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Plagiatsvorwurf: Von der Leyen könnte laut Rechtsexperten Doktortitel verlieren

Verteidigungsministerin von der Leyen am Dienstag in Berlin: "Die Einführung einer Doktorarbeit ist keine Schreibübung" Zur Großansicht
REUTERS

Verteidigungsministerin von der Leyen am Dienstag in Berlin: "Die Einführung einer Doktorarbeit ist keine Schreibübung"

"Alle objektiven Kriterien" für einen Titelentzug seien erfüllt, sagen Wissenschaftler über die Plagiatsvorwürfe gegen Ursula von der Leyen. Laut Informationen des SPIEGEL will Kanzlerin Angela Merkel auch in diesem Fall an ihr festhalten.

Die Plagiatsvorwürfe könnten Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) den Doktortitel kosten. "Ich halte es für durchaus denkbar, dass der Doktortitel in so einem Fall entzogen wird", sagte Volker Bähr von der Geschäftsstelle Gute Wissenschaftliche Praxis an der Berliner Charité dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL. (Lesen Sie hier die ganze Geschichte im neuen SPIEGEL.)

Dass die Zitierverstöße vor allem im Einführungsteil der Arbeit vorlägen, ändere daran nichts. Dieser sei "nicht nur eine Schreibübung", so Bähr. "Sich über ein Gebiet zu informieren, ist Teil der Wissenschaft."

Auch Gerhard Dannemann, Professor für vergleichendes Recht an der Berliner Humboldt-Universität, erklärte zur Causa von der Leyen: "Alle objektiven Kriterien, die Gerichte bislang für den Titelentzug angelegt haben, sind hier erfüllt."

Eine absichtliche Täuschung durch den Doktoranden sei nicht nötig für eine Aberkennung, sagte der Wissenschaftler, der bei der Internetplattform VroniPlag mitarbeitet, die von der Leyens Doktorarbeit untersuchte. Es genüge, dass der Doktorand die Täuschung der Prüfer billigend in Kauf nehme.

Die Recherche gegen von der Leyen ging nach SPIEGEL-Informationen von demselben Plagiatsjäger aus, der schon die Arbeit von Ex-Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) maßgeblich begleitet hat. Die Recherchen des anonymen Aktivisten "Robert Schmidt" hatten dazu geführt, dass Schavan ihren Titel und ihr Amt verlor. Auch an den Recherchen gegen Ex-Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) war er beteiligt.

In den nächsten Wochen muss eine Kommission der Medizinischen Hochschule Hannover entscheiden, ob die Vorwürfe gegen von der Leyen schwerwiegend genug sind, um ihr den Doktortitel zu entziehen.

Von der Leyen sitzt im Kuratorium der Förderstiftung der Hochschule. Sie sei dort zwar kein aktives Mitglied, sagte Simon Brandmaier, Mitglied des Stiftungsrats und Personalratsvorsitzender der Hochschule. "Aber es wäre dennoch konsequent, wenn Sie jetzt vorerst alle Ämter ruhen ließe, die auch nur ansatzweise den Eindruck einer Einflussnahme auf die Gremien der Hochschule suggerieren könnten."

Nach SPIEGEL-Informationen aus dem Kanzleramt ist Angela Merkel entschlossen, von der Leyen auch dann im Kabinett zu halten, wenn die Ministerin ihren Doktortitel verlieren sollte.

Dissertation, S. 4

Der französische Marinearzt Dr. JULES NICOLAS CREVAUX (1847-1882), der einen wichtigen Beitrag zur Erforschung Guayanas und des Amazonas-Gebietes leistete, referierte 1881 in der deutschen illustrierten Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde "Globus" (Braunschweig) über seine zweite Südamerikareise in den Jahren 1878/79. Bei den Roucoujennen-Indianern beobachtete CREVAUX den Dampfbadgebrauch einer Roucoujenne-Wöchnerin am Yari-Fluß in Französisch-Guayana (Abb.1). Er schrieb dazu: "Sie legt sich in eine Hängematte, unter welche ein rotglühender Stein gelegt und begossen wird."

Keine Quellenangabe

Typus: Bauernopfer. Auf die Originalquelle wird erst zwei Seiten später verwiesen, aber nicht im Anschluss an diese Sätze. Eine Abbildung wird ohne Angabe der Fundstelle von S. 125 bei Krumbach übernommen.

Seite: 4

Originalquelle

Der französische Marinearzt Dr. Jules Nicolas Crévaux [sic] (1847-1882), der einen wichtigen Beitrag zur Erforschung Guayanas und des Amazonas-Gebietes geleistet hat, berichtete 1881 in der deutschen illustrierten Zeitschrift für Länder und Völkerkunde "Globus" (Braunschweig) über seine zweite Reise in den Jahren 1878/79. Bei den Roucoujennen-Indianern [...] beobachtete Crévaux [sic] den Dampfbadgebrauch einer Roucouyenne-Wöchnerin am Yari-Fluß in Französisch-Guayana. Er schrieb dazu: "[Die Frau andererseits nimmt sofort nach der Entbindung ein Dampfbad in folgender Weise:] Sie legt sich in eine Hängematte, unter welcher [sic] ein großer rotglühender Stein gelegt und mit Wasser begossen wird."

Quelle: Krumbach 1989

Fundstelle Seite: 125

Dissertation, S. 6

Die Schnecke galt bei den Indianern als Sinnbild für Leben, Wachstum und Verfall; gleichzeitig symbolisierte sie Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt und das primäre weibliche Geschlechtsorgan.
In das abgebildete Schwitzbad kriecht eine weibliche, bekleidete Person hinein und zwar durch eine vergrößerte, omegaartige Öffnung. Diese und fünf ähnliche Zeichen am Schwitzbad wurden von dem deutschen Amerikanisten FRANZ TERMER (1894-1968) als Zeichen des Uterus interpretiert.

Keine Quellenangabe

Typus: Bauernopfer. Die Verfasserin nennt ihre Quelle später, macht jedoch Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme nicht kenntlich.

Seite: 6

Originalquelle

Die Schnecke galt bei den Indianern als Sinnbild für Leben, Wachstum und Verfall; gleichzeitig symbolisierte sie Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt, den Mutterschoß und das primäre weibliche Geschlechtsorgan. [...]
In das abgebildete Schwitzbad kriecht eine weibliche, bekleidete Person hinein und zwar durch eine vergrößerte, omegaartige Öffnung. Diese und fünf ähnliche Zeichen am Schwitzbad wurden von dem deutschen Amerikanisten Franz Termer (1894-1968) als Zeichen des Uterus interpretiert [...]

Quelle: Krumbach 1989

Fundstelle Seite: 130

Dissertation, S. 13

1930 wurde von TILLETT und FRANCIS im Serum von Kranken mit Pneumokokken-Infektionen eine Präzipitationsreaktion mit dem C-Polysaccharid von Pneumokokken entdeckt. Diese Reaktion war nur in der akuten Phase der Infektion nachweisbar, aber nicht mehr nach deren Abklingen (TILLETT und FRANCIS 1930). Der Zeitpunkt von Auftreten und Verschwinden der Präzipitationsreaktion unterschied diese von vornherein von Antigen-Antikörperreaktionen (TILLETT et al. 1930). Nachdem ABERNETHY und AVERY 1941 die Proteinnatur der mit dem C-Polysaccharid reagierenden Substanz entdeckten, wurde diese allgemein C-reaktives Protein genannt.

Quellenangabe: Schwarz 1963

Typus: Typus Falsche Paraphrasierung: Die Thesen anderer werden sinngemäß zusammengefasst, dabei darf aber der Wortlaut nicht identisch sein. Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme sind nicht kenntlich gemacht. Die Autorin nennt außerdem im dritten Satz einen falschen Beleg.

Seite: 13

Originalquelle

Von TILLETT und FRANCIS (1930) wurde im Serum von Kranken mit Pneumokokken-Infektionen eine Präzipitationsreaktion mit dem somatischen C-Polysaccharid von Pneumokokken entdeckt. Diese Reaktion war nur während der akuten Phase der Pneumokokken-Infektion nachweisbar, aber nicht mehr nach deren Abklingen. Zeitpunkt von Auftreten und Verschwinden der Präzipitationsreaktion unterschieden diese von vornherein von Antigen-Antikörper-Reaktionen. Nachdem ABERNETHY und AVERY (1941) die Proteinnatur der mit dem C-Polysaccharid reagierenden Substanz entdeckten, wurde diese allgemein C-reaktives Protein (CRP) genannt.

Quelle: Schwarz 1963

Fundstelle Seite: 1

Dissertation, S. 15

Die Funktion der Akutphase-Reaktion besteht darin, infektiöse Partikel abzutöten oder abzukapseln, zerstörtes Gewebe abzubauen und beschädigte Organe instandzusetzen. [...] Die Wirkung der Zytokine Interleukin-1 und Tumor Necrosis Factor wird durch die beiden "second-messenger"-Systeme Adenylatcyclase (ZHANG et al. 1988) und Proteinkinase-C (WALTHER et al. 1988) vermittelt und führt zu einer gesteigerten Interleukin-6-Transkription. Interleukin-6 ist der wichtigste Mediator der Regulation der Akutphase-Proteinsynthese in der Leber.

Keine Quellenangabe

Typus: Verschleierung / Bauernopfer. Eine Abbildung aus der Quelle wird korrekt referenziert, für diese drei Sätze gibt es jedoch keinen Beleg. Der zweite Satz wird hierbei mit Literaturbelegen aus dem Literaturverzeichnis der Quelle übernommen.

Seite: 15

Originalquelle

Die Funktion der Akutphase-Reaktion besteht darin, infektiöse Partikeln abzutöten oder abzukapseln, zerstörtes Gewebe abzubauen und beschädigte Organe instandzusetzen (44–46). [...] Die Wirkung der Zytokine IL-1 und TNFα wird durch die beiden "second-messenger"-Systeme Adenylatcyclase (91) und Proteinkinase C (86) vermittelt und führt zu einer gesteigerten IL-6-Transkription.

Quelle: Andus et al 1989

Fundstelle Seite(n): 1710, 1713

Dissertation, S. 22

So belegten beispielsweise HAJJ et al. (1979) die hohe Korrelation zwischen CRP-Veränderung und entzündlichen Erkrankungen des weiblichen Genitaltraktes; ANGERMAN et al. (1980) zeigten, daß quantitative CRP-Bestimmungen enger mit der klinischen Entwicklung einer Unterleibsentzündung korrelieren als Leukozytenzählung oder Blutsenkungsgeschwindigkeit; [...]

Keine Quellenangabe

Typus: Übersetzungsplagiat: Die Verfasserin übersetzt einen fremdsprachigen Text mit bibliographischen Angaben ins Deutsche, ohne die Quelle zu nennen.

Seite: 22

Originalquelle

CRP was chosen for this study as a possible marker of response to therapy because of [its short half-life, six to eight hours, which allows the rapid detection of changes in inflammation,3] an excellent correlation with the presence of inflammatory conditions of the female pelvis7 [and the detection of direct quantitative relationships with the severity of inflammation from pelvic inflammatory disease (PID).4] Angerman et al5 were able to correlate quantitative CRP determinations with the clinical course of PID more closely than they were the WBC count or ESR.

Quelle: Mercer at al 1988

Fundstelle Seite(n): 166, 167

Quelle: Vroniplag Wiki

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 232 Beiträge
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1.
c.PAF 01.10.2015
Wirklich Festhalten? Oder doch nur vollstes Vertrauen?
2. Die alte Leier
dunnhaupt 01.10.2015
O je, die Kanzlerin "versichert ihr vollstes Vertrauen".
3.
angste 01.10.2015
" ist Angela Merkel entschlossen, von der Leyen auch dann im Kabinett zu halten, wenn die Ministerin ihren Doktortitel verlieren sollte." Uns Uschi stellt sich dann in die Bundeswehruniversitäten und sagt: "Betrügt ruhig, passiert nichts weiter"?
4.
mr.andersson 01.10.2015
Totschlag verjährt nach 20 Jahren. Falsches zitieren in einer Doktorarbeit offenbar nie. Auch wenn mir das Schicksal von VdL eigentlich reichlich egal ist und ich den Anspruch der Wissenschaftler verstehen kann finde ich, dass hier der Gesetzgeber vielleicht tatsächlich irgendwann mal sagen sollte, dass nach 10 (?) Jahren ein Abschluss/Grad nicht mehr aberkannt werden kann. Die Rechtslage ist aktuell wie sie ist, der Titel ist wohl zurecht weg. Aber bald traut sich doch kein Promovierter mehr in die Politik weil er heute nicht mehr weiß, oder er vor 20 Jahren vielleicht schlampig zitiert hat.
5. ungeheuerlich
Anton Waldheimer 01.10.2015
Wenn das noch dazu im medizinischen Bereich passiert , ist der Rücktritt unvermeidlich,
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