Von Benjamin Schulz
Von sportlichem Erfolg ist nicht die Rede. Und dennoch bekommen beide Unis für nichts so viel Aufmerksamkeit wie für ihre Football-Teams, die am Donnerstag um die US-Meisterschaft der Colleges spielen - ein Primetime-Spektakel im nationalen Fernsehen.
So toll die sportliche Leistung sein mag, sie ist bitter erkauft. Aus dem von den Uni-Ligen, von Trainern und Offiziellen viel besungenen "Student Athlete" ist oft der reine "Athlet" geworden. Das Studium dient ihm nur als Feigenblatt - und auch den Hochschulen, denn sie buhlen um die besten Sportler.
Mit dem deutschen Hochschulsport hat der College-Sport praktisch nichts gemein. Alabama und Texas stehen exemplarisch für ein System, in dem Sport kein nettes Extra während der Ausbildung ist, sondern schieres Geschäft. Geld bringen vor allem Football und Basketball. Die "Athletic Departments" der Unis arbeiten oft unabhängig, mit eigenen Budgets, Fernsehverträgen und teilweise Hunderten von Angestellten. Die Einnahmen sind steuerfrei, weil die Sportaktivitäten als gemeinnützig gelten. Und die National Collegiate Athletic Association (NCAA) wacht darüber, dass es so bleibt.
Unis bewerfen die Trainer mit Millionen
Beispiel Football: In der einträglichsten Sportart spielen 120 Unis auf dem obersten Niveau in Conferences, die sich selbst vermarkten. Am Ende der Saison gibt es Bowl-Spiele. Zumindest einige sind für die Unis lukrativ. In der vergangenen Saison spielten die Bowls 228 Millionen Dollar ein. 1,77 Millionen Fans sahen die Spiele live, 135 Millionen Menschen im Fernsehen. Wer in Bowls spielt, kann mit mehr Spenden und mehr zahlenden Studenten rechnen - und mit mehr Einnahmen durch Lizenzen, TV-Verträge und Dauerkarten. Der Sportsender ESPN soll allein für die TV-Rechte an den fünf wichtigsten Bowls jährlich 125 Millionen Dollar zahlen.
Trotzdem machten von den 120 Unis nur 25 mit ihren Sportaktivitäten im Jahr 2008 Gewinn - im Schnitt drei Millionen Dollar. Der Rest machte durchschnittlich acht Millionen Miese. Dieses Geld müssen die Unis zuschießen. Damit scheint das Argument, man brauche eine Cashcow wie Football, um andere Sportarten zu finanzieren, oft vorgeschoben.
Dennoch geben viele Hochschulen Unsummen fürs Prestige aus. Riesige Stadien und Profi-Trainingsanlagen sollen die besten Sportstipendiaten und Trainer anlocken. Texas-Coach Mack Brown verdient satte 3,1 Millionen Dollar pro Saison, Alabamas Nick Saban 3,9 Millionen Dollar, wie die Zeitung "USA Today" berichtete.
Beim Wettlauf um Geld und Erfolg besteht kein Anreiz, auf die Studienleistungen der Spieler zu achten - solange sie gewisse Mindeststandards erfüllen, was Voraussetzung ist, um für die Uni spielen zu können. Die Trainer sehen hohe akademische Hürden beim Rekrutieren neuer Sport-Asse und während der Saison meist als hinderlich an. Regeln werden daher gern umgangen oder soweit aufgeweicht, dass sie nichts mehr wert sind.
Hoffnung auf die große Profi-Karriere
So waren beispielsweise an der Florida State University verdächtig viele Footballspieler als lernbehindert eingestuft, wie ESPN berichtete. Anderswo gelten Sportler mit sechs Semesterwochenstunden als Vollzeitstudenten. Und immer wieder gibt es Berichte über tumbe Top-Sportler, die noch nie in einer Vorlesung gesichtet wurden; deren Seminararbeiten in Wahrheit emsige Tutoren-Heinzelmännchen schreiben; bei denen Professoren in Prüfungen alle Augen zudrücken.
So viel das Geschäft mit dem College-Sport auch umsetzt: Die Athleten sind Amateure. Jedenfalls offiziell. Cash auf die Hand ist verboten, erlaubt sind Stipendien für die Studiengebühren und fürs Campusleben plus studienbegleitende Materialien. Die wahre Währung allerdings ist - neben der Chance, vor 80.000 Leuten im Stadion und Millionen an den Bildschirmen zu spielen - die Hoffnung auf eine lukrative Profi-Karriere.
Angesichts verwässerter Standards sollte ein Abschluss machbar sein - doch das Gegenteil ist der Fall. Was vielen Unis wichtig ist, zeigen die unterschiedlichen Trainer-Boni für akademische und sportliche Leistungen. Alabamas Saban etwa bekommt 50.000 Dollar für eine Abschlussrate seines Teams, die zu den oberen 50 Prozent der Conference gehört. Dagegen gibt es laut "USA Today" für die Finalteilnahme 200.000, für den Titel 400.000 Dollar.
Viele Sport-Asse gehen ohne Abschluss
Die NCAA bemüht sich, die Abschlussquoten für die oft wie Profis lebenden Muskelpakete zumindest auf dem Papier zu heben. Bis 2005 war die Federal Graduation Rate (FGR) des Bildungsministeriums der Standard, um den Anteil der Sportstipendiaten mit Abschluss zu erheben. Dann entwickelte die NCAA die Graduation Success Rate (GSR). In einer Analyse bemerkte die Elite-Uni Stanford lakonisch, es sei eben einfacher, den Anteil an Abschlüssen durch eine neue Berechnungsformel zu erhöhen, als wenn man versuche, tatsächlich mehr Leute zum Abschluss zu bringen.
Auf den ersten Blick scheint Sport nicht vom Studieren abzuhalten. Laut Bildungsministerium machen 64 Prozent der Athleten und 62 Prozent der normalen Studenten ihren Abschluss. Nach der Berechnungsmethode der NCAA liegt der Anteil bei den Athleten sogar bei 79 Prozent. Klingt gut. Aber ist es das auch?
Randsportarten, die kein Geld bringen, heben den Schnitt. Wo es etwas zu verdienen gibt, wird weggeschaut oder die schlechte Bilanz ignoriert. Beim Football auf dem obersten Uni-Level beträgt die GSR 67 Prozent, die Abschlussrate laut Bildungsministerium 55 Prozent. Ein Blick auf die Quote der diesjährigen Finalisten-Unis bestätigt das: Im Schnitt machen nur 55 Prozent der Footballspieler Alabamas und 50 Prozent der Spieler von Texas ihren Abschluss.
Besonders bitter ist der Unterschied zwischen weißen und schwarzen Spielern, wie eine Studie der University von Central Florida zeigt: 21 der 68 Unis, deren Teams in dieser Saison in einer "Bowl" spielen, haben für schwarze Footballer eine Abschlussrate von unter 50 Prozent, während an nur zwei Unis weniger als 50 Prozent der weißen Spieler einen Abschluss machen. Beispiel Alabama: 74 Prozent der weißen, aber nur 48 Prozent der schwarzen Spieler machen ihren Abschluss. Beispiel Texas: Die Abschlussrate bei den Schwarzen beträgt 38, bei den Weißen 67 Prozent.
Akademische Ambitionen stören eher
Man könnte einwenden, Abschlüsse seien nicht so wichtig, weil die Spieler ja hochbezahlte Profis werden. Stimmt aber nicht: Nur wenige schaffen es - und gerade beim Football und Männer-Basketball bleiben viele ohne Abschluss auf der Strecke. Dem Sender ESPN zufolge spielten selbst von den Footballern der Meisterteams von 2000 bis 2002 zwei Drittel nie als Profis. Eine mehrjährige Profikarriere gelang nur wenigen.
Viele indes stehen am Ende mit leeren Händen da: Weder sind sie Profis noch Uni-Absolventen. Angesichts solcher Aussichten wäre die Möglichkeit zum Studium die wahre Karrierechance für junge Sportler, die sonst nie eine Uni besuchen könnten. Aber da ist das Trainingsprogramm, die Bewunderung der Massen, die Uni-Trickserei, um die Athleten durchs Studium zu schleusen: Echte akademische Ambition gilt da schnell als so störend wie uncool.
Können denn Unis, die die Ausbildung ernst nehmen, sportlich überhaupt auftrumpfen? Sie können: In den diesjährigen Bowls sind unter anderem die Pennsylvania State University, Stanford University, Navy und Boston College vertreten, allesamt mit Abschlussquoten zwischen 85 und 95 Prozent.
Man kann also akademisch und athletisch erfolgreich sein. Nur eben nach dem Geschmack mancher vielleicht nicht erfolgreich genug. Die Hofstra University traf 2009 eine einsame Entscheidung: Sie gab ihr Footballprogramm auf - und will die 4,5 Millionen Dollar jährlich unter anderem für akademische Stipendien verwenden.
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