Rest werde aus dem Erlös von verkauften Vorlesungsverzeichnissen dazu geschossen. "Eine Dauerlösung kann und soll das nicht sein", erklärt Lange. "Uns geht es mehr um den symbolischen Akt." Die Aktion sei mit der Fakultät abgesprochen und solle auf den Lehrkräftemangel hinweisen. "Wir begrüßen das ausdrücklich", kommentiert Reuther die studentische Sofortmaßnahme.

Bis Schürmann den Vertrag unterschreiben konnte, mussten die Studenten allerdings einige Bürokratie-Klippen umschiffen. Zunächst musste geklärt werden, ob das überhaupt erlaubt sei, erzählt Fachschaftsmitglied Lange. Dann ging es auf die Suche nach einer geeigneten Person. Zu Rebekka Schürmann habe der Fachschaftsrat glücklicherweise schon vorher Kontakt gehabt: "Das ging vergleichsweise schnell." Aber bis die Verwaltungen der beiden Universitäten grünes Licht gegeben hätten, vergingen einige Wochen. "Im Großen und Ganzen ist die Idee gut angekommen – auch bei der Fakultätsleitung", freut sich Lange.

Mit der Einführung von Studiengebühren und eines regionalen Numerus clausus werde sich die Situation bereits im Wintersemester entspannen, hofft Reuther: "Wir wünschen uns natürlich auch eine Entlastung." Über Nacht, weiß Studentenvertreter Lange, werde sich bestimmt nichts ändern. "Aber wenn unsere Aktion dazu beiträgt, dass es auf lange Sicht ein breiteres Lehrangebot gibt, sind wir sehr zufrieden."

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