Plagiatsvorwurf: Uni Düsseldorf prüft Schavans Doktorarbeit

Die Plagiatsvorwürfe gegen Annette Schavan sind erst wenige Tage bekannt, jetzt reagiert die Uni Düsseldorf: Sie prüft die Doktorarbeit der Bundesbildungsministerin. Schavanplag, die Seite des anonymen Schavan-Anklägers, war am Freitag für einige Stunden nicht erreichbar.

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Annette Schavan: Uni Düsseldorf prüft die Vorwürfe gegen die Bildungsministerin

Der Promotionsausschuss der Uni Düsseldorf hat damit begonnen, die Doktorarbeit von Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) zu überprüfen. Das Gremium der Philosophischen Fakultät sei dabei, sich die dafür nötigen Materialien zu beschaffen, sagte ein Sprecher der Heinrich-Heine-Universität am Freitag. "Wann ein Ergebnis vorliegt, ist noch völlig offen."

Der Ausschuss setzt sich aus insgesamt sieben Mitglieder zusammen, darunter Professoren, wissenschaftliche Mitarbeiter und ein Vertreter der Studenten. Vorsitzender des Ausschusses ist Stefan Rohrbacher, Professor für Jüdische Studien, Prodekan der Philosophischen Fakultät und einer von zwei Vorsitzenden des Fakultätsrats. Der Fakultätsrat entscheidet laut aktueller Promotionsordnung über die Ungültigkeit einer Promotion und das Entziehen eines Doktorgrades.

Annette Schavan hatte ihre Promotion vor 32 Jahren an der Universität Düsseldorf eingereicht. Über 300 Seiten schrieb sie zum Thema: "Person und Gewissen. Studien zu Voraussetzungen, Notwendigkeit und Erfordernissen heutiger Gewissensbildung".

Schavanplag vorübergehend nicht erreichbar

Anfang Mai tauchten Plagiatsvorwürfe gegen Schavan in dem Blog Schavanplag auf. 58 Seiten der Doktorarbeit sollen faul sein, auf diesen Seiten soll sie abgeschrieben haben. Am Freitag war dieses Blog für einige Stunden nicht erreichbar. Die Seite Schavanplag sei wegen Verstößen gegen die Nutzungsbedingungen ("Terms of Service") archiviert oder suspendiert worden, hieß es auf der Plattform Wordpress.com, auf der die Schavanplag-Seite hinterlegt ist. Genauere Angaben machte der Anbieter nicht.

Der Annahme, dass eine Urheberrechtsbeschwerde Wordpress zum Sperren der Seite veranlasst hatte, widersprachen sowohl Schavan als auch der Verlag, der ihre Doktorarbeit 1980 veröffentlicht hatte. Der "Rita G. Fischer Verlag" teilte mit, dass die Rechte an Schavans Arbeit nicht mehr beim Verlag liegen. Eine Urheberrechtsverletzung könne daher nur die Autorin selbst geltend machen. Kontakt zum Wordpress-Betreiber Automattic habe es nicht gegeben. Auch ein Sprecher Schavans verneinte jeglichen Kontakt der Ministerin oder ihres Ministeriums mit dem Wordpress-Betreiber.

Wer hinter dem Blog steht, ist unklar, der Initiator des Blogs tritt unter dem Pseudonym "Robert Schmidt" auf. Der anonyme Ankläger ist überzeugt davon, "dass Frau Schavan plagiiert hat, wenn auch in geringerem Ausmaß als andere." "Ich wollte das nicht unter den Tisch fallen lassen," sagte er SPIEGEL ONLINE.

Merkel vertraut Schavan "uneingeschränkt"

"Robert Schmidt" ist auch Mitglied bei den Plagiatsjägern von VroniPlag, die unter anderem schon die Doktorarbeit von Silvana Koch-Mehrin (FDP) untersucht haben. Wie ein VroniPlag-Mitglied am Freitag mitteilte, soll auch der Initiator von Schavanplag von der kurzzeitigen Unerreichbarkeit seiner Seite überrascht gewesen sein.

Die VroniPlagger hatten schon Ende vergangenen Jahres damit begonnen, Schavans Dissertation zu untersuchen. Sie nannten in ihrer Dokumentation mutmaßlicher Plagiate allerdings nie Schavans vollen Namen, sondern sprachen immer nur von "As".

Obwohl sie kritische Stellen fanden, entschieden sich die Mitglieder von VroniPlag in einer Abstimmung mit nur einer Stimme Mehrheit gegen die Veröffentlichung der Vorwürfe. "Es gibt sehr problematische Stellen", sagte Debora Weber-Wulff, Mitglied bei VroniPlag und Professorin für Medieninformatik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. "Es hatte aber nicht die Güteklasse eines Guttenberg."

Die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte sich am Donnerstag in einem Interview mit der "Passauer Neuen Presse" hinter ihre Bildungsministerin gestellt: Ob Schavan noch ihr uneingeschränktes Vertrauen genieße, fragten die Redakteure. "Natürlich", sagte Merkel. "Sie hat erklärt, dass sie ihre Arbeit vor 30 Jahren nach bestem Wissen und Gewissen verfasst und ihre Universität mit der Überprüfung der Vorwürfe beauftragt hat."

fln/cht/dpa

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1.
philkopter 11.05.2012
Hallo, ich habe grad mal auf der Seite schavanplag vorbeigeschaut und mir stichprobenartig Stellen der Kategorie A und B durchgelesen (etwa 20). Bei fast allen kam es mir sehr an den Haaren herbeigezogen vor, ein Plagiat erkennen zu wollen. Nur weil die Aussage gleich bleibt und evtl gleiche Worte verwandt wurden, handelt es sich im Kontext noch lange um kein Plagiat. Der Autor (von schavanplag) zitiert teilweise Textstellen von 7-10 Wörtern ohne jeglichen Zusammenhang und findet zufällig irgendwo eine sehr ähnliche Wortreihenfolge, was er dann als bewusst abgeschrieben deklariert. Das sind für mich Auswüchse einer in diesem Ausmaße doch sehr überzogenen Urheberrechtsdiskussion. Wenn wir so weit gingen bin ich mir jedenfalls sehr sicher, dass wir 70% der Doktortitel in Gesellschafts- bzw Humanwissenschaften (oder generell alle nicht-experimentellen) entziehen könnten. MfG
2.
Gemüsepizza 11.05.2012
Zitat von philkopterHallo, ich habe grad mal auf der Seite schavanplag vorbeigeschaut und mir stichprobenartig Stellen der Kategorie A und B durchgelesen (etwa 20). Bei fast allen kam es mir sehr an den Haaren herbeigezogen vor, ein Plagiat erkennen zu wollen. Nur weil die Aussage gleich bleibt und evtl gleiche Worte verwandt wurden, handelt es sich im Kontext noch lange um kein Plagiat. Der Autor (von schavanplag) zitiert teilweise Textstellen von 7-10 Wörtern ohne jeglichen Zusammenhang und findet zufällig irgendwo eine sehr ähnliche Wortreihenfolge, was er dann als bewusst abgeschrieben deklariert. Das sind für mich Auswüchse einer in diesem Ausmaße doch sehr überzogenen Urheberrechtsdiskussion. Wenn wir so weit gingen bin ich mir jedenfalls sehr sicher, dass wir 70% der Doktortitel in Gesellschafts- bzw Humanwissenschaften (oder generell alle nicht-experimentellen) entziehen könnten. MfG
Ich glaub ich lese nicht recht. Die Frau hat mehrere Sätze 1:1 übernommen - keine einzelnen Wörter. So etwas passiert nicht zufällig, da ändern auch nicht ihre absurden Relativierungsversuche etwas. Was bezwecken sie damit überhaupt? Die Sache liegt jetzt bei der Universität, und diese wird entsprechend urteilen. Zum einen ist das vollkommen übertrieben, und offenbar wieder einer ihrer armseligen Relativierungsversuche, zum anderen, selbst wenn das so wäre - ich würde es begrüßen, wenn diesen Menschen der Doktortitel entzogen wird. Null Toleranz für so ein betrügerisches Verhalten.
3. Wiederholung
gordito255 11.05.2012
Soweit ich es den Namensgeber der Universität Düsseldorf betrifft, gab es auch schon damals Zweifel an seiner Dissertation. Heine schrieb:" Man sage von mir, ich sei ein Bastard, ein Henkerssohn, ein Straßenräuber, ein Atheist, ein schlechter Poet – ich lache darüber; aber es zerreißt mir das Herz, meine Doktorwürde bestritten zu sehen! (Unter uns gesagt, obgleich ich Doktor der Rechte bin, ist die Jurisprudenz grade die Wissenschaft, von welcher ich unter allen am wenigsten weiß.)". Schavanplag sieht schon die nächste Schlagzeile vor sich: "Uni Düsseldorf muss sich umbenennen. Heinrich Heine wird die Doktorwürde aberkannt"
4.
rainer_daeschler 11.05.2012
Zitat von gordito255Soweit ich es den Namensgeber der Universität Düsseldorf betrifft, gab es auch schon damals Zweifel an seiner Dissertation. Heine schrieb:" Man sage von mir, ich sei ein Bastard, ein Henkerssohn, ein Straßenräuber, ein Atheist, ein schlechter Poet – ich lache darüber; aber es zerreißt mir das Herz, meine Doktorwürde bestritten zu sehen! (Unter uns gesagt, obgleich ich Doktor der Rechte bin, ist die Jurisprudenz grade die Wissenschaft, von welcher ich unter allen am wenigsten weiß.)". Schavanplag sieht schon die nächste Schlagzeile vor sich: "Uni Düsseldorf muss sich umbenennen. Heinrich Heine wird die Doktorwürde aberkannt"
Für Understatement, oder sogar schlechte Doktorarbeiten, werden Titel nicht aberkannt, nur wenn man andere sie schreiben lässt.
5. .
TS_Alien 11.05.2012
Zitat von philkopterHallo, ich habe grad mal auf der Seite schavanplag vorbeigeschaut und mir stichprobenartig Stellen der Kategorie A und B durchgelesen (etwa 20). Bei fast allen kam es mir sehr an den Haaren herbeigezogen vor, ein Plagiat erkennen zu wollen. Nur weil die Aussage gleich bleibt und evtl gleiche Worte verwandt wurden, handelt es sich im Kontext noch lange um kein Plagiat. Der Autor (von schavanplag) zitiert teilweise Textstellen von 7-10 Wörtern ohne jeglichen Zusammenhang und findet zufällig irgendwo eine sehr ähnliche Wortreihenfolge, was er dann als bewusst abgeschrieben deklariert. Das sind für mich Auswüchse einer in diesem Ausmaße doch sehr überzogenen Urheberrechtsdiskussion. Wenn wir so weit gingen bin ich mir jedenfalls sehr sicher, dass wir 70% der Doktortitel in Gesellschafts- bzw Humanwissenschaften (oder generell alle nicht-experimentellen) entziehen könnten. MfG
gleiche Aussage bei gleichen Quellen = keine eigene Leistung gleiche Wörter wie in den Quellen = möglicherweise ein Plagiat Unabhängig von dieser aktuell diskutierten Dissertation muss man festhalten, dass in manchen Fächern Dissertationen abgeliefert werden, die in anderen Fächern vom wissenschaftlichen Gehalt noch nicht einmal ansatzweise als Diplomarbeit durchgehen würden. Das ist der eigentliche Skandal! Es geht nicht um experimentell oder nicht-experimentell (Medizin-"Dissertationen sind oftmals experimentell), es geht darum, ob für die Fachwelt die Dissertation von Interesse ist. Und dafür reicht es nicht, wenn sich nur die betreuenden Professoren für die Dissertation interessieren.
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