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Vergabe von Studienplätzen: Stresstest für Uni-Sekretariate

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Universitäten müssen im Wintersemester mit einem Bewerberansturm fertig werden - und einem neuen Vergabesystem. Das soll eigentlich ein erneutes Chaos bei der Verteilung von Studienplätzen verhindern. Doch im Hochschulmagazin "duz" äußern viele Unis Zweifel, ob das gelingen kann. 

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Voller Saal: Hochschulen erwarten im Wintersemester einen Ansturm von Studenten

An den deutschen Hochschulen steigt das Vorbereitungsfieber fürs nächste Wintersemester 2011/2012. Business as usual, könnte man meinen. Nicht ganz! Diesmal werfen zwei Großereignisse Schatten voraus: zum einen muss der erwartete Studienbewerberansturm bewältigt werden, und zeitgleich soll das dialogorientierte Studienplatzvergabesystem starten.

Beide Herausforderungen zu meistern, artet schon jetzt für einige Hochschulen zum Kraftakt aus. An der Universität Münster hat Andreas Zirkel, Leiter des Studiensekretariats, seit Jahresbeginn seine Kollegen sowie die der EDV-Abteilung zusammengetrommelt. Die insgesamt zehn Mitarbeiter sollen mit Schulungen und neuer Arbeitsorganisationen für die anstehenden Änderungen fit gemacht werden.

Doch die Tücke steckt im Detail. Mitarbeiter, die etwa via Bildschirm an Schulungen der Stiftung für Hochschulzulassung, auch Hochschulstart genannt, zum neuen Verfahren teilnehmen wollen, brauchen dazu einen Computerbildschirm mit Lautsprecher. Nicht alle Arbeitsplätze waren bislang in Münster damit ausgestattet. "Bei den betroffenen Mitarbeitern müssen zunächst die Monitore ausgetauscht werden", berichtet Zirkel.

Doch das ist nicht alles. Um die neue Zulassungssoftware im April auf den Hochschulrechnern installieren zu können, muss vor allem die Campussoftware auf den neuesten Stand gebracht werden. Mit Campussoftware, die von der Hochschul-Informations-System GmbH (HIS) und anderen Herstellern angeboten wird, verwalten Hochschulen unter anderem Bewerber- und Studierendendaten sowie Lehrveranstaltungs- und Prüfungsorganisation. "Wir benutzen ein HIS-Produkt und brauchen jetzt die Version 13.2, um uns mit der Stiftung für Hochschulzulassung vernetzen zu können", erklärt Zirkel.

Die technische Aufrüstung jedoch verschlingt Ressourcen. "Wir haben ein anderes geplantes EDV-Großprojekt aufgeschoben, damit sich alle betroffenen Mitarbeiter jetzt auf das dialogorientierte Verfahren vorbereiten können", sagt Zirkel.

Hochschulmitarbeiter wissen nicht, was auf sie zukommt

Auch Volker Peters, Leiter des Studierendensekretariats der Universität Osnabrück bestätigt, dass die Hochschulen erstmal ihre übrige "Technik anpassen und alle Mitarbeiter auf einen einheitlichen Informationsstand bringen müssen", bevor die neue Zulassungssoftware kommen kann.

Die größte Schwierigkeit sieht Peters allerdings in der momentanen Unsicherheit. Unklar ist einerseits das Thema Bewerberansturm: "Alles sind bislang grobe Schätzungen. Fakt ist, dass wir mit einem erheblichen Anstieg rechnen. Wie hoch der ausfallen wird, weiß im Moment aber niemand", sagt Peters.

Wegen der Aussetzung der Wehrpflicht und dem doppelten Abiturjahrgang in Niedersachsen und Bayern gehen Experten zwischen bundesweit 40.000 und 70.000 zusätzlichen Studienbewerbern im Wintersemester 2011/2012 aus. Was das konkret für einzelne Bundesländer oder gar Hochschulen heißt, vermag niemand zu prognostizieren. Im Moment wird allerdings eher mit einem geringeren Anstieg gerechnet als anfangs befürchtet.

Unsicher sind Hochschulmitarbeiter vor allem auch bei der Frage, was mit dem dialogorientierten Verfahren tatsächlich auf sie zukommt. Das neue System soll das berüchtigte Studienplatzchaos der letzten Jahre beenden. Zum Einsatz kommen wird es zunächst bei gefragten Fächern wie Psychologie, Architektur oder Betriebswirtschaftslehre, für die es hochschulspezifische Numeri Clausi gibt.

Betroffen wären nach Angaben der Hochschulrektorenkonferenz (HRK) derzeit 171 Hochschulen beziehungsweise rund 250.000 Studienplätze. Ziel ist es, die Bewerber für diese Fächer künftig optimal zu verteilen. Der Fall, dass Bewerber einerseits abgelehnt werden und andererseits Studienplätze in dem Fach an anderen Unis unbesetzt bleiben, soll ausgeschlossen werden. "Ob das neue Verfahren tatsächlich einen Effekt hat, muss sich erst noch zeigen", betont Volker Peters von der Universität Osnabrück. Und Andreas Zirkel erklärt: "Wir wissen noch nicht, wie die Bewerber auf ihr Mitwirkungsrecht reagieren werden."

Software-Tests fielen "überdurchschnittlich gut" aus

Skeptisch wird auch gefragt, ob das dialogorientierte Verfahren überhaupt funktioniert. Zu oft musste in der Vergangenheit eine Notlösung herhalten. Und technische Pannen komplett auszuschließen, ist nicht möglich. Ein knappes Dutzend Hochschulen ist allerdings seit einigen Wochen in der exklusiven Lage bereits Betaversionen der neuen Supersoftware zum Testen in den Händen zu haben unter ihnen die Unis Bremen, Flensburg, Marburg und die FH Worms. Offiziell verkündete Ergebnisse gibt es nicht. Nach duz-Informationen sind die Software-Tests bislang allerdings "überdurchschnittlich gut" ausgefallen.

Neben der technischen Performance wird der Erfolg des Verfahrens vor allem aber von der Teilnahme der Hochschulen abhängen. Die ist prinzipiell jeder Uni und FH freigestellt. Nur in Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen sind die Hochschulen von der Politik zum Mitmachen verpflichtet worden.

Für die Uni Göttingen steht eine Nichtteilnahme aber nicht zur Debatte. "Das neue Verfahren ist eine tolle Sache. Denn es hat den großen Vorteil, dass man frühzeitig Informationen bekommt, welche Bewerber sich für eine Hochschule entschieden haben. Das Verfahren lebt allerdings davon, dass viele Hochschulen mitmachen. Wenn es nur wenige Teilnehmer gibt, dann macht es nicht viel Sinn, weil sich die Hochschulen dann in einem unglücklichen Wettbewerb befänden", sagt Professor Wolfgang Lücke, Vizepräsident für Studium, Lehre und zentrale Einrichtungen.

Wer bezahlt das System: Länder oder Hochschulen?

Auch in Göttingen laufen die Vorbereitungen auf die Umstellung auf Hochtouren. Steigen wird Lücke zufolge in den nächsten Wochen vor allem die Beratungsleistung an Bewerber: "Schon jetzt gibt es viele Anrufe von Interessierten, die wissen wollen, wie das neue Verfahren funktioniert."

Auch erklärte Skeptiker bereiten sich auf das neue Vergabesystem vor. Etwa die Universität Hamburg, die lange Zeit keinen Hehl daraus machte, dass sie nichts von dem neuen Verfahren hält, will nun freiwillig mitmachen. "Dieses geschieht ausschließlich im Interesse der Studienbewerber, weil ein zentrales Bewerbungssystem für die Abiturienten eine erhebliche Erleichterung darstellt und sicherstellt, dass auch weiterhin keine Studienplätze frei bleiben", erklärte Uni-Präsident Professor Dieter Lenzen der duz.

Im März wird klar sein, wie viele und welche Hochschulen sich dem Verfahren von Hochschulstart tatsächlich anschließen. "Wir gehen von den Angaben der HRK aus, dass etwa 90 Prozent der Hochschulen mitmachen werden", sagt Bernhard Scheer, Sprecher von Hochschulstart. Doch selbst wenn diese Quote erreicht wird, schwebt vorerst weiter ein Damoklesschwert über dem Vorhaben: Wer nämlich bezahlt künftig das neue Studienplatzvergabesystem? Die Länder oder die Hochschulen? Klar ist, für das Wintersemester 2011/2012 bekommen die Hochschulen den Service gratis sozusagen als Appetithappen. Danach könnte es teuer werden. Derzeit wird über rund 20 Euro pro vermittelten Studienplatz spekuliert.

Weitsichtige Hochschulmanager haben für diesen Knackpunkt allerdings auch schon Vorkehrungen beziehungsweise Ausstiegsklauseln getroffen: "Wir werden das neue Vergabesystem zunächst drei Jahre lang nutzen. Danach behalten wir uns vor, über die weitere Teilnahme zu entscheiden", erklärt Lücke. Wenn die neue Supersoftware überzeugt und die Hochschulen langfristig entlastet, dann steigt vermutlich auch die Zahlungsbereitschaft.

Christine Xuân Müller ist duz-Redakteurin, dieser Text erschien im Hochschulmagazin "duz"

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insgesamt 6 Beiträge
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1. *bitte Titelmelodie einspielen*
kero-sin 07.02.2011
Zitat von sysopUniversitäten müssen*im Wintersemester*mit einem Bewerberansturm fertig werden - und einem neuen Vergabesystem. Das soll eigentlich*ein erneutes*Chaos bei der Verteilung von Studienplätzen verhindern. Doch viele Unis glauben nicht daran.* http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,742245,00.html
Äh, reichen da nicht auch ein einfacher Lautsprecher aus?
2. Ymmd
komodor 07.02.2011
Wie? Man kann Lautsprecher auch einzeln kaufen? Da muss ich gleich zur EDV-Abteilung laufen und denen bescheid sagen ;) Ich musste so lachen, als ich diesen Absatz gelesen habe! Vielleicht sollte man denen in Münster mal sagen, dass man an ALLE Rechner auch Kopfhörer anschließen kann!?
3. ...
madre 08.02.2011
oh gott. kein wunder, dass es da im wintersemester drauf und drüber gehen wird. was machen die dozenten in münster, wenn die kreide fehlt? sie kaufen vergoldete kugelschreiber und stellen überdimensionale flipcharts auf.
4. Merkwürdige Probleme!
Benjowi 08.02.2011
Ich hoffe der Spruch mit den "Montoren mit Lautsprchern" spiegelt nicht den Wissensstand der EDV-Verantwortlichen, sondern ist ein "Übermittlungsfehler" des Artikels, sonst könnten die eigentlich ihren Laden sofort dichtmachen. Aber davon abgesehen wäre es ein Wunder, wenn die Hochschulbürokratie die Bewerberverwaltung dieses Mal tatsächlich halbwewgs geordnet abwickeln würde!
5. lol
ozymandias123 08.02.2011
Nachdem die Monitore nun Lautsprecher haben, muss man nur noch die Computer gegen Computer mit Soundkarten austauschen. :D
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