Urteil zur "affirmative action": US-Unis dürfen Minderheiten weiter fördern

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In den USA gilt es als das wichtigste Bürgerrechts-Urteil seit einem Vierteljahrhundert: Der Oberste Gerichtshof hat entschieden, dass US-Hochschulen Schwarzen auch künftig bei der Zulassung einen Bonus geben können - allerdings nach strengen Regeln.

Selten ist eine Grundsatzentscheidung des Supreme Court in Washington mit größerer Spannung erwartet worden: Dürfen US-Universitäten Schwarze, Latinos und Indianer bei der Zulassung bevorzugen, oder verstößt das gegen die Verfassung? Am Montag hat das höchste US-Gericht entschieden - und das gleich doppelt: Ja, die Förderung von ethnischen Minderheiten ist prinzipiell zulässig. Nein, die konkrete Zulassungspraxis der Universität von Michigan im Grundstudium ist nicht erlaubt.

Demonstrant für Affirmative Action: Vorteile für Minderheiten
AP

Demonstrant für Affirmative Action: Vorteile für Minderheiten

Monatelang hatten Parteien und Bürgerrechtsorganisationen, Anwälte, Studenten- und Hochschulvertreter um die Meinungshoheit im öffentlichen Streit um die Minderheitenförderung gerungen. Das Problem ist so vielschichtig wie delikat, die Geschichte der "affirmative action" reicht weit zurück.

Bereits in den siebziger Jahren beschlossen etliche private wie staatliche Universitäten, bei der Zulassung neben Schulnoten und Ergebnissen von Aufnahmetests auch die ethnische Zugehörigkeit zu berücksichtigen. Weil die Colleges, vor allem an den Elite-Universitäten, jahrzehntelang fest in weißer Hand waren, wollten sie benachteiligten Gruppen einen besseren Zugang zur Bildung ermöglichen.

Rasse statt Klasse?

Und so erhalten schwarze Jugendliche im Rahmen eines komplizierten Punktesystems einen Bonus. Besonders umstritten ist das System an der Universität von Michigan: 150 Punkte können Bewerber maximal erreichen, davon zum Beispiel zehn Punkte für die Herkunft aus Michigan und zwanzig Punkte für herausragende sportliche Leistungen, aber auch jeweils 20 Punkte für "sozio-ökonomische Benachteiligung" und für die Zugehörigkeit zu einer "unterrepräsentierten rassisch-ethnischen Minderheit".

Supreme Court: Knifflige Entscheidung
AP

Supreme Court: Knifflige Entscheidung

Den Kritikern der Zulassungsregeln war das Bewertungsschema, an dem die Universität Michigan bereits seit über einem Jahrzehnt festhält, stets ein Dorn im Auge. Weiße Bewerber fühlten sich zurückgesetzt.

Vors Oberste Gericht zogen schließlich zwei weiße Studentinnen: Jennifer Gratz, eine High School-Absolventin aus Detroit mit erstklassigen Noten, wollte ihr Grundstudium in Michigan absolvieren und wurde 1995 abgewiesen. Die 49-jährige Barbara Grutter bemühte sich zwei Jahre später vergeblich um einen Platz an der renommierten Juristischen Fakultät. Beide machten in ihrer Klage geltend, dass gleichzeitig Kandidaten aus ethnischen Minderheiten trotz schlechterer Noten aufgenommen worden seien.

Zerwürfnis zwischen Bush, Powell und Rice

Im Fall der Jura-Bewerberin entschieden die Richter in Washington jetzt mit einer knappen Mehrheit von fünf zu vier Stimmen gegen die Klägerin. Die Regeln an der juristischen Fakultät seien vage genug gefasst, um widerrechtliche Diskriminierungen der Mehrheit zu vermeiden. Die Fakultät zieht die ethnische Zugehörigkeit bei ihren Entscheidungen über Zulassung oder Ablehnung ins Kalkül, gebe ihr aber kein "spezielles Gewicht".

Anders liegt der Fall nach Auffassung der Richter bei der Bewerberin für das Grundstudium - das spezielle Punktesystem zur Berücksichtigung ethnischer Minderheiten sei nicht rechtens, entschieden sie mit sechs zu drei Stimmen.

Der Streit um die "affirmative action" hatte selbst die US-Regierung gespalten. Präsident George W. Bush hatte sich eingeschaltet und der Universität von Michigan vorgeworfen, ihr Prämiensystem bedeute eine verhüllte Rassenquote. Gegen das Präsidenten-Statement rebellierten allerdings Sicherheitsberaterin Condoleezza Rice und Außenminister Colin Powell, sonst stets ein Muster an Loyalität, aber beide schwarzer Hautfarbe. Powell stellte deutlich klar, dass er "ein starker Befürworter" der Minderheitenförderung sei: "Ich wünschte mir, alles wäre schon rassenneutral in diesem Land, aber ich befürchte, so weit sind wir noch keineswegs."

"Ein wundervoller Tag"

Die Universität von Michigan muss nun ihr Punktesystem für "undergraduates" überarbeiten, feierte die höchstrichterliche Entscheidung aber trotzdem: "Das ist ein wundervoller, wundervoller Tag, ein Sieg für die gesamte höhere Bildung", frohlockte Uni-Präsidentin Mary Sue Coleman, "im Kern bedeutet dies, dass wir mit der Minderheitenförderung weitermachen können und das Gericht uns den Weg gewiesen hat." Wer in bunt gemischten Gruppen lerne, sei in der Lage, multikulturelles Verständnis später auch in amerikanische Unternehmen zu tragen, sagte sie.

Demonstranten (in Berkeley): Affirmative action ist so umstritten, dass auf dem Campus schon mal die Fäuste fliegen
AP

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Zuletzt hatte das Oberste Gericht sich 1978 mit der "affirmative action" an staatlichen Universitäten befasst. Damals verboten die Richter der Universität von Kalifornien zwar eine Quotenregelung für Minderheiten, werteten es aber "unter gewissen Umständen" als zulässig, die Rasse bei der Zulassung zu berücksichtigen, um eine gemischte Studentenschaft zu erreichen. Schon seit geraumer Zeit hatten sowohl Befürworter als Gegner der Minderheitenförderung auf eine Klärung durch den Supreme Court gedrängt.

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