Mietnomade in Studentenbude: Hilfe, meine Wohnung wurde gekapert

Von Marie-Charlotte Maas

Hausrat vor der Tür: Möbel rauswerfen ist leicht, Untermieter rauswerfen nicht Zur Großansicht
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Hausrat vor der Tür: Möbel rauswerfen ist leicht, Untermieter rauswerfen nicht

Ab ins Ausland und her mit dem Zwischenmieter? Was für Studenten mit Fernweh üblich ist, kann böse enden - wenn man einen Mietnomaden reingelassen hat. Ein gruseliger Fall aus Darmstadt zeigt, wie fies so ein ungeliebter Untermieter sein kann.

Es beginnt mit einer Anzeige auf der Internetseite studenten-wg.de. Einem Angebot, wie es jeden Tag viele Male gemacht wird: "Wohnung unterzuvermieten". Auftraggeber sind Verena und Jonathan, ein Paar, das in Darmstadt studiert. Doch jetzt will Verena ein Praktikum in Köln machen und Jonathan für ein Semester nach Finnland gehen.

Um Geld zu sparen, suchen sich jedes Jahr Zehntausende Studenten einen Zwischenmieter für einen begrenzten Zeitraum. Sie nehmen in Kauf, dass ein Fremder in ihrer Wohnung lebt, ihr Bett benutzt, sich in ihrem Bad wäscht, von ihren Tellern isst. Meistens geht das gut. Manchmal läuft es furchtbar schief. So wie bei Verena und Jonathan, die in Wahrheit anders heißen, aber aus Angst ihren Namen nicht nennen wollen. Was sie mit ihrem Zwischenmieter erleben, zeigt exemplarisch, wie schutzlos ein vorübergehender Vermieter ist.

Die erste Mail des Mannes, der ihnen das Leben in den nächsten Monaten vermiesen wird, liest sich noch gut: "Ich bin an Eurem Angebot super-interessiert!!! Ich komme gerade von einem längeren Auslandsaufenthalt aus Asien und daher wäre Eure Wohnung super-passend. Bitte um schnellstmögliche Kontaktaufnahme. Mit freundlichen Grüßen, Thomas."

Post vom Untermieter: "Wie DUMM seid ihr überhaupt???"

Die beiden Studenten laden den Mann ein. Er ist 50 Jahre alt und behauptet, einen festen Job am Frankfurter Flughafen zu haben. Man einigt sich schnell und schließt einen Untermietvertrag: Von Anfang Juli bis Ende Dezember 2012 soll Thomas in Verenas und Jonathans Wohnung unterkommen. Der Fremde gibt den beiden die Telefonnummer seiner Eltern, bei denen er derzeit noch wohnt.

Einen Tag vor Mietbeginn, als Verena und Jonathan schon nicht mehr in Darmstadt weilen, geht der Ärger los: Thomas teilt den beiden mit, dass er nicht die ganze Wohnung, sondern doch nur ein Zimmer mieten wolle - ergo auch nur die Hälfte bezahlen werde. Die Studenten sind verärgert, aber bereit, vom Vertrag abzuweichen und sich einen weiteren Mieter für das andere Zimmer zu suchen. 400 Euro soll Thomas nun pro Monat zahlen, 500 Euro an Kaution hinterlegen. Doch schon die erste Miete kommt nicht pünktlich. Ein Versehen, sagt Thomas und entschuldigt sich. Kurz darauf ist das Geld auf dem Konto.

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Vier Wochen lang scheint alles normal, doch dann wird die Miete wieder nicht zum vereinbarten Zeitpunkt überwiesen. Jonathan ruft ihn an, Thomas gibt sich reumütig und verspricht, das Geld so schnell wie möglich zu überweisen. An sein Versprechen hält er sich nicht. Stattdessen kündigt er plötzlich an, dass er schon Ende August wieder aus der Wohnung ausziehen wolle: "Wegen beruflicher Änderungen muss ich unseren Untermietvertrag bereits zum 31.08.2012 aufkündigen! Der Auszug wird wahrscheinlich schon früher geschehen - einen genauen Termin teile ich noch mit. Die hinterlegte/bezahlte Mietkaution in Höhe von 500 Euro kann mit der noch ausstehenden August-Miete verrechnet werden."

Die beiden akzeptieren, obwohl es aus der Ferne schwierig wird, einen Ersatz für Thomas zu finden. Doch der entscheidet sich ohnehin schon bald wieder anders - und schreibt eine Mail: "Hallo! Brauche das Zimmer doch noch bis einschl. September!!! Bitte um Bestätigung, danke. MfG Thomas."

Immer da, jedoch nie zu erreichen

Verena ist skeptisch, Thomas' Verhalten kommt ihr merkwürdig vor. Der zweite Zwischenmieter, der mittlerweile eingezogen ist, berichtet, dass Thomas' Tür immer verschlossen sei, er sehe ihn praktisch nie, höre nur dessen laute Musik. Hat der unheimliche Zwischenmieter überhaupt einen Job? Regelmäßige Einkünfte? Jonathan und Verena haben sich nie eine Lohnabrechnung zeigen lassen. Auch im September gibt es kein Geld: Thomas hockt in ihrer Wohnung - und bezahlt keinen Cent dafür. Verena und Jonathan versuchen, ihn anzurufen, doch das klappt nicht.

Strafrechtlich gegen Typen wie Thomas vorzugehen, ist fast aussichtslos: "Ein Zwischenmieter kann nur wegen Betrugs belangt werden, wenn er von Anfang an vorhatte, nach der ersten Miete keine weiteren Zahlungen zu leisten. Das nachzuweisen, ist aber schwierig", sagt Rechtsanwalt Giuseppe Landucci aus Köln. Es bleibt der zivilrechtliche Weg: Laut Mietrecht kann ein Vermieter einem Mieter, der zweimal seine Miete nicht bezahlt hat, fristlos kündigen und Räumungs- und Zahlungsklage erheben. Ein beauftragter Anwalt dämpft Verenas und Jonathans Hoffnung, als er erfährt, dass die beiden in ihrem Briefkasten Post von Inkassobüros entdeckt haben, die an Thomas gerichtet ist: Unter diesen Umständen würden sie von ihm sicher kein Geld sehen.

Freunde schlagen vor, einfach in die Wohnung zu gehen und den Typen samt seiner Sachen rauszuschmeißen. Doch Verena und Jonathan haben Angst, dass Thomas sie dann seinerseits anzeigen könnte. "Tatsächlich hätten die beiden dann wegen Hausfriedensbruchs belangt werden können", sagt Landucci.

In dem Moment, in dem man sein Zimmer mittels eines Vertrags untervermietet, hat man praktisch kein Recht mehr, es ohne Einwilligung des Zwischenmieters zu betreten.

Es bleibt ein ungutes Gefühl

Das Studentenpaar versucht, Thomas nun über seine Eltern zu erreichen. Daraufhin kommt eine bedrohliche Mail: "Ihr habt meine Eltern angerufen! Wie DUMM seid Ihr überhaupt??? Ihr habt mich per E-Mail zu kontaktieren, wenn Ihr die Mietangelegenheit zum Ende bringen wollt, klar????????????? Wenn das so weiter geht, werdet Ihr Bekanntschaft mit meinen russischen Kumpels machen ... mit oder ohne Anästhesie ... verstanden????? Ihr habt keine Ahnung mit wem ihr euch anlegt ..."

Dann ist Thomas plötzlich verschwunden. Von heute auf morgen steht sein Zimmer leer. Zurück bleiben seine Spuren: Mit einem Messer hat er einen Sessel aufgeschlitzt, Kerben in einen Tisch geritzt und mit einem Edding-Stift ein Bild beschmiert.

Ein Sprecher des Internetportals von studenten-wg.de teilt mit, dass die beiden Studenten eigentlich alles richtig gemacht hätten. Besichtigung, Mietvertrag, Kaution, erste Miete vor Einzug. Man könne zusätzlich noch Bonitätseinkünfte bei Auskunfteien einholen. Oder Kontakt zum vorherigen Vermieter aufbauen, um die Seriosität des Mieters zu prüfen. Anwalt Landucci rät, auf eine Schufa-Auskunft oder eine Bürgschaft zu bestehen. Doch wer betreibt für eine kurze Zwischenvermietung einen solchen Aufwand?

2500 Euro hat Thomas das Paar gekostet - für die nichtbezahlte Miete, die Anwaltskosten und die Schäden, die er in der Wohnung verursacht hat. Viel schlimmer als der finanzielle Schaden aber sei das eklige Gefühl, das sie nun in ihren eigenen vier Wänden haben, sagt Verena. Bis heute haben sie nicht alle Schlüssel von ihrem ehemaligen Zwischenmieter zurückbekommen. Verena und Jonathan haben das Schloss ausgetauscht, die gesamte Wohnung desinfiziert und renoviert und die Möbel umgestellt. Sie wollen nie wieder ihr Zuhause untervermieten.

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