Kinder von Einwanderern in den USA: Motiviert, aber ausgebremst

Von Anne-Kathrin Gerstlauer, Washington

Ihre Eltern flüchteten aus Mexiko und sind als illegale Einwanderer in den USA allenfalls geduldet: Karina und Luis kamen hingegen in Amerika zur Welt und sind damit Staatsbürger. Als Studenten wollen sie durchstarten - wäre da nicht die Bürde ihrer Herkunft.

Kinder von Einwanderern: "Ich mache das alles für meine Eltern"
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Als sie elf Jahre alt war, nahm ihre Mutter sie mit auf die Erdbeerfelder. "Schau es dir an", sagte sie, "entweder du arbeitest hart in der Schule oder du wirst für immer hier feststecken".

Neun Jahre später studiert Karina Plascencia Internationale Beziehungen an der Georgetown University in Washington DC, einer der besten Hochschulen im Land. Hier haben schon Bill Clinton, König Abdullah von Jordanien und Arnold Schwarzeneggers Ex-Frau Maria Shriver gelernt. Nach einem Tag auf den Erdbeerfeldern hatte Karina es damals am nächsten Morgen nicht aus dem Bett geschafft, zu stark schmerzte der Rücken. 70 Cents pro Kiste, fragte sie sich, wer soll davon leben?

Ihre Eltern gingen in Mexiko zur Schule, bis zur vierten Klasse, dann mussten sie raus auf die Felder. Heute leben sie in den USA und arbeiten noch immer in der Landwirtschaft, mal Äpfel, mal Brokkoli, mal Knoblauch, je nach Saison. Vor 30 Jahren kamen sie illegal über die Grenze in die Vereinigten Staaten. Ihre Kinder sollten etwas aus ihrem Leben machen, Doktoren werden oder Anwälte, vor allem Karina. Denn die 20-Jährige wurde - anders als ihre Geschwister - in Amerika geboren, damit ist sie automatisch amerikanische Staatsbürgerin. Im Jahr 2008 veröffentliche das Pew Hispanic Research Center eine große Studie über Familien ohne Papiere: Damals gab es vier Millionen minderjährige US-Amerikaner, bei denen mindestens ein Elternteil einen illegalen Status hat.

"Ich mache das alles für meine Eltern"

Luis wurde auch in den USA geboren, in Texas. Als er acht Jahre alt war, hatte er noch mal mit seinen Eltern den Rest der Familie in Mexiko besucht. Danach war Luis mit seiner Tante zurückgeflogen, die Eltern wollten nachkommen. Sechs Wochen musste Luis auf sie warten, dann standen sie nachts um 3 Uhr vor ihm, Schrammen und Blut am ganzen Körper. Luis wusste damals zwar, dass seine Eltern illegal in den USA leben, aber nicht, was das bedeutet.

"Wir haben die ganze Nacht geweint", sagt Luis, 22. Die Eltern erzählten, wie sie beim ersten Mal von den Grenzkontrollen erwischt wurden, wie ihnen beim zweiten Versuch Räuber eine Pistole an den Kopf gehalten und ihr Erspartes abgenommen hatten. Ein paar Wochen mussten sie warten, bis Verwandte ihnen neues Geld geschickt hatten. Dann erst schafften sie es, durch den Fluss über die Grenze, dann durch die Wüste Arizonas. Er weint leise, als er davon erzählt.

Heute studiert Luis Sprachen an einer Universität in Virginia. Er spricht fließend Spanisch und Französisch, momentan lernt er Chinesisch. "Ich mache das alles für meine Eltern", sagt er. "Sie haben nicht ihr Leben riskiert, damit ich meine Zeit verschwende."

Luis steht finanzielle Hilfe zu, er bekam trotzdem nichts

Die Geschichten von Karina und Luis klingen wie Prototypen des amerikanischen Traums: Ihre Eltern kamen mit nichts außer der Bereitschaft, ein Leben im Schatten zu leben und die Arbeit zu machen, auf die Amerikaner oft keine Lust haben. Dafür sollte ihren Kindern alles offen stehen. Sie wurden hier geboren, haben eine Sozialversicherungsnummer. Anders als jene Studenten, die allein oder mit ihren Eltern in die USA flüchteten: Sie haben keine Papiere und manche Unis verwehren ihnen deswegen das Studium. Wenn sie es doch schaffen, bekommen sie keine finanzielle Hilfe oder Stipendien, und nach dem Studium haben sie keine Arbeitserlaubnis - wobei es inzwischen etwas leichter ist, eine Erlaubnis zu bekommen. Viele Latinos sind von Barack Obama trotzdem enttäuscht: Denn eigentlich wollte er den jungen Einwanderern die Angst vor der Abschiebung nehmen.

Aber auch Karina und Luis haben nicht immer die gleichen Chancen wie jene Kinder von amerikanischen Staatsbürgern. Wobei Karina noch Glück hat: Ihre Eltern haben eine Aufenthaltsgenehmigung. Luis' Eltern leben in ständiger Angst vor der Abschiebung. Ein Anwalt riet ihnen, keine Aufenthaltsgenehmigung zu beantragen, da sie damals an der Grenze geschnappt wurden. Vielleicht würden sie sofort abgeschoben.

Dieses Semester muss Luis aussetzen, er kann sich sein Studium nicht mehr leisten. Eigentlich steht ihm finanzielle Hilfe vom Staat zu, aber als er sie zu Studienbeginn beantragen wollte, konnte er das Feld "Sozialversicherungsnummer der Eltern" nicht ausfüllen. Die zuständige Behörde prüft damit die Angaben zu Steuern und Einkommen. Luis' Eltern aber haben diese Nummer nicht. Seine Bewerbung wurde nicht akzeptiert: Er reichte sie elektronisch ein, er reichte sie auf Papier ein, er sprach sechsmal mit dem Amt, auf Spanisch, auf Englisch. Seine Eltern zahlen Steuern, sie nutzen dafür eine spezielle Steuernummer für Ausländer und Einwanderer. Das sagte er dem Amt und reichte zudem die Steuerunterlagen ein.

In Internetforen tauschen sich andere Studenten aus, die ähnliches erlebt haben. Hilfsorganisationen raten, das Feld mit Nullen oder Neunen auszufüllen. Wenn das nicht funktioniert, sollen sich die Studenten an die Behörde wenden. Bei Luis hat das nicht geholfen, er gab irgendwann auf.

Einwandererkinder sollen horrende Studiengebühren zahlen

Luis und seine Familie passen nicht in das System der amerikanischen Bürokratie, deshalb haben sie Probleme. Doch manche Universitäten benachteiligten diese Studenten bewusst. Immer wieder berichteten Zeitungen über Fälle aus Virginia, Kalifornien oder New Jersey, in denen Studenten nachweisen mussten, dass ihre Eltern legal im Land sind. Andernfalls mussten sie die bis zu drei Mal so hohen "out-of-state"-Studiengebühren bezahlen, die eigentlich für Studenten aus anderen Bundesstaaten vorgesehen sind. In Florida war dieses Vorgehen durch ein Gesetz gedeckt, erst in diesem Sommer haben Richter es gestoppt.

Luis' Eltern nahmen schließlich einen Kredit über 20.000 Dollar auf, um das Studium zu finanzieren. Luis suchte sich eine Universität, die nicht zu teuer war, trotzdem ist das Geld inzwischen aufgebraucht. Er hofft, dass er bis zum nächsten Semester genug gespart hat und wieder studieren kann.

Aber Geld ist nicht seine größte Sorge: Er hat Angst um seine Eltern, immer wieder wird er nach ihnen gefragt, muss in Formulare Informationen über sie eintragen. Eigentlich wollte er später für die Regierung übersetzen, CIA oder FBI vielleicht. Aber die würden schon im Vorstellungsgespräch alles über seine Familie wissen wollen, seine Eltern könnten Probleme bekommen. Er möchte jetzt zu den Vereinten Nationen.

Genau wie Karina. Sie mag Statistiken und Recherche, und sie will damit Einfluss auf die Politik nehmen. Und sie möchte von ihrem eigenen Geld ihren Eltern was zurückgeben: "Sie haben so viel für mich getan, als erstes werde ich ihr Haus und ihr Auto abbezahlen."

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insgesamt 31 Beiträge
Arne Karl 03.12.2012
Sie haben die Gesetze eines Staates gebrochen. Dennoch hat dieser Staat den Kindern die (eigentlich gestohlene) Staatsbürgerschaft geschenkt und die Bundestaaten versuchen nun an anderer Stelle Restriktionen aufzubauen, irgendwie [...]
Sie haben die Gesetze eines Staates gebrochen. Dennoch hat dieser Staat den Kindern die (eigentlich gestohlene) Staatsbürgerschaft geschenkt und die Bundestaaten versuchen nun an anderer Stelle Restriktionen aufzubauen, irgendwie verständlich. Aber zugleich unverschämt von den Einwanderern, sich hier noch zu beklagen. PS: Die nächste Generation hat kein Problem mehr, denn die Eltern haben dann ja eine Sozialversicherungsnummer.
c.PAF 03.12.2012
Die Kinder haben nichts gestohlen. Per Gesetz sind sie Bürger der USA. Daß dann doch plötzlich Restriktionen aufgebaut werden, ist nicht verständlich, paßt aber in das (mein) Gesamtbild von den USA. Selbstverstndlich ist [...]
Zitat von Arne KarlSie haben die Gesetze eines Staates gebrochen. Dennoch hat dieser Staat den Kindern die (eigentlich gestohlene) Staatsbürgerschaft geschenkt und die Bundestaaten versuchen nun an anderer Stelle Restriktionen aufzubauen, irgendwie verständlich. Aber zugleich unverschämt von den Einwanderern, sich hier noch zu beklagen. PS: Die nächste Generation hat kein Problem mehr, denn die Eltern haben dann ja eine Sozialversicherungsnummer.
Die Kinder haben nichts gestohlen. Per Gesetz sind sie Bürger der USA. Daß dann doch plötzlich Restriktionen aufgebaut werden, ist nicht verständlich, paßt aber in das (mein) Gesamtbild von den USA. Selbstverstndlich ist es übrigens ok von den Einwanderern zu beklagen, denn das Gesetz sagt ihnen ja diese Leistungen zu, sie haben Anspruch darauf. Hätten Sie kraft Gesetzes keinen Anspruch und würden sich beklagen, wäre das etwas anderes. Erschreckend, welches Demokratieverständnis sie haben...
viva89 03.12.2012
Ich finde es nicht unverschämt, denn Kinder illegaler Einwanderer hatten nicht die Wahl, wo sie geboren wurden. Sie haben die Staatsbürgerschaft nicht gestohlen. Warum sollen Kinder für die Taten ihrer Eltern bestraft werden? [...]
Zitat von Arne KarlSie haben die Gesetze eines Staates gebrochen. Dennoch hat dieser Staat den Kindern die (eigentlich gestohlene) Staatsbürgerschaft geschenkt und die Bundestaaten versuchen nun an anderer Stelle Restriktionen aufzubauen, irgendwie verständlich. Aber zugleich unverschämt von den Einwanderern, sich hier noch zu beklagen. PS: Die nächste Generation hat kein Problem mehr, denn die Eltern haben dann ja eine Sozialversicherungsnummer.
Ich finde es nicht unverschämt, denn Kinder illegaler Einwanderer hatten nicht die Wahl, wo sie geboren wurden. Sie haben die Staatsbürgerschaft nicht gestohlen. Warum sollen Kinder für die Taten ihrer Eltern bestraft werden? Sie haben genauso wieder jeder anderer Weiße, Schwarze, Asiate eine rechtmäßige Staatsbürgerschaft und werden durch die Zwänge der Bürokratie behandelt als wäre sie selber illegal. In einem Land der ach so großen Freiheit, ist dies ziemlich kleinkariert. Zumal diese Eltern mist genau die (schweren) Arbeiten erledigen für die sich die schicken Amis zu fein sind. Es gibt noch die andere Seite. Man kann seine Herkunft bei einer Collagebewerbung angeben, und wird dann teilweise bevorzugt, weil man zu einer Minderheit gehört und die Unis Quoten erfüllen müssen, bzw. dürfen sie niemanden diskriminieren.
mark-mit-k 03.12.2012
Da sieht man, dass das amerikanische Staatsbürgerschaftsrecht völliger Quatsch ist. Nur weil man in Amerika geboren wurde, ist man Ami. Nichts mit Auswählen, ob man da überhaupt reinpasst. Das sollte man wohl erst abschaffen. [...]
Zitat von sysopIhre Eltern flüchteten aus Mexiko und sind als illegale Einwanderer in den USA allenfalls geduldet: Karina und Luis kamen hingegen in Amerika zur Welt und sind damit Staatsbürger. Als Studenten wollen sie durchstarten - wäre da nicht die Bürde ihrer Herkunft. USA: Kinder illegaler Einwanderer werden im Studium benachteiligt - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/usa-kinder-illegaler-einwanderer-werden-im-studium-benachteiligt-a-864655.html)
Da sieht man, dass das amerikanische Staatsbürgerschaftsrecht völliger Quatsch ist. Nur weil man in Amerika geboren wurde, ist man Ami. Nichts mit Auswählen, ob man da überhaupt reinpasst. Das sollte man wohl erst abschaffen. Es ist auch Quatsch, dass dann auch noch bestimmte Minderheiten an den Colleges bevorzugt werden. Glatter Rassismus. Nicht alle Weißen sind reich.
Kaygeebee 03.12.2012
Lustig finde ich immer wie die Eltern hoffen, dass die Kinder später alle Ärzte und Anwälte werden. Man setzt seine Hoffnungen gleich zu hoch an und ist dann umso enttäuschter wenn es nicht klappt. Zudem setzt es die Kinder [...]
Lustig finde ich immer wie die Eltern hoffen, dass die Kinder später alle Ärzte und Anwälte werden. Man setzt seine Hoffnungen gleich zu hoch an und ist dann umso enttäuschter wenn es nicht klappt. Zudem setzt es die Kinder enorm unter Druck. "Meine Eltern haben so viel für mich geopfert. Das muss ich eines Tages alles wieder gutmachen." Meine Eltern haben sicherlich einige hunderttausend Euro in mich investiert, haben mir aber zum Glück nie das Gefühl gegeben ihnen nun etwas zu schulden.
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  • Montag, 03.12.2012 – 12:28 Uhr
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