Studieren in Afrika: Jenseits von Ruhe

Von Kira von Bernuth

Dieser Campus schläft nie: An der Uni von Abomey-Calavi in Benin verkauft immer jemand Ananas, schreit, treibt eine Viehherde über das Gelände - oder sitzt unterm Baum und lauscht dem Professor. Wer trotz Trubel das Studium beendet und in sein Dorf zurückkehrt, wird wie ein Held verehrt.

Studieren in Benin: "Auch nachts schreit immer jemand" Fotos
Kira von Bernuth

Während der Professor in sein Megafon spricht, sitzen viele Studenten vor dem Hörsaal. Sie hocken unter Bäumen, auf dem Motorrad und schreiben mit, denn im Gebäude ist kein Platz mehr. Der Hörsaal soll 1000 Studenten fassen, nicht selten quetschen sich 2000 rein. Für den Rest von ihnen heißt es: draußen bleiben und gut zuhören.

Der überfüllte Campus gehört zur Uni von Abomey-Calavi, eine von zwei staatlichen Universitäten im westafrikanischen Benin, und liegt in einem Vorort Cotonou, der größten Stadt des Landes. 80.000 Studenten sind in den Fakultäten eingeschrieben, allein 40.000 von ihnen studieren auf dem Abomey-Calavi-Campus. Viele kommen erst zum Studium in die Großstadt. Häufig lebten sie vorher in kleinen Dörfern, wo es nur eine Grundschule gibt. Ende der neunziger Jahre wurden in kaum einem Land weniger Kinder eingeschult als in Benin, seit ein paar Jahren allerdings ist der Besuch der Grundschule kostenlos - und seitdem ist die Zahl der Erstklässler stark gestiegen.

Egal wo im Land man den Namen der Uni fallen lässt - jeder hat mindestens einen Bruder, eine Cousine, einen Onkel oder eine Tante, der oder die an einer der Fakultäten studiert oder studiert hat. Wenn sie später in ihr Dort zurückkommen, gelten sie als Autorität. Als jemand, der es geschafft hat. Wer wirklich reiche Eltern hat, studiert allerdings nicht in Afrika, sondern im Ausland, in Europa oder Nordamerika.

Der Campus schläft nie

Über 50 verschiedene Sprachen werden im ganzen Land gesprochen, auf dem Campus aber fast nur Französisch, die Amtssprache des Landes. Die Atmosphäre ist fast dörflich - ein starker Kontrast zur chaotischen Großstadt Cotonou. Zwischen den Studentenwohnheimen, Unterrichtsräumen, Hörsälen, Essenständen und Einkaufsläden wachsen Mangobäume, Palmen und Eukalyptuswäldchen. Hinter der Fakultät für Geisteswissenschaften beginnt der botanische Garten, in dem Affen durch die Bäume springen.

Trotz der ländlichen Idylle gilt: Le campus ne dort jamais. Der Campus schläft nie - denn ein Großteil des Lebens spielt sich draußen ab. "Auf dem Campus kann man sich nicht konzentrieren, wenn man arbeiten will, dann schreit auch nachts immer jemand rum", sagt der Germanistikstudent Hanza, 24. "Außerdem musst du auf deine Mitbewohner Rücksicht nehmen. Wenn einer noch wach ist, dann bleibt das Licht an, auch wenn es mitten in der Nacht ist." Deswegen wohnt er nicht in einem Zimmer im Studentenwohnheim, sondern im sogenannten Village Universitaire, ein Studentendorf hinter dem Campus in einer WG.

An der Uni gibt es keine Aufenthaltsräume, auch die Zimmer, in denen bis zu vier Studenten leben, sind relativ klein. Dadurch ist der Campus zu fast jeder Tages- und Nachtzeit voller Menschen, sie lesen, arbeiten, reden, spielen Karten und essen. In zahllosen kleinen "maquis" kann man für sehr wenig Geld alle möglichen beninischen Gerichte ausprobieren, überall verkaufen Frauen Ananas, Gemüse oder Brot direkt aus Körben heraus. Es gibt Tante-Emma-Läden, Internetcafés, Kopierläden, und zwischendurch läuft auch mal eine Kuh- und Schafherde durch das Getümmel.

Französische Literatur in der Kirche studieren

Wer sein Zimmer in einem der Wohnheime rund um das Sportfeld hat, muss nicht mal vor die Tür gehen, um mittendrin zu sein im Campusleben. Studenten spielen hier Basketball, Volleyball, Handball oder Hockey, abends bauen Frauen ihre Essenstände auf. Dort sitzen oft bis ein Uhr nachts junge Leute und essen Reis mit Bohnen, Omelett im Brot, Ananas oder Maisbrei mit Fisch.

Es lädt auch regelmäßig eine der unzähligen Studentenorganisationen zu einem Fest oder einer Veranstaltung auf dem Sportplatz ein, mal zu einer Modenschau von einer studentischen Kunstvereinigung, mal zum Amtsantritt von Studentenvertretern - inklusive lauter Musik, lauter Moderatoren und Tanz.

Das ändert sich, wenn im Frühjahr die Regenzeit beginnt. Dann stehen die Straßen im Village Universitaire und auf dem Campus regelmäßig unter Wasser. Riesige Pfützen machen es schwierig, trockenen Fußes zum Unterricht zu kommen. Und selbst wenn man ankommt, ist noch nicht gesagt, dass es auch der Professor schafft.

An solchen Tagen können die Studenten sich schwerlich vor dem Gebäude niederlassen - auch wenn der Professor ein Megafon dabei hat. Die Uni mietet daher auch Gebäude in der Stadt, Französische Literatur wird dann schon mal in einem Kirchensaal gelehrt. Drei Mal wöchentlich fährt etwa die 23-jährige Mimosette eine Dreiviertelstunde mit dem Bus zu ihrem Seminar in Moderne Französische Literatur. Solange dauert ihre Fahrt nach Akpakpa, normalerweise geht sie nur 20 Minuten zum Campus. "Aber immerhin findet der Unterricht überhaupt statt", sagt sie.

Für die Zahl an Studenten reichen die Räume der Uni nicht mehr aus. 2011 hat der Präsident des Tschad, Idriss Deby, der Universität daher ein neues Gebäude gesponsert. Das kommt häufiger vor: So hat das Institut für Arabisch und Islamkunde die Arabische Liga erbaut, die neuen achtstöckigen Wohnheime die Islamische Entwicklungsbank, ein älteres bezahlte der marokkanische König Hassan II. Neben dem Eingang wurde der Grundstein für eines neues Gebäude bereits gelegt, allerdings wurden die Baurarbeiten eingestellt. Denn der Sponsor war Muammar al-Gaddafi.

Deby wollte der Uni eigentlich einen Hörsaal für 1500 Studenten schenken. Das Resultat, ein riesiges, klimatisiertes weißes Zelt, ist allerdings die größte Fehlkonstruktion des Campus: Der Raum ist so riesig, dass man schon ab der zehnten Reihe kaum mehr erkennen kann, wer auf dem Podium sitzt.

Von der Idee, in dem Zelt Vorlesungen abzuhalten, hat man sich daher verabschiedet. Stattdessen wird es nun für repräsentative Zwecke genutzt. Im Mai wurde das Zelt mit schwarzen, roten und gelben Luftballons geschmückt, ein roter Teppich wurde ausgerollt und Ex-Bundespräsident Horst Köhler schritt darüber, vorbei an einer Baustelle für ein neues Gebäude und einem Stück Brachland, auf dem Ziegen und Hühner laufen. Er ging ins Zelt und hielt einen Vortrag über soziale Marktwirtschaft. Immerhin war es groß genug und kein Student musste draußen sitzen und lauschen.

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  • Kira von Bernuth
    Die Autorin Kira von Bernuth, 19, ist seit September 2011 mit dem Freiwilligendienst weltwärts in Benin. Seitdem arbeitet sie bei der Unipresse der Abomey-Calavi-Universität. Wenn sie zurück in Deutschland ist, wird sie besonders das Motorradfahren, das Reisen im Buschtaxi und die Kinder vermissen.

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An Afrikas Unis schreiben sich jedes Jahr mehr Studenten ein. Rund 40 Prozent sind Frauen. Noch nie war der Anteil junger Menschen unter den knapp eine Milliarde Afrikanern so groß wie jetzt. Trotz schlechter Gesundheitsversorgung und 22 Millionen HIV-Infizierten wächst die Bevölkerung.
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Die Forschungszusammenarbeit mit den westlichen Staaten, vor allem den USA, Großbritannien, Deutschland und Frankreich, spielt eine weit größere Rolle als innerafrikanische Kooperationen. In letzter Zeit agiert auch China in Afrika und gibt Geld für Kooperationen und Stipendien.
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1. University of Cape Town (Südafrika)
2. University of Pretoria
3. Stellenbosch University
4. University of the Witwatersrand
5. Rhodes University
6. University of Kwazulu Natal
7. University of the Western Cape
8. University of South Africa
9. Cairo University (Ägypten)
10. American University of Cairo
11. Ain Shams University
12. University of the Free State
13. University of Johannesburg
14. Nelson Mandela Metropolitan University
15. Makerere University (Uganda)
16. Université de Dakar (Senegal)
17. North-West University
18. Mansoura University
19. Al Akhawayn University (Marokko)
20. Kwame Nkrumah University (Ghana)

Quelle: Thomson Reuters, 2010