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Unis am Golf: Bildungsboom im Morgenland

Aus Doha berichtet Bärbel Schwertfeger

Protzige Bauten, noble Namen an der Tür - die Golfstaaten wollen als Standorte von Top-Universitäten brillieren. Scheichtümer gehen weltweit shoppen und angeln sich renommierte Partner. Doch wer nicht Millionen oder gar Milliarden in den Sand setzen will, braucht vor allem eins: viele gute Studenten.

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Bärbel Schwertfeger

Mit gemieteten Quads über die Dünen brettern, durch Shopping-Center streifen und am Abend in einem Cafe Wasserpfeife rauchen - sehr aufregend ist das Studentenleben von Vincent van Houten, 19, nicht. Seit zwei Semestern studiert er an der Georgetown University im Scheichtum Katar, um den Abschluss im Diplomaten-Studiengang "Bachelor of Science in Foreign Service" zu erwerben. Den Tipp, hier zu studieren, bekam er von einer Freundin aus den USA, die ebenfalls dort Studentin war.

Für van Houten, der zuvor ein internationales Abitur im Schloss Salem am Bodensee gemacht hat, hat das Studium in der Wüste gleich mehrere Vorteile: "Ich bekomme den Abschluss einer renommierten US-Uni, studiere in einem interessanten Umfeld und lerne die arabische Sprache." Das bringe ihm mehr als ein Studium auf dem Hauptcampus der US-Uni.

40.000 Dollar kostet das Studium im Jahr, die Hälfte bekommt van Houten als Stipendium. Dafür sind die Studienbedingungen traumhaft. Mehr als 15 Studenten gibt es kaum pro Kurs. "Es ist schon außergewöhnlich, in einem so kleinen Kreis mit einem renommierten Professor diskutieren zu können."

16 Dependancen von US-Elite-Unis allein in Doha

Mit derzeit 160 Studenten ist Georgetown eine der sechs US-Unis mit Studiengängen in Katar anbieten. Über 3600 Studenten büffeln derzeit in der sogenannten Education City, einer Ansammlung extravaganter Gebäude am Stadtrand von Doha.

Neben angehenden Diplomaten lernen Studenten hier Modedesign, Informatik oder Wirtschaft. Es gibt Journalismus- und Kommunikationsstudiengänge wie auch Kurse für angehende Ingenieure, eine weitere Uni schult Ärzte nach amerikanischem Muster. Die Gebühren für die insgesamt 16 Studiengänge in Doha sind so hoch wie in den USA. Die kompletten Kosten für den Bau des Campus und den Studienbetrieb schultert eine ortsansässige Stiftung, die Qatar Foundation.

Seit Jahren investieren die Golfstaaten viele Millionen in ambitionierte Bildungsprojekte und schmücken sich gern mit großen Namen weltberühmter Universitäten. "Die Herrscher wissen, dass sie gute Bildung brauchen, also wollen sie etwas Großartiges machen", sagt Peter Heath, Kanzler der American University of Sharjah (AUS), einem der sieben Scheichtümer der Vereinigten Arabischen Emirate. Geld spiele dabei keine Rolle.

Abu Dhabi kauft sich gleich zwei komplette Spitzen-Unis ein

Während sich Katar auf einzelne Studiengänge renommierter US-Unis beschränkt, hat sich das reiche Emirat Abu Dhabi mit der New Yorker NYU und der Pariser Sorbonne gleich zwei komplette Universitäten eingekauft. So will die NYU in diesem Jahr erstmals mit einem vierjährigen Bachelor-Programm in Geisteswissenschaften und 100 Top-Studenten starten. "Die Studenten in Abu Dhabi werden zu den besten drei bis fünf Prozent der Studenten auf unserem Heimatcampus in New York gehören", verspricht Josh Taylor, Kommunikationsdirektor für NYU Abu Dhabi. Es sei daher wesentlich schwerer, in Abu Dhabi zugelassen zu werden als in New York.

"Die NYU bekommt enormen Druck von ihrem Heimatcampus, die hohe Qualität ihrer Studenten zu halten", sagt AUS-Kanzler Peter Heath. Weil aber US-Maßstäbe angelegt würden, seien Bewerber aus anderen Ländern von vornherein benachteiligt. "Damit wird die Zahl der geeigneten Studenten sehr gering", glaubt Heath. Die Unis müssen weltweit Kandidaten suchen, das funktioniert nur mit großzügigen Stipendien. So wirbt auch die NYU Abu Dhabi damit, dass Studenten und Familien sich für das Studium nicht verschulden müssten, trotz jährlicher Kosten von 62.500 Dollar.

Peter Heath bezweifelt, dass das Modelle langfristig trägt. "Will Abu Dhabi wirklich auf Dauer für Studenten aus Indien oder China bezahlen?", fragt er. Auf einheimische Studenten können die ausländischen Unis kaum hoffen. Schließlich stammen lediglich fünf Millionen Einwohner aus den Emiraten, 80 Prozent kommen aus dem Ausland. Obendrein sind durch die Krise viele Arbeitsnomaden den Golfstaaten wieder abhanden gekommen.

50 Prozent Rabatt, damit überhaupt Studenten kommen

Der Mangel an geeigneten Studenten hat inzwischen schon zu seltsamen Auswüchsen geführt. So sorgte die Michigan State University in Dubai vor einiger Zeit für Aufsehen, als sie damit warb, jedem Studenten, der an die US-Uni wechselt, die Hälfte der Studiengebühren zu erlassen. "Das klingt eher nach einer Verzweiflungstat", sagt Heath. Während sich Katar und Abu Dhabi gezielt renommierte Hochschulen einkaufen, wird Bildung in Dubai eher als Immobiliengeschäft betrachtet. Gegen eine günstige Miete bekommen Unis jeder Couleur die komplette Infrastruktur zur Verfügung gestellt.

Einen anderen Weg ging das Scheichtum Sharjah. Dort angelte sich der Herrscher 1997 die im arabischen Raum bekannte American University, stellte ihr einen kompletten Campus zur Verfügung und betraute sie mit Aufbau und Management der Hochschule. Bis 2006 sollte sich die Uni mit 4000 Studenten selbst tragen, doch bereits 2004 war es soweit. Heute studieren hier in 22 Studiengängen rund 5200 Studenten. Ein Fünftel kommt aus den Emiraten, der Rest vor allem aus arabischen Ländern. Unterrichtet werden sie von 350 Professoren. "Wir sind eine lokal gewachsene Uni nach amerikanischem Modell und mit internationaler Qualität", erklärt AUS-Kanzler Heath.

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Um kein Fremdkörper zu bleiben, müssten die ausländischen Hochschulen in die lokale Gemeinschaft integriert werden. "Viele Unis fliegen ihre Professoren nur kurz ein", beobachtet der Amerikaner, der selbst nicht nur Arabien-Wissenschaftler ist, sondern zuvor an der American University in Beirut tätig war. Man brauche jedoch Professoren, die auch Interesse an der Entwicklung des Landes habe. Bizarr wirkt vor allem das Modell der Sorbonne, die ihre Professoren zum großen Teil für den Unterricht aus Paris einfliegt. Unterrichtet wird auf Französisch von französischen Professoren und nach französischem System.

Wie lang reicht der Atem der Emirate?

Die Gefahr der Isolation von der lokalen Gemeinschaft besteht auch bei der im September eröffneten King Abdullah University of Science and Technology (Kaust) in Saudi-Arabien. 12,5 Milliarden Dollar lässt sich König Abdullah die neue Super-Uni kosten. Auch dort hat man sich renommierte akademische Partner wie Berkeley, Cambridge und Stanford sowie die TU München geholt. Doch der 36 Quadratkilometer große Campus in der Nähe von Dschidda ist Außenwelt abgeschirmt und streng bewacht.

Für Aufruhr sorgte im Februar die Fatwa eines radikalen Religionsgelehrten: Wer erlaube, dass Männer und Frauen am Arbeitsplatz oder in den Universitäten zusammentreffen, sei "ein Ungläubiger, der getötet werden muss". An der Kaust arbeiten und lernen Frauen und Männer zusammen. Eilig distanzierten sich andere Religionsgelehrte von der Fatwa, doch angespannt bleibt das Verhältnis zwischen einer Uni nach westlichem Modell und der mittelalterlichen Religionsauslegung in Saudi-Arabien.

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Trotz Finanzkrise, die auch die Golfstaaten und vor allem Dubai gebeutelt hat, geht das Buhlen um renommierte Unis weiter. So plant die University of Cambridge eine Kooperation mit der United Arab Emirates University in Abu Dhabi. Die 1976 gegründete Uni war die erste Hochschule in den Emiraten und steht nur Emiratis offen. In Katar sucht man derzeit noch eine renommierte Law School und eine Business School.

In Doha hatten sich im vergangenen November Bildungsexperten aus 120 Ländern zum WISE getroffen, zum World Innovation Summit for Education. Drei Tage lang diskutierten sie über die Herausforderungen und Entwicklungen im Bildungsbereich. Die Konferenz endete mit einem Zehn-Punkte-Plan und der Errichtung des "Institute for Education Leadership", in dem Führungskräfte im Bildungswesen aus aller Welt aufgebaut werden sollen. "Das ist der Beginn eines langfristigen Prozesses", betonte WISE-Präsident Abdulla Bin Ali Al-Thani. Künftig soll der Weltwirtschaftsgipfel jährlich in Doha stattfinden, wie auch der nächste WISE-Bildungsgipfel - ein Zeichen, dass es die Scheichs mit ihrem Engagement ernst meinen.

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