Urteil: Ex-Spitzenforscher bleibt "unwürdig" für Doktortitel

Er galt als Physik-Genie, heute ist er "unwürdig", einen Doktortitel zu tragen: Der frühere Spitzenforscher Jan Hendrik Schön verlor seinen akademischen Grad zurecht, haben Verwaltungsrichter jetzt entschieden. Zwar hatte der Mann nicht in seiner Dissertation geschummelt - aber danach im großen Stil.

Doktortitel: Ab wann ist jemand "unwürdig" für den akademischen Grad? Zur Großansicht
DPA

Doktortitel: Ab wann ist jemand "unwürdig" für den akademischen Grad?

Er galt als Star der Physik, als Kandidat für den Nobelpreis, als künftiger Direktor bei der renommierten Max-Planck-Gesellschaft. Dann folgte der spektakuläre Absturz von Jan Hendrik Schön und damit einer der größten Forschungsskandale in der Geschichte der Physik: Ihm wurden in zahlreichen Veröffentlichungen Fälschungen nachgewiesen, darunter auch die Manipulation von Daten. Das war im Jahr 2002.

Jetzt ist klar: Auch seinen Doktortitel, den ihm die Universität Konstanz 2004 aberkannt hatte, bekommt er nicht zurück. Ungewöhnlich daran ist: Die Hochschule hatte nicht die Redlichkeit der Doktorarbeit beanstandet - auch wenn sie einige handwerkliche Mängel darin feststellte. Sondern sie hatte sich auf einen bis dahin kaum beachteten Passus im baden-württembergischen Hochschulgesetzes gestützt, dem zufolge der Titel auch entzogen werden kann, "wenn sich der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung des Grades als unwürdig erwiesen hat". Hierzu führte die Universität Schöns Fehlverhalten als Forscher an.

Dagegen ging der Physiker juristisch vor, zunächst erfolgreich. Das Verwaltungsgericht Freiburg hatte die Entscheidung der Uni wieder aufgehoben, wegen der "grundsätzlichen Bedeutung" aber Berufung vor dem Verwaltungsgerichtshof zugelassen.

Die Richter des Verwaltungsgerichtshofs Mannheim folgten jetzt der Argumentation der Hochschule. Der VGH ließ zudem keine Revision zum Bundesverwaltungsgericht zu, da der Fall nur Landesrecht betreffe. Schön bekommt den Titel nicht zurück.

Was Würde in der Wissenschaft bedeutet

Das Würde-Kriterium hat allerdings eine dunkle Vergangenheit. In der Nazi-Zeit verloren so Juden und andere Verfolgte ihre akademischen Titel. Aber in den Hochschulgesetzen einiger Bundesländer lebt es fort, so auch in Baden-Württemberg. Das Bundesverfassungsgericht hat dazu klargestellt, dass "Würde" im Sinne des Grundgesetzes zu verstehen ist. Der Pfusch während seiner späteren Forscher-Karriere erfüllte nach Ansicht des Konstanzer Promotionsausschusses dieses Kriterium, die Aberkennung des Titels wegen "Unwürde" bleibe streng "wissenschaftsbezogen". Die VGH-Richter sahen das nun ähnlich.

Der VGH begründete seine Entscheidung mit dem "schwerwiegenden wissenschaftlichen Fehlverhalten". Der Begriff der Unwürdigkeit im Sinne des Landeshochschulgesetzes könne auch wissenschaftsbezogen ausgelegt werden - und müsse nicht unbedingt noch einen Straftatbestand umfassen. Promovierte Wissenschaftler würden einen "erhöhten Vertrauensvorschuss" bekommen. Anders als von Schöns Anwalt argumentiert, sei der Vorgang verfassungsgemäß und im "Interesse einer funktionstüchtigen Wissenschaft und diene damit dem Schutz eines überwiegend wichtigen Gemeinschaftsinteresses".

Schön habe mit seinen Fälschungen "gegen allgemeine Grundsätze verstoßen" und trotz ordnungsgemäßer Promotion später nicht nachgewiesen, dass er wissenschaftlich korrekt arbeite. Der VGH hegte keinen Zweifel daran, dass Schön tatsächlich Daten gefälscht habe. Einst als "bahnbrechend" bezeichnete Ergebnisse in Experimenten habe er nicht wiederholen können.

Schöns Anwalt kündigte an, eine Nichtzulassungsbeschwerde zum Bundesverwaltungsgericht und eine eventuelle Verfassungsbeschwerde zu prüfen.

Schön hatte seine Doktorarbeit 1997 über Solarzellen geschrieben und ging später in die USA, um bei den Bell-Labors zu Nanotechnologie zu arbeiten. Der Mann, den einige für ein Genie hielten, veröffentlichte mitunter alle acht Tage einen wissenschaftlichen Artikel. Später sprach eine Bell-Kommission von 16 Fälschungen.

Aktenzeichen: 9 S 2667/10

otr/dpa

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 26 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Herrgott nochmal!
UHamm 14.09.2011
Merkt denn keiner, daß diese deutsche Titelsucht allein der eigenen Eitelkeit dient? In Wirklichkeit braucht doch niemand einen Titel, fachliche Kompetenz kommt auch so rüber. Schafft diese mittelalterlichen Titel endlich ab, es wird und wurde schon immer damit Schindluder getrieben. Das, was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist doch nur die Spitze des Eisbergs.
2. Von der Solarzelle geblendet
cassandros 14.09.2011
Zitat von sysopDie Hochschule .... hatte sich auf einen bis dahin kaum beachteten Passus im baden-württembergischen Hochschulgesetzes gestützt, dem zufolge der Titel auch entzogen werden kann, "wenn sich der Inhaber durch sein späteres Verhalten der Führung des Grades als unwürdig erwiesen hat". ...
Diese Formulierung ist aber unter Dres. allgemein bekannt und findet sich auch in jeder mir bekannten Promotionsordnung. Es wird nur in der Realität zu wenig Gebrauch davon gemacht. [/QUOTE] Schön .... den einige für ein Genie hielten, veröffentlichte mitunter alle acht Tage einen wissenschaftlichen Artikel. [/QUOTE] Allein das entlarvt den Mann als SCharlatan. In einer solchen Zeit einen FAchartikel zu schreiben, ist schon eine "Meisterleistung", von der für den Erkenntnisgewinn benötigten Zeit gar nicht zu reden. Erstaunlich ist regelmäßig nur, wie weit solche Blender kommen!
3. ...
Newspeak 14.09.2011
Zitat von UHammMerkt denn keiner, daß diese deutsche Titelsucht allein der eigenen Eitelkeit dient? In Wirklichkeit braucht doch niemand einen Titel, fachliche Kompetenz kommt auch so rüber. Schafft diese mittelalterlichen Titel endlich ab, es wird und wurde schon immer damit Schindluder getrieben. Das, was wir in den letzten Jahren erlebt haben, ist doch nur die Spitze des Eisbergs.
Das ist falsch. In den Naturwissenschaften und den wenigen anderen wirklichen Wissenschaften ist der Doktortitel die offizielle Bestätigung dafür, daß derjenige, dem er verliehen wird, eigenständig wissenschaftlich arbeiten kann. Und diese Qualifikation ist absolut maßgeblich, denn ein bloßes Diplom, ein Master, ein Bachelor, oder wie der Abschluß auch sonst heißt, besagt genau das eben nicht. Auch ein Professor ist im Grunde niedriger anzusiedeln, da es sich hierbei nicht um einen akademischen Grad handelt, hinter dem eine solche einzigartige persönliche Leistung steht, wie das eben eine Doktorarbeit im Normalfall auch ist. Das ist im Grunde genommen gar nicht viel anders, als ein Meistertitel. Den würde man ja auch nicht abschaffen, weil es Meister gibt, die eine Schande für ihren Berufsstand sind. Was man allerdings ändern könnte, ist, zweierlei. Einmal sollte man bestimmten Fächern die Promotionserlaubnis entziehen...manche Fächer arbeiten einfach nicht wissenschaftlich und ein Doktor sollte vor allem dem vorbehalten sein, der auch danach in der Wissenschaft arbeitet. Dann sollte man bestimmte Fächer gleich ganz von der Universität entfernen. Theologie z.B. könnte sehr gut von den jeweiligen Kirchen gelehrt werden, ohne all die Privilegien, die die Stellung an der Universität für das Fach mitbringt. Jura könnte ebenso pragmatisch an eigenen Schulen für Jura gelehrt werden. Was gibt es in diesem Fach zu forschen, wo alles Willkür ist? Würde man an alle Fächer die methodischen Maßstäbe anlegen, die für die Naturwissenschaften gelten, müsste man auch einige andere Fächer überdenken. Manche davon wären gut an Fachhochschulen aufgehoben. Manchen ließe sich einfach dadurch helfen, daß die bisherigen wissenschaftlichen Standards ausgebaut und weiterentwickelt werden, um das Niveau der wissenschaftlichen Methode an sich zu erfüllen. Jedenfalls ist das heutige Universitätssystem wirklich eher ein historisches Produkt, als objektiv begründbar.
4. Kein Titel
Diskutant_EF 14.09.2011
Zitat von Newspeak... Das ist im Grunde genommen gar nicht viel anders, als ein Meistertitel. Den würde man ja auch nicht abschaffen, weil es Meister gibt, die eine Schande für ihren Berufsstand sind. Was man allerdings ändern könnte, ist, zweierlei. Einmal sollte man bestimmten Fächern die Promotionserlaubnis entziehen...manche Fächer arbeiten einfach nicht wissenschaftlich und ein Doktor sollte vor allem dem vorbehalten sein, der auch danach in der Wissenschaft arbeitet. Dann sollte man bestimmte Fächer gleich ganz von der Universität entfernen.
Ihre wunderlichen Ansichten über die Habilitation ("Das zweite Buch") einmal nicht weiter kommentierend, muss ich doch über Ihre Überhöhung der Naturwissenschaften schmunzeln. Da Ihnen vermutlich das Latinum fehlt, werden Ihnen Wortsinn und Ursprung der Universität als solcher nicht bekannt sein und daher will ich Ihnen auch nur den kleinen Denkanstoß geben, dass wirklich herausragende Wissenschaft immer interdisziplinär ist und Newton auf den Schultern von Descartes stand, der seinerseits einen der wichtigsten Gedanken Augustinus ("si enim fallor, sum ...") reflektierte, der wiederum ... Ach, verstehen Sie ja doch nicht.
5. Wenn die Aufklärung
ash26e 14.09.2011
Zitat von cassandrosDiese Formulierung ist aber unter Dres. allgemein bekannt und findet sich auch in jeder mir bekannten Promotionsordnung. Es wird nur in der Realität zu wenig Gebrauch davon gemacht.
Erstaunlich ist regelmäßig nur, wie weit solche Blender kommen![/QUOTE] und die Wissenschaft Glück haben nur bis nach Potsdam ans PKI
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Plagiatsaffären
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 26 Kommentare
  • Zur Startseite
Fotostrecke
Prominenter Plagiatsjäger: Hallo, ich bin der Goalgetter

Fotostrecke
Zwielichtige Promotionen: Von Guttenberg bis Schavan
DPA
Wer hat dran herumgedoktert?
Plagiatjäger entlarvten Guttenberg als Copy-and-Paste-Akademiker. Seine Politikerkollegen promovierten über "Infektionen durch Entspannungsbäder" oder das "mittelniederländische Plenarium Ms. germ. 1612". Wer's war, erfahren Sie hier und werden so Quiz-Doktor im Doktor-Quiz!

Promotionen: Mehr und mehr Bestnoten Zur Großansicht
DER SPIEGEL

Promotionen: Mehr und mehr Bestnoten