Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Teure Jura-Nachhilfe: Im Kampf gegen die Rep-Kultur

Von Maria Timtschenko

Jura-Repetitorien: Das Geschäft mit der Angst Fotos
SPIEGEL ONLINE

Viele Millionen Euro tragen Jura-Studenten jedes Jahr zur Nachhilfe, denn noch immer gilt: ohne Repetitorium kein Examen. Unis fangen nun an, den kostspieligen Nachhilfeinstituten Konkurrenz zu machen. Denn die machen ihr Geld vor allem mit der Versagensangst verunsicherter Kandidaten.

Der junge Doktor Bieder schreitet vor elf Kursteilnehmern auf und ab, blickt auf seine Powerpoint-Präsentation und wirft in feinstem Juristendeutsch Wörter in den Raum, wie "Haftungsprivilegierung", "Pfändungsschutzgrenzen" oder "Beschlussverfahren".

Es ist die letzte Woche des universitären Wiederholungskurses vor dem ersten juristischen Staatsexamen. Osnabrücker Studenten anderer Fächer sind längst in den Ferien, doch diese elf haben den dicken roten "Schönfelder" vor sich liegen, die wohl bekannteste Sammlung deutscher Gesetze. Die Studenten nicken und schreiben mit.

Das juristische Staatsexamen wird bald 200 Jahre alt, doch bis heute schaffen es die meisten Universitäten nicht, ihre Studenten ausreichend auf diese Prüfung vorzubereiten. Die Durchfallquote liegt konstant bei rund 30 Prozent und nur Jura-Studenten mit guten Noten bekommen später sicher einen Arbeitsplatz.

Die Notenskala von null bis 18 wird selten ausgeschöpft. 2011 etwa erreichten nur 0,1 Prozent ein "sehr gut". Der Großteil landet bei "ausreichend" oder "befriedigend". Ziel ist für die meisten allerdings ein sogenanntes Prädikatsexamen mit neun Punkten oder mehr, unter Juristen "vollbefriedigend". Da die Vorbereitung an der Uni oft nicht ausreicht, strömen die Examenskandidaten zu Privatanbietern von Repetitorien (kurz Rep) und bezahlen dort 1500 und 2000 Euro im Jahr. Wer es billiger will, dem helfen außerdem seit einigen Jahren Online-Wiederholungskurse, die gibt es schon ab 35 Euro pro Monat.

Bieders Kurs in Osnabrück versucht, eine Alternative anzubieten. In seinem kostenlosen Kurs Osnarep lernen die Studenten Problemlösungen für Rechtsfälle im Zivilrecht, im Öffentlichen Recht, im Straf- und im Arbeitsrecht. Heute: Person A wurde von seiner Firma gekündigt, weil er wiederholt zu spät war und möglicherweise ein Alkoholproblem hat. A klagt gegen die Kündigung. Die zentrale Frage: Ist die Klage zulässig und begründet und wenn ja, was kann er für Ansprüche stellen? Stück für Stück deckt Dozent Bieder die Lösung auf. 32 Paragrafen aus verschiedenen Gesetzestexten müssen die Studenten zu Rate ziehen.

Vorbereitung? Nicht unser Job

"Ich bin bei Osnarep, weil die Dozenten umfassendes Rechtswissen mitbringen. Sie beantworten meine Fragen, die manchmal abseits vom Lösungsschema sind, ausführlich", sagt Christina Brendel, 22, nach dem Kurs in der Mensa. Für jeden Themenbereich gebe es einen Repetitor, so lerne sie verschiedene wissenschaftliche und didaktische Stile kennen. Bei einem Ranking der "Zeit", in dem die Studenten ihr Uni-Repetitorium bewertet haben, schnitten neben Osnarep auch die Kurse der Unis Bielefeld, Halle und Passau gut ab.

Manche Professoren aber meinen, es sei gar nicht die Aufgabe einer Universität, Studenten auf ein praxisorientiertes Staatsexamen vorzubereiten. Arndt Sinn, Dekan der juristischen Fakultät an der Uni Osnabrück, kennt die Einstellung: "Manche denken, sie müssten nur Rechtswissenschaft lehren und keine Rechtsfälle durchgehen."

Achim Wüst lacht ins Telefon, als er diesen Satz hört. Wüst profitiert von dieser professoralen Einstellung, denn er leitet das Unternehmen Hemmer Repetitorien, Marktführer unter den privaten Jura-Nachhilfeanbietern. Der Repetitor ist auch selbst Nachhilfelehrer bei dem Unternehmen, das er heute gemeinsam mit Namensgeber Karl-Edmund Hemmer führt. Wüst schloss sein erstes Staatsexamen mit gut, das zweite mit Prädikat ab.

"Wer nur auf vier Punkte lernt, landet leicht bei drei!"

In ihren Kursinformationen auf der Firmen-Webseite schreibt Hemmer den Examenskandidaten ins Stammbuch: "Wer nur auf vier Punkte lernt, landet leicht bei drei!" Oder mit dem alten Seneca: "Wer den Hafen nicht kennt, für den ist kein Wind günstig." Macht so was den Studenten nicht eher Angst? Nein, findet Wüst. "Wir machen keine Angst, wir nehmen die Studenten an die Hand."

Die Methode Hemmer wirkt. Mehr als 5000 Studenten im Jahr tragen monatlich 159 Euro allein zu diesem Nachhilfeanbieter, das ist beinahe jeder zweite Examenskandidat in Deutschland. So dürfte ein Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro jährlich zusammenkommen. Wüst selbst mag zu den Zahlen keine genaue Auskunft geben.

Thomas Esefelder, 27, Jurastudent in Leipzig, wird sich für einen privaten Anbieter entscheiden. Er hat sich zwar auch die "Leipziger Examensoffensive" angesehen, doch der Andrang war ihm zu groß: "Bei 100 Leuten im Hörsaal ist die Überwindung, eine Frage zu stellen, sehr groß." Außerdem hätten die Dozenten zwar Ahnung, die Skripte gingen aber nicht weit über die aus den Vorlesung hinaus. Das viele Geld, das die Privaten bei den Studenten einsammeln, sorgt für bessere Qualität, ist Esefelder sicher. Elisabeth Spiecker, 23, dagegen hat bei Hemmer ihr Repetitorium gemacht und findet, es war "im Nachhinein schade ums Geld". Mit Selbstdisziplin, einem guten Online-Repetitorium und einer Lerngruppe wäre sie genauso gut vorbereitet worden, da ist sie sich sicher.

Privat für einen Batzen Geld, online oder an der Uni - letztlich wollen alle Jura-Studenten das eine: nach jahrelangem, hartem Paragrafenstudium nicht schlecht abschneiden oder sogar durch ihre Examen fallen. Christina Brendel, Studentin im Osnarep bei Doktor Bieder, rät ihren Leidensgenossen: "Setzt euch in jedes Angebot eurer Stadt, opfert diesen einen Tag zum Probehören, Materialien durchsehen und Konditionen prüfen." Kostenlos müsse ja nicht schlecht sein.


Julia Jung

Jura-Abbruch: Ausprobiert und aufgehört

Jura und ich, das wird nichts mehr! Für Studentin Julia kam die Einsicht früh, sie schmiss ihr Jura-Studium nach wenigen Wochen und sattelte um. Protokoll einer Entfremdung. mehr...

Diesen Artikel...
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 34 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Nicht nur bei Juristen
Brillenschlumpf 18.09.2013
Den Trend zur bezahlten Nachhilfe kann ich mittlerweile bei vielen Studierenden beobachten. Das sind die Aus- und Nachwirkungen der Abiturienten mit Helikopter-Eltern, die schon zu Abizeiten mit Nachhilfe gepäppelt wurden. Wo früher (10-15 Jahre zurück) Lerngruppen, Bibliotheksnächte und Selbststudium angesagt waren, zahlt man (d.h. in der Regel immer noch die Eltern) heute für face-to-face Nachhilfe. Was das für ein kommendes akademisches Arbeitsleben bedeutet, kann sich jeder selbst ausmalen... Meistens sowieso nicht.
2. b6565717@nwldx.com
berthankmann 18.09.2013
Den Trend zu externen Examensvorbereitungen gibt es in den letzten Jahren auch in der Medizin. Dort sind die Durchfallquoten geringer als in Jura und für die schriftlichen Multiple-Choice-Tests stehen Online-Angebote/CDs zur Vorbereitung zu Verfügung. Ein kleiner, aber wachsender Teil greift trotzdem auf externe Anbieter zurück, wo die mehrwöchigen Kurse fast 3000 Euro kosten und trotzdem ausgebucht sind. Das steht jedem frei, aber es ist oftmals ein Geschäft mit der Verunsicherung von Studenten.
3. Auch ohne Repetitorium
praetor300 18.09.2013
kann man ein Prädikatsexamen ablegen. Ein Jurastudium (und noch mehr das Referendariat!) ist nicht stures Auswendiglernen, für gute Ergebnisse bedarf es einer gewissen Begabung für logisches Denken und Sprache. Altes englisches Sprichwort: "Ein Jurist sollte ein Mann von Lebensart und Bildung sein. Wenn er darüber hinaus auch noch über Rechtskenntnisse verfügt, kann das nicht schaden." Vier-Punkte-Juristen sind in der Praxis in den seltensten Fällen zu gebrauchen....
4.
steuer3000 18.09.2013
Bei aller Liebe, aber die 2000 € pro Jahr welche hier angenommen werden, sind meiner Meinung nach ein Schnäppchen, zwar nicht im Vergleich zu anderen Studiengängen, jedoch zu anderen Prüfungsvorbereitungen. z.B. Steuerberater - 1000€ Prüfungsgebühr - Vorbereitungskurse ca. 2500€ bis 5000€ - plus weite Fahrtstrecken da z.B. in BaWü nur in Stuttgart in einer Sporthalle mit 700 bis 800 Leuten geschrieben wird - Ausgaben für Literatur min. nochmal 300€ - 500€ weil Bibliotheken sehr selten sind im Steuerrecht Ach ja das lernen bleibt auch hier keinem erspart nur mit dem Unterschied das in der Regel noch nebenher noch voll gearbeitet werden muss. Ach so und 30% Durchfallquote ist ja auch nicht so hoch, beim Steuerberater sind es ja schließlich so um die 50%. Also ihr Juristen haut rein!! Und seit nicht schon vor eurer Tätigkeit als Anwalt so geizig.
5.
carstens_86 18.09.2013
Der Unterschied zum Steuerberater besteht darin, dass bereits ein berufsqualifizierender Abschluss erworben wurde. Juristen haben, wenn sie sich im Laufe des 8. Semesters für die staatliche Prüfung anmelden 3 Versuche. Und bei großem Pech kann es auch guten Leuten passieren, dass sie 3 mal durchfallen. Und was bleibt einem dann? Das und die hohen Durchfallquoten (bei mir im Februar 2013 40% insgesamt) sorgen dafür, dass die Leute (auch ich zu hemmer) laufen. Dabei ging es mir aber eher um einen Lehrplan, um die riesige Masse zu bewältigen. Beigebracht wurde mir da wenig. Mit ein bisschen Einsatz hätte ich mir den auch basteln können. Hatte aber Angst, dass ich etwas vergesse.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



Fotostrecke
Jura? Ohne mich: Verkrachte Juristen und andere Studienabbrecher

Fotostrecke
Eine Aussteigerin erzählt: Warum Jura nichts für mich ist