Teure Jura-Nachhilfe: Im Kampf gegen die Rep-Kultur
Viele Millionen Euro tragen Jura-Studenten jedes Jahr zur Nachhilfe, denn noch immer gilt: ohne Repetitorium kein Examen. Unis fangen nun an, den kostspieligen Nachhilfeinstituten Konkurrenz zu machen. Denn die machen ihr Geld vor allem mit der Versagensangst verunsicherter Kandidaten.
Der junge Doktor Bieder schreitet vor elf Kursteilnehmern auf und ab, blickt auf seine Powerpoint-Präsentation und wirft in feinstem Juristendeutsch Wörter in den Raum, wie "Haftungsprivilegierung", "Pfändungsschutzgrenzen" oder "Beschlussverfahren".
Es ist die letzte Woche des universitären Wiederholungskurses vor dem ersten juristischen Staatsexamen. Osnabrücker Studenten anderer Fächer sind längst in den Ferien, doch diese elf haben den dicken roten "Schönfelder" vor sich liegen, die wohl bekannteste Sammlung deutscher Gesetze. Die Studenten nicken und schreiben mit.
Das juristische Staatsexamen wird bald 200 Jahre alt, doch bis heute schaffen es die meisten Universitäten nicht, ihre Studenten ausreichend auf diese Prüfung vorzubereiten. Die Durchfallquote liegt konstant bei rund 30 Prozent und nur Jura-Studenten mit guten Noten bekommen später sicher einen Arbeitsplatz.
Die Notenskala von null bis 18 wird selten ausgeschöpft. 2011 etwa erreichten nur 0,1 Prozent ein "sehr gut". Der Großteil landet bei "ausreichend" oder "befriedigend". Ziel ist für die meisten allerdings ein sogenanntes Prädikatsexamen mit neun Punkten oder mehr, unter Juristen "vollbefriedigend". Da die Vorbereitung an der Uni oft nicht ausreicht, strömen die Examenskandidaten zu Privatanbietern von Repetitorien (kurz Rep) und bezahlen dort 1500 und 2000 Euro im Jahr. Wer es billiger will, dem helfen außerdem seit einigen Jahren Online-Wiederholungskurse, die gibt es schon ab 35 Euro pro Monat.
Bieders Kurs in Osnabrück versucht, eine Alternative anzubieten. In seinem kostenlosen Kurs Osnarep lernen die Studenten Problemlösungen für Rechtsfälle im Zivilrecht, im Öffentlichen Recht, im Straf- und im Arbeitsrecht. Heute: Person A wurde von seiner Firma gekündigt, weil er wiederholt zu spät war und möglicherweise ein Alkoholproblem hat. A klagt gegen die Kündigung. Die zentrale Frage: Ist die Klage zulässig und begründet und wenn ja, was kann er für Ansprüche stellen? Stück für Stück deckt Dozent Bieder die Lösung auf. 32 Paragrafen aus verschiedenen Gesetzestexten müssen die Studenten zu Rate ziehen.
Vorbereitung? Nicht unser Job
"Ich bin bei Osnarep, weil die Dozenten umfassendes Rechtswissen mitbringen. Sie beantworten meine Fragen, die manchmal abseits vom Lösungsschema sind, ausführlich", sagt Christina Brendel, 22, nach dem Kurs in der Mensa. Für jeden Themenbereich gebe es einen Repetitor, so lerne sie verschiedene wissenschaftliche und didaktische Stile kennen. Bei einem Ranking der "Zeit", in dem die Studenten ihr Uni-Repetitorium bewertet haben, schnitten neben Osnarep auch die Kurse der Unis Bielefeld, Halle und Passau gut ab.
Manche Professoren aber meinen, es sei gar nicht die Aufgabe einer Universität, Studenten auf ein praxisorientiertes Staatsexamen vorzubereiten. Arndt Sinn, Dekan der juristischen Fakultät an der Uni Osnabrück, kennt die Einstellung: "Manche denken, sie müssten nur Rechtswissenschaft lehren und keine Rechtsfälle durchgehen."
Achim Wüst lacht ins Telefon, als er diesen Satz hört. Wüst profitiert von dieser professoralen Einstellung, denn er leitet das Unternehmen Hemmer Repetitorien, Marktführer unter den privaten Jura-Nachhilfeanbietern. Der Repetitor ist auch selbst Nachhilfelehrer bei dem Unternehmen, das er heute gemeinsam mit Namensgeber Karl-Edmund Hemmer führt. Wüst schloss sein erstes Staatsexamen mit gut, das zweite mit Prädikat ab.
"Wer nur auf vier Punkte lernt, landet leicht bei drei!"
In ihren Kursinformationen auf der Firmen-Webseite schreibt Hemmer den Examenskandidaten ins Stammbuch: "Wer nur auf vier Punkte lernt, landet leicht bei drei!" Oder mit dem alten Seneca: "Wer den Hafen nicht kennt, für den ist kein Wind günstig." Macht so was den Studenten nicht eher Angst? Nein, findet Wüst. "Wir machen keine Angst, wir nehmen die Studenten an die Hand."
Die Methode Hemmer wirkt. Mehr als 5000 Studenten im Jahr tragen monatlich 159 Euro allein zu diesem Nachhilfeanbieter, das ist beinahe jeder zweite Examenskandidat in Deutschland. So dürfte ein Umsatz von mehr als zehn Millionen Euro jährlich zusammenkommen. Wüst selbst mag zu den Zahlen keine genaue Auskunft geben.
Thomas Esefelder, 27, Jurastudent in Leipzig, wird sich für einen privaten Anbieter entscheiden. Er hat sich zwar auch die "Leipziger Examensoffensive" angesehen, doch der Andrang war ihm zu groß: "Bei 100 Leuten im Hörsaal ist die Überwindung, eine Frage zu stellen, sehr groß." Außerdem hätten die Dozenten zwar Ahnung, die Skripte gingen aber nicht weit über die aus den Vorlesung hinaus. Das viele Geld, das die Privaten bei den Studenten einsammeln, sorgt für bessere Qualität, ist Esefelder sicher. Elisabeth Spiecker, 23, dagegen hat bei Hemmer ihr Repetitorium gemacht und findet, es war "im Nachhinein schade ums Geld". Mit Selbstdisziplin, einem guten Online-Repetitorium und einer Lerngruppe wäre sie genauso gut vorbereitet worden, da ist sie sich sicher.
Privat für einen Batzen Geld, online oder an der Uni - letztlich wollen alle Jura-Studenten das eine: nach jahrelangem, hartem Paragrafenstudium nicht schlecht abschneiden oder sogar durch ihre Examen fallen. Christina Brendel, Studentin im Osnarep bei Doktor Bieder, rät ihren Leidensgenossen: "Setzt euch in jedes Angebot eurer Stadt, opfert diesen einen Tag zum Probehören, Materialien durchsehen und Konditionen prüfen." Kostenlos müsse ja nicht schlecht sein.
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