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Von der Leyens Dissertation: Titelkampf mit besten Kontakten

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Absolventin von der Leyen: Ein gutes Netzwerk an der Hochschule

Kann die Medizinische Hochschule Hannover die Dissertation ihrer prominenten Absolventin unbefangen prüfen? Ursula von der Leyen ist gut vernetzt und pflegt engste Beziehungen in viele Bereiche der Universität.

Die Uni prüft nun also. Ursula von der Leyen hat die Medizinische Hochschule Hannover gebeten, ihre Dissertation erneut unter die Lupe zu nehmen, nachdem Plagiatsjäger eine Reihe verdächtiger Stellen gefunden hatten. Von der Leyen ließ mitteilen, ihre Arbeit werde durch eine "fachkundige und neutrale Ombudsstelle" überprüft.

Doch wie neutral kann die Prüfungskommission sein gegenüber ihrer prominentesten Absolventin? Sie wird darüber befinden, ob die CDU-Politikerin ihren Titel verliert und entscheidet damit womöglich auch über ihren Status als Verteidigungsministerin. Und Ursula von der Leyen pflegt immer noch engste Beziehungen in verschiedene Bereiche der Hochschule.

Von der Leyens Dissertation "C-reaktives Protein als diagnostischer Parameter zur Erfassung eines Amnioninfektionssyndroms bei vorzeitigem Blasensprung und therapeutischem Entspannungsbad in der Geburtsvorbereitung" soll auf 27 von 62 Seiten nicht ganz sauber gewesen sein - sie habe Zitierungen verschleiert, Texte ohne Quellenangaben übersetzt, falsche Belege genannt, sagen Aktivisten der Plattform Vroniplag Wiki. Hat von der Leyen demnach nur schlampig gearbeitet - oder mit System getäuscht? Die Politikerin weist den Vorwurf zurück: Es sei "nicht neu, dass Aktivisten im Internet versuchen, Zweifel an Dissertationen von Politikern zu streuen", erklärte sie Medienvertretern. Darüber muss ihre Alma Mater nun entscheiden. Eine missliche Lage für die Universität.

Denn zum einen lehrt von der Leyens Ehemann seit dem Jahr 2001 als Professor an der Medizinischen Hochschule (MHH). Er leitet - gemeinsam mit einem Präsidiumsmitglied der MHH - das Hannover Clinical Trial Center. Das Unternehmen, das die Hochschule gemeinsam mit der Hannoveraner Wirtschaftsfördergesellschaft betreibt, unterstützt Pharmaunternehmen bei der Durchführung von Arzneimittelstudien.

Ein Interessenkonflikt? Die Hochschule weist das zurück. Von der Leyens Gatte sei als externes Hochschulmitglied in den Gremien nicht vertreten und habe auch keine Mitsprache im Plagiatsverfahren gegen seine Frau.

Darüber hinaus gründete Ursula von der Leyen aber auch gemeinsam mit dem damaligen Hochschulpräsidenten und weiteren Absolventen einen Alumni-Verein. Mit dem Verein will die Hochschule den Kontakt zu Ehemaligen halten. Ihm gehört auch der Professor an, der nun die Kommission leitet, die von der Leyens Doktorarbeit überprüft.

Die Hochschule betonte, dass von der Leyen und der Vorsitzende der Prüfungskommission einfache Mitglieder im Alumni-Verein seien und nicht in Gremien oder dem Vorstand des Vereins aktiv seien. "Dieser Umstand wird das Ergebnis der Kommission in keinster Weise beeinflussen", teilte ein Sprecher mit.

Dissertation, S. 4

Der französische Marinearzt Dr. JULES NICOLAS CREVAUX (1847-1882), der einen wichtigen Beitrag zur Erforschung Guayanas und des Amazonas-Gebietes leistete, referierte 1881 in der deutschen illustrierten Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde "Globus" (Braunschweig) über seine zweite Südamerikareise in den Jahren 1878/79. Bei den Roucoujennen-Indianern beobachtete CREVAUX den Dampfbadgebrauch einer Roucoujenne-Wöchnerin am Yari-Fluß in Französisch-Guayana (Abb.1). Er schrieb dazu: "Sie legt sich in eine Hängematte, unter welche ein rotglühender Stein gelegt und begossen wird."

Keine Quellenangabe

Typus: Bauernopfer. Auf die Originalquelle wird erst zwei Seiten später verwiesen, aber nicht im Anschluss an diese Sätze. Eine Abbildung wird ohne Angabe der Fundstelle von S. 125 bei Krumbach übernommen.

Seite: 4

Originalquelle

Der französische Marinearzt Dr. Jules Nicolas Crévaux [sic] (1847-1882), der einen wichtigen Beitrag zur Erforschung Guayanas und des Amazonas-Gebietes geleistet hat, berichtete 1881 in der deutschen illustrierten Zeitschrift für Länder und Völkerkunde "Globus" (Braunschweig) über seine zweite Reise in den Jahren 1878/79. Bei den Roucoujennen-Indianern [...] beobachtete Crévaux [sic] den Dampfbadgebrauch einer Roucouyenne-Wöchnerin am Yari-Fluß in Französisch-Guayana. Er schrieb dazu: "[Die Frau andererseits nimmt sofort nach der Entbindung ein Dampfbad in folgender Weise:] Sie legt sich in eine Hängematte, unter welcher [sic] ein großer rotglühender Stein gelegt und mit Wasser begossen wird."

Quelle: Krumbach 1989

Fundstelle Seite: 125

Dissertation, S. 6

Die Schnecke galt bei den Indianern als Sinnbild für Leben, Wachstum und Verfall; gleichzeitig symbolisierte sie Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt und das primäre weibliche Geschlechtsorgan.
In das abgebildete Schwitzbad kriecht eine weibliche, bekleidete Person hinein und zwar durch eine vergrößerte, omegaartige Öffnung. Diese und fünf ähnliche Zeichen am Schwitzbad wurden von dem deutschen Amerikanisten FRANZ TERMER (1894-1968) als Zeichen des Uterus interpretiert.

Keine Quellenangabe

Typus: Bauernopfer. Die Verfasserin nennt ihre Quelle später, macht jedoch Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme nicht kenntlich.

Seite: 6

Originalquelle

Die Schnecke galt bei den Indianern als Sinnbild für Leben, Wachstum und Verfall; gleichzeitig symbolisierte sie Fruchtbarkeit, Schwangerschaft, Geburt, den Mutterschoß und das primäre weibliche Geschlechtsorgan. [...]
In das abgebildete Schwitzbad kriecht eine weibliche, bekleidete Person hinein und zwar durch eine vergrößerte, omegaartige Öffnung. Diese und fünf ähnliche Zeichen am Schwitzbad wurden von dem deutschen Amerikanisten Franz Termer (1894-1968) als Zeichen des Uterus interpretiert [...]

Quelle: Krumbach 1989

Fundstelle Seite: 130

Dissertation, S. 13

1930 wurde von TILLETT und FRANCIS im Serum von Kranken mit Pneumokokken-Infektionen eine Präzipitationsreaktion mit dem C-Polysaccharid von Pneumokokken entdeckt. Diese Reaktion war nur in der akuten Phase der Infektion nachweisbar, aber nicht mehr nach deren Abklingen (TILLETT und FRANCIS 1930). Der Zeitpunkt von Auftreten und Verschwinden der Präzipitationsreaktion unterschied diese von vornherein von Antigen-Antikörperreaktionen (TILLETT et al. 1930). Nachdem ABERNETHY und AVERY 1941 die Proteinnatur der mit dem C-Polysaccharid reagierenden Substanz entdeckten, wurde diese allgemein C-reaktives Protein genannt.

Quellenangabe: Schwarz 1963

Typus: Typus Falsche Paraphrasierung: Die Thesen anderer werden sinngemäß zusammengefasst, dabei darf aber der Wortlaut nicht identisch sein. Umfang und Wörtlichkeit der Übernahme sind nicht kenntlich gemacht. Die Autorin nennt außerdem im dritten Satz einen falschen Beleg.

Seite: 13

Originalquelle

Von TILLETT und FRANCIS (1930) wurde im Serum von Kranken mit Pneumokokken-Infektionen eine Präzipitationsreaktion mit dem somatischen C-Polysaccharid von Pneumokokken entdeckt. Diese Reaktion war nur während der akuten Phase der Pneumokokken-Infektion nachweisbar, aber nicht mehr nach deren Abklingen. Zeitpunkt von Auftreten und Verschwinden der Präzipitationsreaktion unterschieden diese von vornherein von Antigen-Antikörper-Reaktionen. Nachdem ABERNETHY und AVERY (1941) die Proteinnatur der mit dem C-Polysaccharid reagierenden Substanz entdeckten, wurde diese allgemein C-reaktives Protein (CRP) genannt.

Quelle: Schwarz 1963

Fundstelle Seite: 1

Dissertation, S. 15

Die Funktion der Akutphase-Reaktion besteht darin, infektiöse Partikel abzutöten oder abzukapseln, zerstörtes Gewebe abzubauen und beschädigte Organe instandzusetzen. [...] Die Wirkung der Zytokine Interleukin-1 und Tumor Necrosis Factor wird durch die beiden "second-messenger"-Systeme Adenylatcyclase (ZHANG et al. 1988) und Proteinkinase-C (WALTHER et al. 1988) vermittelt und führt zu einer gesteigerten Interleukin-6-Transkription. Interleukin-6 ist der wichtigste Mediator der Regulation der Akutphase-Proteinsynthese in der Leber.

Keine Quellenangabe

Typus: Verschleierung / Bauernopfer. Eine Abbildung aus der Quelle wird korrekt referenziert, für diese drei Sätze gibt es jedoch keinen Beleg. Der zweite Satz wird hierbei mit Literaturbelegen aus dem Literaturverzeichnis der Quelle übernommen.

Seite: 15

Originalquelle

Die Funktion der Akutphase-Reaktion besteht darin, infektiöse Partikeln abzutöten oder abzukapseln, zerstörtes Gewebe abzubauen und beschädigte Organe instandzusetzen (44–46). [...] Die Wirkung der Zytokine IL-1 und TNFα wird durch die beiden "second-messenger"-Systeme Adenylatcyclase (91) und Proteinkinase C (86) vermittelt und führt zu einer gesteigerten IL-6-Transkription.

Quelle: Andus et al 1989

Fundstelle Seite(n): 1710, 1713

Dissertation, S. 22

So belegten beispielsweise HAJJ et al. (1979) die hohe Korrelation zwischen CRP-Veränderung und entzündlichen Erkrankungen des weiblichen Genitaltraktes; ANGERMAN et al. (1980) zeigten, daß quantitative CRP-Bestimmungen enger mit der klinischen Entwicklung einer Unterleibsentzündung korrelieren als Leukozytenzählung oder Blutsenkungsgeschwindigkeit; [...]

Keine Quellenangabe

Typus: Übersetzungsplagiat: Die Verfasserin übersetzt einen fremdsprachigen Text mit bibliographischen Angaben ins Deutsche, ohne die Quelle zu nennen.

Seite: 22

Originalquelle

CRP was chosen for this study as a possible marker of response to therapy because of [its short half-life, six to eight hours, which allows the rapid detection of changes in inflammation,3] an excellent correlation with the presence of inflammatory conditions of the female pelvis7 [and the detection of direct quantitative relationships with the severity of inflammation from pelvic inflammatory disease (PID).4] Angerman et al5 were able to correlate quantitative CRP determinations with the clinical course of PID more closely than they were the WBC count or ESR.

Quelle: Mercer at al 1988

Fundstelle Seite(n): 166, 167

Quelle: Vroniplag Wiki

Als prominentes Aushängeschild gehört Ursula von der Leyen zudem dem Kuratorium der Förderstiftung der Medizinischen Hochschule an. Neben ihr sitzen vor allem Wirtschaftsvertreter in dem Gremium. Die Stiftung ist dafür zuständig, Spenden zum Wohle der Hochschule einzuwerben. Einen Interessenkonflikt will die Hochschule auch hier nicht erkennen. "Das Kuratorium ist ein beratendes Gremium ohne Entscheidungsbefugnis", sagt ein Sprecher.

Wie die Prüfungskommission entscheiden wird, ist schwer vorhersehbar. Bildungsministerin Annette Schavan gab 2013 ihr Amt auf, nachdem ihr der Doktortitel entzogen worden war - in ihrer Arbeit waren auf 94 von 325 Seiten Plagiate gefunden worden, das sind knapp 29 Prozent der Arbeit. Ein Gutachten bewertete dies als "leitende Täuschungsabsicht". Frank-Walter Steinmeier hingegen durfte 2013 seinen Titel der Uni Gießen behalten. Zwar hatten Plagiatsjäger fehlerhafte Fußnoten auf 24 Prozent der Seiten entdeckt, der Promotionsausschuss bewertete dies aber nicht als Täuschungsabsicht oder Fehlverhalten.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 109 Beiträge
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1.
HWGerlacher 01.10.2015
Nicht irgendein Ombudsgremium entscheidet über die Aberkennung von VDLs Doktor, sondern der Promotionsausschuss. Warum nicht dieser mit der Prüfung beauftragt wurde ist unverständlich, und kann im Nachhinein als Verfahrensfehler moniert werden. Vielleicht ist ein handverlesenes Ombudsgremium auch einfach besser politisch steuerbar für die Hochschule?
2.
ackergold 01.10.2015
Angesichts dieser Verstrickungen ist es vollkommen ausgeschlossen, dass hier neutral begutachtet wird. Die Hochschule täte gut daran, die Prüfung an eine andere Universität zu vergeben. Nur dort kann wirklich neutral geurteilt werden.
3. der Absturz.......
julia280901a 01.10.2015
Einerseits.........was kümmert einen, was vor 25 Jahren in einer Doltorarbeit geschrieben wurde und wieviel abgeschrieben wurde. Andererseits ist Frau Dr. von der Leyen in er Schirmherrschaft der Bundeswehrhochschulen. Das Gremium wird sich seiner Verantwortung gewahr sein. Der Schaden in alle Richtungen ist gross. Und Konsequenzen in alle Richtungen insbesondere gegenüber den ehemaligen Prüfern der Doktorarbeit wird es allemal geben. Da braucht kein Öl ins Feuer gegossen zu werden durch die Medienfraktion. Diese Lawine ist schon voll im Gange..........und wirkt sich bereits auf die Hochschullandschaft aus. Frau Schawan war der Anfang........und es ist zu vermuten........nicht der Abschluss einer Sequenz, warum auch immer........
4.
Eduschu 01.10.2015
Hmmm, welches Schweinderl hätten's denn gern, Frau Spon? Wer, wenn nicht die Uni, sollte denn prüfen? Diese Frage ließen Sie leider unbeantwortet.
5. Völlig lächerliches Beispiel!
Mikrohirn 01.10.2015
mag ja sein, dass die Quellenangabe (von wem von der Leyen denn erfahren hat, dass dieser oder jener etwas wo veröffentlicht hat) fehlt, aber dass sie die in Rede stehenden Gedanken als eigene ausgegeben hat, das stimmt ja wohl ganz eindeutig nicht! Fazit: Lässlicher Fehler.
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