US-Studium exklusiv: Mit HipHop an die Schnösel-Uni
Amerikanische Hochschulen locken Angehörige von Minderheiten, weil der soziale Anstrich gut fürs Image ist. Im Studium lassen sie die Umworbenen dann allein: Schwarze und Latinos brechen auffällig oft ab. Ihren Status bekommen sie von den Kommilitonen zu spüren.
Chynna Haas hat sich für ihre Ausbildung immer ins Zeug gelegt: Mit 15 nahm sie ihren ersten Ferienjob an, um Geld für die Uni zu verdienen. Als sie später die Zusage für einen Studienplatz an der Universität von Wisconsin bekam, schuftete sie den Sommer über bei einer Imbisskette, zwei Schichten pro Tag an zwei verschiedenen Orten. Und selbst als die Uni längst begonnen hatte, jobbte sie noch 40 Stunden pro Woche - für andere ein Vollzeitjob.
Haas, Tochter einer Zeitungsausträgerin und eines Betonbauers, wollte etwas leisten, um sich später etwas leisten zu können. Doch bald stieß sie an ihre Grenzen, sie merkte, wie fremd sie war. Niemand aus ihrer Familie war je aufs College gegangen, und die Kommilitonen ließen sie ihren sozialen Status spüren.
Ein Mitstudent habe gesagt: "Arme Menschen sollten nicht an der Hochschule sein. Sie wissen ja gar nicht, wie man eine Bibliothek benutzt." Ein Uni-Funktionär habe Haas erklärt, sie könne leicht mehr finanzielle Hilfe bekommen - sie müsse bloß schwanger werden.
Die 22-Jährige biss sich durch. Im Mai macht Haas ihren Abschluss in Communication Arts, sie betreibt schon eine eigene Beratungsagentur für Kosmetik und Mode. Doch ihr Blick auf die Studienzeit ist kein versöhnlicher: "Es war wirklich schwierig im Studium. Mir ist klargeworden, dass ich einer Minderheit angehöre."
Sie ist zwar arm, aber weiß
Viele müssen so kämpfen wie Haas. Der Umgang mit Studenten, die sozial vom unteren Rand der Gesellschaft stammen, ist ein zentrales Problem der US-Hochschulen. Zwar steigt der Anteil von Erstsemestlern, die aus einfachen Verhältnissen kommen. Doch deren Abschlussraten halten nicht Schritt - auch weil die Unis diesen Studenten selten das Gefühl vermitteln dazuzugehören.
Haas hatte es noch vergleichsweise gut: Sie ist zwar arm, aber weiß. Für mittellose Schwarze, Latinos oder Indianer stehen die Chancen weitaus schlechter. Nur etwa 40 Prozent aus diesen Gruppen schaffen das College-Diplom binnen sechs Jahren. In den Staatsuniversitäten sind die Zahlen noch niedriger. Elite-Anstalten wie Harvard oder Yale verbessern die Statistik, weil sie sich aus jeder Schicht oder Ethnie die schlauesten Köpfe aussuchen.
"Amerikas Unis wollen unbedingt Studenten aus benachteiligten Schichten zulassen, um vielfältiger zu wirken", erläutert Cindy Luo, Linguistin an der University of Connecticut. "Aber sie kümmern sich nicht mehr um sie, sobald sie eingeschrieben sind." Einst rühmten sich die USA der höchsten Abschlussquoten in der Welt. Mittlerweile sind sie im OECD-Ranking auf den 14. Platz zurückgefallen, vor allem, weil Studenten aus Minderheiten überproportional häufig abbrechen.
Zwar haben diese Bewerber Vorteile bei der Zulassung. Viele von ihnen brauchen nicht so gute Testresultate wie wohlhabende weiße Studierende. Doch weil sie oft an schlechteren Schulen ausgebildet wurden, sind sie ungenügend vorbereitet. Insbesondere Studenten aus armen Familien machen die explodierenden Studienkosten ebenfalls zu schaffen. Die Gebühren steigen in den USA derzeit doppelt so schnell wie die Inflation.
Zeit fürs Studium bleibt kaum
Auch das Werben der Hochschulen um talentierte schwarze Athleten hat eine Kehrseite. Zwar werden Basketball- oder Footballspieler mit Stipendien und dem Traum vom Profivertrag geworben. Doch wer in den anspruchsvollen Hochschul-Ligen bestehen will, muss hart trainieren. Zeit fürs Studium bleibt da kaum. So stehen viele Sportstudenten am Ende mit leeren Händen da: kein Profivertrag, kein Studienabschluss.
Die Kommilitonen verhalten sich auch nicht unbedingt hilfreich: Als sie damals, noch unter ihrem Mädchennamen Robinson, auf den schnöseligen Princeton-Campus kam, berichtete im Wahlkampf die jetzige Präsidentengattin und Spitzenjuristin Michelle Obama, sei sie sich dort ziemlich unerwünscht vorgekommen.
Nun wollen einige US-Bildungseinrichtungen den Zustand nicht länger tolerieren. 24 Staatsuniversitäten - mit zusammen mehr als drei Millionen Studenten - haben gelobt, die Abschlussraten Benachteiligter deutlich in die Höhe zu treiben.
Es gibt bereits erste Erfolge. Die Georgia State University etwa hat ihre Graduierungsquoten unter Minderheiten um 18 Prozent verbessert. Dabei halfen unter anderem regelmäßige Kontrollen: Welche Studenten haben in welchen Kursen Probleme?
Anzugträger können mehr verdienen als Athleten
Andere Hochschulen versuchen, Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen früher auf das vorzubereiten, was später von ihnen erwartet wird. Da gibt es etwa HipHop-Kurse in der Schule - das Dichten der Texte soll die Sprache schärfen und bereichern, so dass es für die Uni reicht.
Manchmal genügt es, sich einfach beharrlich um diejenigen zu kümmern, die es von Haus aus schwer haben. Jameil Butler, ein junger Schwarzer aus Sacramento, war im vergangenen Highschool-Jahr in eine Schießerei verwickelt. Er wurde verletzt und verlor dadurch sein Sport-Stipendium. Mit Hilfe einer gemeinnützigen Stiftung schaffte er es trotzdem an die Fresno State. Etwa zur Hälfte des Studiums sackten seine Noten ab, sein Abschluss war in Gefahr. Doch die Betreuer der Stiftung ermutigten ihn durchzuhalten. "Sie waren immer an meiner Seite", sagte Butler der "New York Times".
Mentoren können ebenfalls helfen. Erik Moore, erfolgreicher afroamerikanischer Banker in San Francisco und MBA-Absolvent, kümmert sich in seiner Freizeit um schwarze Studenten. Er nimmt sie mit in sein Büro und zu Abendessen mit Klienten.
"Viele dieser Kinder wollen der nächste Michael Jordan werden", sagt Moore. Doch das schaffe kaum einer. Der Weg zu einem soliden Auskommen sei meist ein anderer: "Ich zeige ihnen, dass Anzugträger mehr verdienen können als Athleten."
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