Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.

Universität in Palästina: Schach der Mauer

Von Rainer Busch

Sari Nusseibeh ist Philosoph - wer sonst sollte auf die Idee kommen, mit Bauern, Läufern und Türmen eine Mauer zu bekämpfen? Mit seinen palästinensischen Studenten wehrt der Präsident der El Kuds-Universität sich gegen den israelischen Separationswall. Ihr gemeinsames Ziel: Die Mauer muss weg.

Im Schatten einer löchrigen Plastikplane hocken die Studenten auf dem Sportplatz der El Kuds-Universität und bewegen die Schachfiguren hin und her. "Das Spiel", sagt Uni-Präsident Nusseibeh, "zwingt dazu, sich in den Gegner hinein zu versetzen und dessen nächsten Zug voraus zu denken."

Uni-Sportplatz: Protest gegen die Barriere der Israelis
Mahfouz Abu Turk / EED

Uni-Sportplatz: Protest gegen die Barriere der Israelis

Mit phantasievollen Aktionen wie einem Schachturnier, Vorlesungen unter freiem Himmel, Konzerten und sogar einem Pferderennen demonstrierten die 6000 Studenten der palästinensischen Universität in Abu Dis über einen Monat friedlich gegen den Bau eines Ungetüms, das ihnen einen Drittel des Campus entrissen hätte: den israelischen Separationswall.

Die Universität liegt am südöstlichen Rand von Jerusalem. Mitten durch den staubigen Uni-Fußballplatz sollte die 70 Meter breite Barriere verlaufen, mit der Israel sich vor Selbstmordattentätern schützen will. Die Sperranlage besteht aus einem 3,50 Meter hohen Zaun. Er ist gespickt mit elektronischen Bewegungsmeldern und wird geschützt durch Stacheldraht, vier Meter tiefe Gräben und Patrouillenwege für die israelische Armee.

Die Bauern erreichen ihr Land nicht mehr

Der Fußballplatz ist gerettet. Zwar wird die Mauer gebaut, aber sie entsteht einige hundert Meter weiter westlich. Kettenraucher Nusseibeh, der an den Elite-Unis in Oxford und Harvard studierte, hatte nicht nur lokalen, sondern auch internationalen Protest gegen den Verlauf der Trennlinie aktiviert. Sogar US-Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice machte sich in Gesprächen mit israelischen Offiziellen für eine Veränderung stark.

Demo gegen den Zaun (in Anin): "Wie sollen wir überleben?"
AP

Demo gegen den Zaun (in Anin): "Wie sollen wir überleben?"

Rund 60 Kilometer weiter nördlich würde sich Rabbah Jassin eine ähnliche Aufmerksamkeit wünschen. In seinem Dorf Anin im Westjordanland durchschneidet der Zaun die biblische Landschaft bereits. 60 seiner 70 Hektar Land mit besten Olivenbäumen liegen jenseits des Zauns - sie sind für den Bauern unerreichbar geworden. Doch Rabbah Jassin hat niemanden, der ihn erhört: "Wie sollen wir überleben?" fragt er verzweifelt, "ohne Zugang zu unserem Land werden wir zu Bettlern oder müssen unser Dorf verlassen."

190 Kilometer des Zauns werden bis Ende des Jahres fertig gestellt sein, darunter 20 Kilometer um Jerusalem. Bis 2005 wird er, dann über 600 Kilometer lang, das gesamte Westjordanland einzäunen. Nach Schätzungen der israelischen Menschenrechtsorganisation Betselem, deren Arbeit vom Evangelischen Entwicklungsdienst in Bonn finanziell unterstützt wird, werden dann die 3,5 Millionen Palästinenser im Westjordanland auf rund 40 Prozent der Fläche zusammengepfercht sein. Für die 231.000 jüdischen Siedler sind 60 Prozent reserviert, darunter die wichtigsten Wasserquellen.

Das Bollwerk erinnert Palästinenser an die Apartheid

Die Palästinenser sprechen deshalb von einer "Apartheid-Mauer", die sie wie einst in Südafrika in "Homelands" verbannt. "Das Sicherheitsbedürfnis der Bevölkerung wird von der Regierung Sharon zum Annexion von Teilen des Westjordanlandes missbraucht", sagt Yehezkel Lein, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Betselem.

"Separationswall": Nur Vögel überwinden ihn mühelos
DPA

"Separationswall": Nur Vögel überwinden ihn mühelos

Trotz der Verschiebung: Auch die Uni in El Kuds wird die Auswirkungen der Mauer hautnah zu spüren bekommen. Schon fressen sich die Bagger in unmittelbarer Umgebung des Campus durch die lehmige Erde. Kaum einen Kilometer entfernt, in Abu Dis, trennt bereits eine provisorische Mauer Nachbarn von Nachbarn - sie wird zu einen acht Meter hohen, unüberwindlichen Bollwerk ausgebaut.

30 Prozent der Studenten an der Uni kommen aus Ostjerusalem. Die medizinische Fakultät, einzige Ärzte-Ausbildung für Palästinenser in den autonomen Gebieten, arbeitet eng mit Hospitälern in Jerusalem zusammen - darunter das von Kaiser Wilhelm II 1910 gegründete Auguste-Viktoria- Hospital auf dem Ölberg.

Hoffnung auf Einsicht der Israelis

Steht die Mauer, müssen die Studenten weite Umwege in Kauf nehmen. Oder es hängt von guten Willen der Israelis ab, ob sie durch spezielle Tore zum Campus gelangen können. Zwar sichert die Regierung den freien Zugang zu, doch das hat sie auch den Bauern wie Rabbah Jassin im nördlichen Westjordanland versprochen. Und der durfte in vier Monaten genau einmal für zwei Stunden zu seinen Olivenbäumen.

Universität Abu Dis: Studieren unter schweren Bedingungen
Mahfouz Abu Turk / EED

Universität Abu Dis: Studieren unter schweren Bedingungen

"Die Universität wird wohl nur noch für Studenten aus der Nachbarschaft erreichbar sein", fürchtet Nusseibeh. Anderswo, in Hebron und Nablus, sind die palästinensischen Universitäten schon seit langem geschlossen. "Die Mauer ist ein Schlag ins Gesicht für alle, die Brücken bauen wollen", sagt der Uni-Präsident. "Sie sperrt uns Palästinenser ein wie in einen Käfig."

Die El Kuds Universität kämpft weiter gegen die Mauer. Ob mit Schachturnieren oder Konzerten - die friedlichen Proteste sollen fortgesetzt werden. Sie könnten ein Beispiel sein für den gesamten Widerstand der palästinensischen Bevölkerung gegen die israelische Okkupation, hofft Nusseibeh. Sein pragmatischer Ansatz wird von radikalen Palästinensern verurteilt, sogar Todesdrohungen gegen ihn gab es schon.

Der Brückenbauer Nusseibeh glaubt indes an die Einsichtsfähigkeit der Israelis. Er setzt darauf, dass die breite Bevölkerung in Israel entsetzt sein wird, wenn sie erst einmal merkt, was die Mauer anrichtet - und sie vielleicht zu ihrem Fall beiträgt. Der Philosoph Nusseibeh ist eben auch ein unverbesserlicher Optimist.


Diesen Artikel...

© SPIEGEL ONLINE 2003
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH