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US-Unis: Bloggen für eine Handvoll Dollar

Auf den Webseiten amerikanischer Hochschulen können Blogger weitgehend ungefiltert das Campus-Leben beschreiben. Manche Unis bezahlen Studenten sogar dafür. Deutsche Unis sind noch längst nicht so weit - sie starten gerade erste Gehversuche im Web 2.0.

Die ständigen Strafzettel wegen Falschparkens regen Michael Chandler auf. "Ich schwöre, damit macht die BSU das meiste Geld", schreibt er in seinem Blog. "Sie verteilen sie rechts und links, das ist denen völlig egal." Die BSU, das ist die Universität Ball in Muncie im US-Staat Indiana, an der Chandler studiert. Die Hochschule ist aber keineswegs verärgert über die freimütige Meinungsäußerung. Ganz im Gegenteil. Die BSU hat dieses und andere Blogs ihrer Studenten auf ihrer Homepage eingebaut, um Werbung für sich zu machen.

Studenten-Blogger Chris Smith: Bekommt in Ohio 20 Dollar pro Posting über sein Leben als Baseballer
AP

Studenten-Blogger Chris Smith: Bekommt in Ohio 20 Dollar pro Posting über sein Leben als Baseballer

Wie die BSU setzt eine zunehmende Zahl von US-Hochschulen die Blogs ihrer Studenten ein, damit Außenstehende - vor allem Studieninteressenten - einen ersten Eindruck vom universitären Leben erhalten. Einige Universitäten sind sogar dazu übergegangen, die Studenten für ihre Blogbeiträge zu bezahlen. Die Ergebnisse sind recht unterschiedlich, sie reichen von ziemlich langweilig bis höchst interessant. Das Ziel ist aber immer gleich: Es gilt die Aufmerksamkeit der MySpace-Generation zu gewinnen.

"Wir fanden, dass es offener und glaubwürdiger ist, um angehenden Studenten einen Einblick in das Campus-Leben zu geben", sagt auch Seth Allen, Leiter des Zulassungsamtes am Dickinson College in Pennsylvania. Während dort die Blog-Einträge der Studenten geprüft werden, bevor sie online gehen, hält man bei der BSU wenig von Kontrolle. Das laufe dem Blog-Prinzip zuwider, und Leser könnten eventuell feststellen, dass es Widersprüche zwischen den Äußerungen der Studenten auf der Uni-Seite und anderen Kommentaren in Netzwerken wie MySpace oder Facebook gebe, sagt Nancy Prater, Webkoordinatorin der Universität Ball.

Ein bisschen Geld für die Blogger

Die Blogs seien der nächste Schritt in der Entwicklung der Studenten-Werbung, erklärt Barmak Nassirian von der Vereinigung der Mitarbeiter der Immatrikulations- und Zulassungsstellen. Traditionell umgarnen die Hochschulen Studenten mit dicken Hochglanzbroschüren und Webseiten, die mit Informationen vollgepackt sind. Nun seien die relativ unzensierten Blogs der nächste Schritt, um das Leben an der Uni in allen Aspekten zu zeigen, von der Kletterwand im Sportzentrum bis zum Essen in der Mensa, so Nassirian.

"Die besten sind gut geschrieben, ehrlich, echte Stimmen, hinter denen man eine Persönlichkeit erkennt, und sie sind interaktiv", erklärt Stephanie Geyer von der Consulting-Firma Noel-Levitz. "Wenn man als Leser anfragt, bekommt man auch eine Antwort." Die Kommentarmöglichkeit für Außenstehende war dem Massachusetts Institute of Technology (MIT) besonders wichtig. So könnten angehende Studenten Fragen stellen, auf die sie sonst vielleicht verzichten würden, sagt Ben Jones vom MIT-Zulassungsamt. Er schätzt, dass es unter den insgesamt mehr als 28.000 Blog-Eintragungen bislang nur 50 Kommentare gab, die als unangemessen eingestuft und gelöscht wurden.

Blogger am MIT: Einblicke ins Campus-Leben

Blogger am MIT: Einblicke ins Campus-Leben

Beim MIT bloggten vor drei Jahren drei Studenten, heute sind es 15. Eine Bezahlung gab es zuerst nicht. Das änderte sich aber, als Jones sah, wie viel Arbeit die Studenten hineinsteckten und dass sie sowohl positive als auch die negative Seiten nannten. Jetzt bekommen die Studenten-Blogger bis zu 40 Dollar die Woche.

Untersuchungen von Noel-Levitz zufolge interessieren sich Studienbewerber auf den College-Websites besonders stark für die Studenten-Blogs. Die MIT-Blogger verzeichnen täglich etwa 5000 Besucher und 15.000 bis 20.000 Aufrufe. Bei den Studenten, die zugelassen wurden, gehörten die Blogs zu den drei wichtigsten Gründen, die ihre Entscheidung für eine bestimmte Hochschule beeinflussen.

Stolprige Schritte im deutschen Netz

Auch deutsche Hochschulen - alles andere als berühmt für elegante und souveräne Homepages - entdecken allmählich den Charme des Mitmach-Internet und starten erste Gehversuche im Web 2.0. So begann an der Freien Universität (FU) Berlin Ende März der Probebetrieb für ein Blog-System, das bisher allerdings eher um sich selbst kreist: Zu lesen gibt es Fachaufsätze übers Bloggen, über Wiki-Ideen und E-Learning, dazu Projektberichte und Veranstaltungshinweise. Das ist immer gut für ein spontanes Gähnen - lebendig geht anders.

Noch ist das Web-2.0-Projekt der FU eher öde Begleitmusik zur Lehre und Forschung und ganz weit weg von der stark studentischen Bloggerszene. Es müsste kräftig wachsen und neue, weniger staubige Wege einschlagen, damit sich Studenten dort tatsächlich beteiligen und vernetzen. Dann erst würde sich auch entscheiden, was die Meinungsfreiheit, auf die Blogger große Stücke halten, an der Freien Universität wirklich wert ist.

So hieß es zunächst in den Nutzungsbedingungen: "Eine missbräuchliche Nutzung liegt insbesondere vor, wenn über das Blog (…) das Ansehen der Freien Universität Berlin geschädigt wird oder die Nutzung ihren Interessen entgegensteht." Das kann vieles bedeuten - in seinem Blog "FUwatch" kommentierte Niklas Fichtenberg diesen Passus als "Steilvorlage für Zensur". Prompt wurden die Nutzungsbedingungen renoviert; nun geht es bei der "missbräuchlichen Nutzung" nur noch um mögliche Rechtsverstöße wie Pornographie, verfassungswidrige Propaganda, Beleidigung oder Verleumdung.

Die Blogsport-Gemeinde ist empfindlich, jede zarte Zensur-Andeutung notorisch heikel. Ohnehin befehden sich studentische Blogger eher über Hochschulpolitik - oder mischen in Web-2.0-Feldern mit, die mit dem Campusleben wenig zu tun haben, etwa bei Wikipedia oder bei den zahlreichen subjektiv-streitlustigen Blogs über Gott und die Welt. Die betulichen akademischen Dickschiffe werden es in Deutschland schwer haben, für Blogger attraktiv zu werden.

Von Andrew Welsh-Huggins, AP, und Jochen Leffers

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