Uni-Ranking-Rivalen: Deutschland sucht die Super-Jury

Von Christian Füller

Edelgard Bulmahns akademische Casting-Show "Brain up!" für ein Hochschul-Ranking gerät ins Flimmern, ehe sie richtig auf Sendung ist. Zwei Gremien zugleich sollen der Bildungsministerin bei der Millionenvergabe helfen - und die Wissenschaftsszene ist über die doppelt genähte Jury wenig amüsiert.

Erbost: Forscher Hüttl
BTU Cottbus

Erbost: Forscher Hüttl

Den Stein ins Rollen brachte die Eitelkeit des wichtigsten deutschen Forschungs-Gutachters, Reinhard F. Hüttl. Der akademische Oberschiedsrichter ist verschnupft, "weil ich meine Freizeit für ein Ranking investieren soll, das ohne Belang ist". Wenn das so bleibe, schimpft Hüttl, "kümmere ich mich lieber um meinen dreijährigen Sohn oder um meine Doktoranden".

In der Wissenschaft hat sich der Cottbuser Bodenkundler international einen Namen mit Forschungen zum Waldsterben gemacht. Außerdem erstellt Hüttl gerade die erste staatlich autorisierte Rangliste der besten deutschen Hochschulen. Formell kreiert der Professor das Ranking für den Wissenschaftsrat, ein vom Bundespräsidenten berufenes Beratungsgremium. Den Auftrag für die Rangliste hat Bulmahn erteilt - nicht die einzige Bestellung, die die übereifrige Forschungsministerin aussprach.

Denn die insgesamt 1,25 Milliarden Euro, die Rot-Grün ab 2006 in Elite-Unis stecken will, sollen ebenfalls auf den Rat eines Gremiums vergeben werden - mit Hilfe einer weiteren, international besetzten Jury, die erneut Bulmahn berufen will. "Zwei konkurrierende Auswahlgremien, das gibt Ärger", warnt nun Bodenkundler Hüttl, "damit wäre keinem geholfen."

Zwei Aufträge zugleich: Ministerin Bulmahn

Zwei Aufträge zugleich: Ministerin Bulmahn

Uni-Rankings gibt es in Deutschland reichlich - überwiegend von Zeitschriften, aber auch von Einrichtungen wie der Deutschen Forschungsgemeinschaft, der Humboldt-Stiftung oder dem Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). Für die geplante Krönung von Spitzenhochschulen braucht die Bundesregierung gewissermaßen amtliche Urteile. Während sich die ersten Universitäten bereits in Schale werfen, lässt ein Wettlauf zwischen den Gutachtern des Wissenschaftsrats und der Superuni-Jury nun nichts Gutes für die neuen Elite-Pläne erahnen.

Was passiert, so fragt Hüttl, wenn eine Uni in der von Bulmahn bestellten Bundesligatabelle der Hochschulen auf Platz eins landet, bei der "Brain up!"-Jury aber leer ausgeht? Schließlich geht es um viel Geld. Das Jury-Votum sorgt nach bisherigen Plänen dafür, dass in jede der handverlesenen Universitäten satte 250 Millionen Euro, verteilt auf fünf Jahre, fließen. Man hört schon den Aufschrei etwa in München oder Berlin, wenn die dortigen heißen Elite-Anwärter in der nationalen Tabelle an der Spitze stehen, beim Millionenzuschuss aber in die Röhre gucken.

"Wir brauchen keine Bewerbungsshow"

"Man darf das nicht parallel veranstalten", warnt auch Detlef Müller-Böling vor einem unkoordinierten Nebeneinander von Ranking und Millionenwettbewerb, "sonst kriegt man Konflikte." Müller-Böling leitet das Gütersloher CHE, das eines der wenigen anerkannten Uni-Rankings veranstaltet. Am Montag wird der Gütersloher Uni-Berater in Hüttls Ranking-Arbeitsgruppe angehört.

Einer der heißen Kandidaten: Humboldt-Uni Berlin

Einer der heißen Kandidaten: Humboldt-Uni Berlin

Reinhard Hüttl und seine Kollegen vom Wissenschaftsrat haben sich ein hohes Ziel gesteckt. "Wir haben den Anspruch, besser zu sein als die bestehenden Rankings", sagt Hüttl. Der Wissenschaftsrat hat sich dazu bereits mit den international maßgeblichen angelsächsischen Ranking-Autoren aus Princeton (USA) und Oxford (Großbritannien) besprochen.

In den Bundesländern herrscht unterdessen helle Aufregung, dass Hüttl seinen Job beim Wissenschaftsrat hinschmeißen könnte. "Reinhard Hüttl muss weitermachen", sagte Baden-Württembergs Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) gegenüber SPIEGEL ONLINE. "Wir brauchen ein fundiertes Konzept für das Hochschul-Ranking und keine Bewerbungsshow, wie sie Bulmahn plant."

Die Rankings ergänzen sich, meint Bulmahn

Die unionsregierten Länder sehen die Einmischung aus Berlin ohnedies mit einer Mischung aus Argwohn und heller Empörung. So stöhnt Frankenbergs bayerischer Kollege Thomas Goppel (CSU) nur noch über "das konzeptionslose Zick-Zack der Bundesregierung". Das Auswahlverfahren, so Goppel, könne gar nicht funktionieren, "denn der Fehler liegt im System". Keine deutsche Universität sei in allen Disziplinen Weltspitze. Daher wäre es klüger, Elitenetzwerke der besten Fakultäten zu gründen.

Selbst der rheinland-pfälzische Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner (SPD) ist sauer auf seine Berliner Parteifreundin Bulmahn. "Die Auswahl der Spitzenfachbereiche ist eines der Hauptprobleme", meinte Zöllner, der die Wissenschaftsminister der SPD koordiniert. Er plädiert dafür, "den Wissenschaftsrat eine entscheidende Rolle bei der Auslese spielen zu lassen - gerade weil die das Hochschulranking erstellen."

Derzeit sieht es allerdings nicht danach aus, dass Bildungsministerin Bulmahn die Einwände zu berücksichtigen gedenkt. "Das Ranking des Wissenschaftsrates zu den besten Universitäten und die Ausschreibung für die Spitzenuniversitäten in Deutschland ergänzen sich", erklärte sie nonchalant gegenüber SPIEGEL ONLINE. Ob das Ranking und der Wettbewerb für die besten Universitäten verzahnt werden könnten, wie es Reinhard Hüttl empfiehlt, sagte sie aber gerade nicht: "Das sind zwei verschiedene Paar Schuhe."

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