Auf den ersten Blick scheint alles beim Alten an der Universität Witten/Herdecke (UWH): Bei Deutschlands ältester Privathochschule, einst erste Adresse für die Elitenausbildung und gefördert von Deutsche-Bank-Chef Alfred Herrhausen wie von Bertelsmann-Patriarch Reinhard Mohn, hakt die Umsetzung ambitionierter Konzepte, die Beteiligten sind zerstritten, und es fehlt am Geld.
Der Ärger fängt mit den Formalien an: Der notwendige Antrag auf erneute Akkreditierung – also für die Lizenz zum Lehren und Forschen – lag nicht fristgerecht am 1. Mai beim Wissenschaftsrat vor. Die neue Hochschulleitung, nach einem handstreichartigen Umbau der akademischen wie der Gesellschafterstruktur eingesetzt, verhandelt derzeit mit dem staatlichen Gremium, ob die erforderlichen umfangreichen Unterlagen vielleicht im Herbst oder gar erst im kommenden Jahr eingereicht werden dürfen.
Nötig wird diese Re-Akkreditierung, weil der Wissenschaftsrat vor drei Jahren bei einer Begutachtung der UWH "erhebliche strukturelle Probleme und Defizite bei Lehre und Forschung" gefunden hatte. Nun muss die Privatuni detailliert nachweisen, wie sie in ihren verbliebenen Studiengängen Wirtschaftswissenschaften, Zahn- und Humanmedizin sowie in "Philosophie und Kulturreflexion" fortan wenigstens die akademischen Mindestanforderungen erfüllen will.
200 Millionen Euro zu wenig?
Das wird schwierig. Der Molekularbiologie-Professor Wolfgang Wintermeyer, ursprünglich vorgesehen als Wissenschaftlicher Geschäftsführer der UWH, sah das im März ähnlich und trat deshalb sein Amt gar nicht erst an. Birger Priddat, 58, seit 15. August 2007 Präsident der UWH, gibt sich hingegen zuversichtlich. Immerhin hat der Volkswirt die Privatuni bereits vor der Insolvenz bewahrt und mit Hilfe einer Zwölf-Millionen-Euro-Spende der Düsseldorfer Unternehmensberaterfamilie Droege so weit konsolidiert, dass die gemeinnützige GmbH das vergangene Geschäftsjahr mit einer schwarzen Null abschloss.
An der Medizinischen Fakultät, im Gutachten des Wissenschaftsrats am heftigsten kritisiert, will Priddat nun neun neue Lehrstühle einrichten, darunter auch in teuren, weil technisch aufwendigen, Fachgebieten wie der Radiologie. Dabei ficht ihn nicht an, dass diese Erweiterung der Hochschulmedizin das Budget der UWH auf einen Schlag um rund 15 Prozent erhöhen wird. Die drei bis fünf Millionen Euro, die dafür pro Jahr benötigt werden, seien "eingepreist" im neuen Finanzierungsmodell der UWH, beteuert Priddat.
Dieses Rechenwerk sieht vor allem eine größere Beteiligung der Stiftung UWH vor, die seit Sommer 2007 über 90 Prozent der Gesellschafteranteile hält. Die Stiftung soll Spenden einwerben und viel mehr Kapitalerträge abführen als bisher. Dazu müsste jedoch ihr Kapitalstock deutlich vergrößert werden, der derzeit ganze zwei Millionen Euro beträgt. Als solides Fundament für einen Hochschulbetrieb im UWH-Format nennen Experten hier mindestens das Hundertfache. Woher die 200 Millionen Euro kommen sollen und wer die künftigen Sponsoren sein könnten, das mag Priddat jedoch nicht verraten.
Für die Studenten wird es deutlich teurer
Klar ist hingegen: Auch die Studierenden sollen künftig deutlich mehr zahlen. Die Studiengebühren werden kräftig angehoben – in Medizin zum Beispiel um 60 Prozent auf 48.000 Euro, in Zahnmedizin sogar auf 60.000 Euro. "Wir ziehen nur nach in die Größenordnung, die der Markt für exzellente Privatunis vorgibt", entschuldigt Präsident Priddat das Vorgehen. Tatsächlich verlangt auch die WHU Business-School in Koblenz-Vallendar 5000 Euro pro Semester.
Die Studenten "haben dennoch Vertrauen in den Kurs des neuen Präsidenten", sagt Daniel von Gaertner, Wirtschaftsstudent und Vorstand der "Studierendengesellschaft", die die Lernenden vertritt, unter anderem in der Gesellschafterversammlung.
Das Bekenntnis erstaunt: Schließlich musste die Organisation bei der Umwandlung der UWH in eine Stiftungsuni fast all ihre Gesellschafteranteile abgeben, durfte bei der Gebührenerhöhung nicht mitreden und wird künftig in keinem wichtigen Gremium vertreten sein. Dass Priddat so viel Wohlwollen genießt, dürfte an seinem Stallgeruch liegen: Er hat bereits neun Jahre an der UWH gelehrt, bevor er für ein Intermezzo an die Zeppelin University in Friedrichshafen wechselte.
Doch reicht der Vertrauensvorschuss für eine Akkreditierung durch den Wissenschaftsrat? Wedig von Heyden, Generalsekretär des Gremiums, will keine Prognose abgeben über den Ausgang des Verfahrens. Wichtig werde sein, dass "hinter dem überarbeiteten akademischen Konzept auch eine ordentliche Finanzierung steht. Und dass der Antrag für die Prüfung in absehbarer Zeit eingeht." Die neue Hochschulleitung muss sich also noch kräftig ins Zeug legen.
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