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Gleichstellung in Passau: Sportstudenten dürfen nicht fensterln

Bayerischer Brauch: Das Fensterl zum Hofieren Fotos
DPA

Lederhosen, Leitern, Liebesgrüße: Bei den Campus Games bayerischer Sportstudenten sollte traditionell gefensterlt werden. Ein uralter Brauch zwar, aber zu sexistisch, befand die Gleichstellungsbeauftragte.

Einige Monate Planung stecken in dem Ereignis, doch drei Tage vor dem Termin war die Party plötzlich in Gefahr: Studenten der Universität Passau wollten am Donnerstag ein Sportfest veranstalten, die Campus Games. Mehr als zehn Disziplinen Spaß-Wettkampf waren vorgesehen, darunter ein Bodyworkout-Rekordversuch, eine Klimmzugchallenge, ein Strongman Contest und Wife Carrying. Dabei sollen sich die Teilnehmer traditionell kleiden: "Tracht ist verpflichtend für alle Teilnehmer" heißt es auf einem Flyer.

Tracht, das sind in Bayern Dirndl, Schürzen, Blusen für die Mädels und Lederhosen, karierte Hemden, Hosenträger, Wadenwärmer und Haferlschuhe für die Männer. In diesem Aufzug sollen die Studenten an der Klimmzugchallenge oder einem Bodyworkout-Rekordversuch teilnehmen. Oder beim Wife Carrying Frauen über die Schulter legen und um die Wette rennen. Wer gewinnt, bekommt so viel Liter Bier wie die Frau wiegt (mindestens 49 Kilogramm so die Bedingung). Eine große Gaudi.

Verstoß gegen das Gleichstellungskonzept

Die Gleichstellungsbeauftragte der Universität Passau fand die Idee jedoch weniger amüsant. Sie stieß sich unter anderem an der Disziplin Fensterln: Ein Mann klettert an einer Leiter und mit viel Tollkühnheit zu einem Fenster hinauf. Dahinter befindet sich eine Frau, die der Herannahende küssen darf, wenn er sein Ziel erreicht hat.

Die Organisatoren mussten daraufhin die Gaudi verschieben, schrieben die Studenten auf ihrer Facebook-Seite. Das Ereignis verstoße gegen das Gleichstellungskonzept der Uni Passau, die Frau werde zum Objekt degradiert. Zugleich moniert die Gleichstellungsbeauftragte, dass nur Männer fensterln dürften. Sie wäre mit dem Fest einverstanden, wenn auch Frauen die Leiter hochklettern könnten oder sich am Wife Carrying beteiligen dürften, wie die "Welt" berichtet.

Hauptveranstalter Niko Schilling zeigte wenig Verständnis für die Argumentation: "Wenn ich die Regeln ändere und Männer auf den Balkon stelle und Frauen die Leiter hochklettern, hat das nichts mehr mit Tradition zu tun", hat er der "Passauer Neuen Presse" gesagt. Trotzdem sollen die Regeln nun geändert werden: "Sagt ja keiner, dass ned auch Mädels in Dirndl ne Leiter zu ihrem Liebsten hochsteigen dürfen", schrieben die Sportstudenten in einem Facebook-Kommentar.

"Gender-Gesinnungs-Terror"

In der Schweiz ist das Fensterln auch als Kiltgang bekannt. Laut dem Historischen Lexikon der Schweiz reicht diese Tradition bis ins 16. Jahrhundert zurück. Der Kiltgang bezeichnet das "geregelte Werbeverhalten junger Männer, wonach sie nachts einzeln oder in Gruppen heiratsfähige Mädchen zu Hause besuchten." Sogar Florian Pronold, der frühere Vorsitzende der Bayern-SPD, steht auf diese Tradition. Im Wahlkampf vor sieben Jahren sagte er: "Wir dürfen nicht der schüchterne Liebhaber sein. Wir müssen ran an die Leiter, raus zum Fensterln, um die sozialdemokratischen Herzen zu erobern."

"Wir haben das bewusst zweideutig und mit sexuellen Anspielungen als Veranstaltung aufgezogen. Das gehört halt auch dazu", verteidigen die Sportstudenten ihre Party-Werbung. Die Gleichstellungsbeauftragte hingegen sah darin einen Fall von Diskriminierung.

Viele Studenten sind genervt von so viel Aktionismus. "Unfassbar! Wird dann künftig durch die Verwaltung auch verboten, dass Jungs ihre Freundinnen auf dem Campus zum Kaffee einladen, Mädels die Tür aufgehalten wird etc.?", schreibt eine Nutzerin auf Facebook. "Nicht diesem Irrsinn Vortritt lassen, bitte!", postet eine andere. Von "fehlgeschlagener Political Correctness", von einer "Lachnummer" und "Gender-Gesinnungs-Terror" ist zudem die Rede.

Mittlerweile hat die Diskussion um das Fensterln eine eigene Dynamik angenommen. "Unter den 448 Personen, die unsere Absage geteilt und teilweise politisch sehr eindeutig kommentiert haben, befinden sich leider auch vermehrt Einzelpersonen, denen eine gewisse Nähe zu extremen und extremistischen Szenen unterstellt werden kann...", schreiben die Organisatoren auf Facebook. Die Sportstudenten distanzieren sich von diesen Kommentatoren und verwehren sich gegen politische Anfeindungen in dem sozialen Netzwerk. "Wir Sportstudenten möchten nicht als Politikum missbraucht werden."

kha

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 127 Beiträge
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1.
silenced 19.05.2015
... was soll man dazu noch sagen. Ich hoffe, ich hoffe wirklich!!! für die Uni Passau, daß es auch einen Männerbeauftragten an dieser Universität gibt. Falls nicht, dann gehört die Universität geschlossen, wegen Diskriminierung von Männern! Weil, wenn es keinen gibt, ist das ein Faux Pax Deluxe!
2. Sexismus
sametime 19.05.2015
Ja, Sex ist furchtbar böse und muss streng bestraft werden. Am besten werden alle Menschen nach der Geburt unfruchtbar gemacht, dann hat sich das Problem in spätestens hundert Jahren erledigt.
3. Pervers
dr_ix 19.05.2015
Zu behaupten eine Frau verkomme zu einem "Objekt" nur weil Männer sich um sie bemühen ist ja mal wahrhaftig eine Sache, die man als "pervers" im tiefsten Sinne des Wortes bezeichnen darf.
4. Die Gleichstellungsbeauftragte
mardy 19.05.2015
muß ja irgendwie ihre Daseinsberechtigung unter Beweis stellen. Manchmal gehen diese Versuche leider daneben...
5.
Papillon1412 19.05.2015
Es ging der Gleichstellungsbeauftragten darum, dass auch Frauen und gleichgeschlechtliche Paare an der Veranstaltung teilnehmen können. Anscheinend wollen die Veranstalter das Ganze lieber absagen, als den Wettbewerb für alle zu öffnen. Das sollte in einer offenen und toleranten Uni nicht passieren. Es geht auch nicht darum, ob die Frau zu einem Objekt degradiert wird, sondern um Gleichberechtigung für Studierenden. Ich studiere selber in Passau und finde es super, dass die Beauftragte das Thema angesprochen hat
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