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Weniger Geld für Unis: Sparen geht über Studieren

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Die Verkleinerung der Hochschulwelt: Juristen, Maschinenbauer, Zahnmediziner - raus Fotos
Universität des Saarlandes/ Iris Maurer

Ganze Studiengänge stehen an der Hochschule des Saarlands vor dem Aus. Wegen Geldmangel rät der Wissenschaftsrat, Bereiche zu schließen. Ein ähnliches Schicksal droht auch Universitäten in anderen Bundesländern.

Wären die Fächer Jura, Maschinenbau und Zahnmedizin Patienten und das Saarland ein Krankenhaus, dann fiele dem Wissenschaftsrat die Rolle von Ärzten zu. "Stellt die Maschinen ab", würden sie den verzweifelten Angehörigen raten. Hintergrund wäre eine neue Vorgabe, wonach sich Krankenhäuser nur noch um bestimmte Patienten kümmern sollen. Um solche, die möglichst wenig kosten und möglichst viel Prestige bringen.

"Da aufgrund der finanziellen Rahmenbedingungen im Saarland zukünftig keine umfassende 'akademische Grundversorgung' mehr vorgehalten werden kann, sind auch Studiengänge einzustellen bzw. grundlegend neu zu organisieren", heißt es in dem Papier vom 24. Januar, in dem der Wissenschaftsrat "Empfehlungen zur Weiterentwicklung des Hochschulsystems des Saarlandes" formuliert.

Das bedeutet für die Universität des Saarlandes unter anderem: Jura auf Staatsexamen soll entweder in Kooperation mit einer anderen Uni in der "Großregion" angeboten oder "gänzlich" gestrichen werden - dann gäbe es im Saarland das Fach Jura gar nicht mehr. Mit "Großregion" meint der Wissenschaftsrat das angrenzende Bundesland Rheinland-Pfalz, mit dem auch bei der Lehrerausbildung mehr kooperiert werden soll. Komplett geschlossen werden sollen die Studiengänge Zahnmedizin sowie der gerade erst eingeführte Masterstudiengang Maschinenbau. Wirtschaftswissenschaften sollen ausgegliedert und nur noch gemeinsam mit einer Fachhochschule angeboten werden.

140 Millionen Euro weniger bis 2020

Der Hintergrund: Die Saar-Uni muss heftig sparen. In diesem Jahr erhält sie vom Land rund 184 Millionen Euro, das sind fünf Millionen weniger als im Vorjahr. Ab 2015 bis 2020 wird der Haushalt auf jährliche 179 Millionen Euro festgeschrieben. Und das ist noch nicht alles: "Die Inflation, insbesondere die steigenden Energie- und Personalkosten, sind noch nicht eingerechnet", sagt Pressesprecherin Friederike Meyer zu Tittingdorf. Nach eigenen Berechnungen muss die Uni bis 2020 rund 140 Millionen Euro einsparen. Wie und wo, weiß bisher niemand. Das Land hat den Wissenschaftsrat (WR) um Vorschläge gebeten, wie es mit den Hochschulen weitergehen könne.

Die Saar-Uni steht - auch wenn sie ein Extrembeispiel ist - exemplarisch für die Situation vieler Hochschulen in Deutschland: Sie sind abhängig von den finanziellen Mitteln ihres Bundeslandes. Sie haben chronischen Geldmangel bis hin zu existentiellen Geldnöten. Sie sollen sich ein Profil zulegen, sprich: einige Fächer stärken, andere abbauen oder komplett abschaffen.

So passen die aktuellen Ratschläge des Wissenschaftsrats in das Zukunftskonzept des wichtigsten Beratungsgremiums von Bund und Ländern in der Hochschul- und Forschungspolitik. "Profilbildungen in der Lehre verlangen zum Teil Institutionalisierungsreformen, die nicht an Fach bzw. Fakultätsgrenzen gebunden sind", heißt es etwas sperrig bereits in dem Papier "Perspektiven des deutschen Wissenschaftssystems", in dem der Rat im Sommer 2013 die Zukunft der Hochschulen skizziert hat. Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) und Horst Hippler, Präsident der Hochschulrektorenkonferenz (HRK), lobten die Empfehlungen, nannten sie einen "zentralen Baustein" (Wanka) und "ein gelungenes Ensemble" (Hippler).

In vielen Bundesländern werden Studiengänge gestrichen

Was diese Worte in der Praxis bedeuten, bekommt die Uni des Saarlandes derzeit am deutlichsten zu spüren. Doch nicht nur dort, auch in anderen Bundesländern trifft die Vorgabe des WR auf Geldsorgen. Der Spardruck quält derzeit auch massiv die Hochschulen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen und Bremen. So soll die Uni Magdeburg laut Wissenschaftsrat ab 2020 keine Lehramtsausbildung mehr anbieten. Die Universität Leipzig muss in absehbarer Zeit ihre Institute für Theaterwissenschaften, Archäologie schließen, auch die physikalische Chemie ist vom Stellenabbau betroffen. Die Uni Jena muss mehr als 125 Vollzeitstellen abbauen.

Hinzu kommt: So einfach können sich Hochschulen gar nicht inhaltlich neu ausrichten, denn ihre Professoren sind Beamte auf Lebenszeit. Ihnen kann nicht gekündigt werden, nur weil das Fach nicht mehr en vogue ist oder nicht in die Finanzplanung passt. An der Saar-Uni hofft man deshalb, dass einige Profs von sich aus das Weite suchen - nicht unwahrscheinlich, wenn ihnen Stellen und moralische Unterstützung wegbrechen. Andernfalls können die Unis nur warten und Stellen nicht neu ausschreiben, wenn Professoren emeritieren, sterben oder wechseln.

L'art pour l'art, also Wissenschaft der Wissenschaft wegen, wird, so die gegenwärtige Entwicklung, immer mehr gekürzt. Was zählt, sind Zahlen: Wie viele Studenten zieht ein Fach an? Wie viele Stellen stehen den Studentenzahlen und den Einnahmen gegenüber? Passt ein Studienfach noch zur Profilsetzung?

Die Reaktionen der Studenten, Wissenschaftler und Uni-Leitungen schwanken zwischen Entsetzen und Protesten. An der Saar-Uni gibt man sich noch ein wenig hoffnungsfroh. "Vielleicht tut sich ja doch noch irgendwo ein Geldtopf auf", sagt Meyer zu Tittingdorf, "oder das Kooperationsverbot wird endlich gekippt. Dann dürften wir Geld vom Bund bekommen." Doch danach sieht es derzeit nicht aus.

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insgesamt 124 Beiträge
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1. Ja, Deutschland ist ein reiches Land
newliberal 30.01.2014
und Deutschland ging es noch nie so gut !
2. Gender studies
Kuurgaan 30.01.2014
Solange nur die Gender Studiengänge geschlossen werden, ist das kein Problem ..
3. Macht doch nichts
zorga 30.01.2014
Die Fachkräfte kommen doch jetzt alle aus dem Ausland und aus Bulgarien und Rumänien, da können wir uns hier diese teuren Studiengänge locker sparen. Oder?
4. Herzlich Willkommen...
leia.birnbaum 30.01.2014
... an jeder Uni / FH in vermutlich ganz Deutschland. Da wird in Gebäuden aus den 1950er und 1960er Jahren die im Winter mit Glück auf 15°C geheizt werden können gelehrt die oft nur mit Müh und Not und schnellen Umbauten aktuellen Brandschutzbestimmungen gerecht werden. Oft sind diese Altbauten so schlecht gewartet dass nur noch der Abriss sinnvoll wäre, das Geld aber für einen Neubau nie und nimmer reicht. Undichte Dächer und Fenster sind inzwischen an der Tagesordnung und Neubauten werden wenn überhaupt erst nach jahrelanger Diskussion in Billigbauweise aus Fertigteilen errichtet und bieten schon bei Eröffnung nicht mehr genug Platz oder sind mangels Kontrolle voller Baumängel . Studiengänge werden nicht nur im Saarland gestrichen, sondern in jedem Bundesland weil die Mittel der Unis vielleicht nicht gekürzt werden aber auch der allgemeinen Inflation nicht angepasst werden. So sind oft die Mittel seit vielen Jahren auf konstantem Niveau ohne dass eine Uni sich davon noch irgendwelche Anschaffungen leisten könnte. Und das in einer Zeit in der überall gepredigt wird wie wichtig doch eine gute Ausbildung sei.
5. Mehr Geld für Rentner - weniger für Unis
ironbutt 30.01.2014
Willkommen in der GroKo
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