Vergleichs-Report "Eurostudent": Wie Europas Studenten ticken

Von Anna Müller-Heidelberg

Italienische Studenten lassen sich im Hotel Mama verwöhnen, während in Estland Hochschüler oft schon selbst Eltern sind: Eine großangelegte Vergleichsstudie hat den Campus Europa vermessen. Deutsche Studenten sind recht reisefreudig - und noch immer viel zu selten Kinder von Nicht-Akademikern.

Vergleichsreport "Eurostudent": Wie Europas Studenten ticken Fotos
DPA

Wie viel Zeit investieren Europas Studenten für die Uni? Wie viele haben Kinder? Wollen sie ins Ausland? Der Vergleichsreport "Eurostudent IV" liefert Antworten. Wissenschaftler des Instituts "HIS - Hochschul-Informations-System" haben drei Jahre lang Zehntausende Studenten aus 25 europäischen Ländern befragt und die Ergebnisse analysiert. Entstanden ist ein Werk von 244 Seiten, das neue Trends aus der Hochschullandschaft Europa zeigt.

In vielen Ländern lebt mehr als die Hälfte der Studenten noch bei den Eltern: auf Malta etwa, in Italien, Spanien und Polen. Wer den Grund dafür in schmalen Portemonnaies der Familien sucht, liegt falsch. Die meisten Studenten aus sozial schwachen Schichten ziehen spätestens zum Studieren aus, während angehende Akademiker aus wohlhabenden Elternhäusern, besonders auf Malta und in Italien, weiterhin das Kinderzimmer bewohnen.

Jeder zwanzigste deutsche Student hat ein Kind

In Deutschland hingegen haben sich Wohngemeinschaften bei einem Drittel aller Studierenden als günstiges und doch eigenständiges Heim bewährt. Nur gut ein Viertel der deutschen Studenten lebt bei den Eltern - ein im internationalen Vergleich niedriger Anteil.

Neun Prozent der deutschen Studenten nutzen die Möglichkeit, einen Teil des Studiums im Ausland zu verbringen. Das klingt wenig, und insgesamt ist die Reiselust unter Studenten durch die Bologna-Reform auch deutlich gesunken. Doch neun Prozent sind im europäischen Vergleich ein großer Anteil. Beliebt sind auch Sprachkurse und -praktika - ähnlich wie bei ihren Kommilitonen aus den Niederlanden, aus Finnland und der Schweiz. Studienkollegen aus Kroatien und Polen halten sich mit derlei Schritten über die eigene Landesgrenze zurück: Nur zwei Prozent schreiben sich zeitweise an ausländischen Universitäten ein.

Als häufigstes Hindernis nennt "Eurostudent IV" die finanzielle Mehrbelastung, die Auslandsaufenthalte mit sich bringen. Skandinavische Studenten haben noch ganz andere Sorgen. Sie fürchten sich vor allem davor, von Familie und Freunden getrennt zu sein.

Stichwort Familie: Manche Hochschüler haben bereits eine eigene gegründet, ob während des Studiums oder noch davor. Spitzenreiter bei der Familienplanung zwischen Hörsaal und Studentenparty sind mit beachtlichen zwölf Prozent skandinavische Länder und Estland. In Deutschland sieht es anders aus: Nur fünf Prozent der deutschen Studenten haben ein Kind, die meisten von ihnen leben in den neuen Bundesländern.

In der Schweiz und in Holland sind die sozialen Unterschiede gering

Auch in weiterer Hinsicht ist die deutsche Studentenschaft nicht so bunt gemischt wie in Nordeuropa: In Norwegen und Dänemark sind weniger als die Hälfte der Studenten gleich nach der Schule auf die Uni gewechselt. In Finnland vergingen bei fast einem Drittel der Studenten mehr als zwei Jahre zwischen Schulabschluss und Immatrikulation. Das ist nur bei 13 Prozent der deutschen Studenten der Fall. Mehr als die Hälfte beginnt hier direkt nach dem Abitur das Studium. Durchschnittlich sind in den teilnehmenden Ländern über zwei Drittel der Studenten Schnellstarter.

Die Unterschiede hängen mit den Chancen zusammen, auch auf Umwegen eine Laufbahn an der Universität einzuschlagen, etwa nach einer Lehre oder auf dem zweiten Bildungsweg. Studenten aus sozial starken Familien sind laut der Studie in der Regel nicht darauf angewiesen, weil sie häufiger das Abitur machen. Sie sind daher jünger als diejenigen mit sozial schwachem Hintergrund. Gerade in Deutschland zeigt sich insoweit ein Ungleichgewicht: Nur wenige Studenten - acht Prozent - sind über 30 Jahre alt. Nach wie vor studieren in der Bundesrepublik überdurchschnittlich viele Kinder von Akademikern, aber unverhältnismäßig wenige von Eltern mit geringer Bildung.

Schon die Vorgängerstudie machte deutlich, dass die deutschen Hochschulen nach wie vor ein exklusiver und elitärer Zirkel sind.

"Eurostudent IV" fordert deshalb Initiativen, die einen Hochschulzugang für Ältere erleichtern, um Chancengleichheit zu fördern. Dass dies nicht lediglich ein frommer Wunsch bleiben muss, machen Nachbarländer wie die Schweiz und Holland vor: Hier ist der Hochschulzugang vergleichsweise wenig abhängig von der sozialen Herkunft.

Studenten auf Malta haben 100 Euro im Monat

Punkten kann die Bundesrepublik hingegen mit dem monatlichen Einkommen ihrer Studenten. Die Unterschiede zwischen Hochschülern aus armen und aus reichen Familien sind vergleichsweise gering, durchschnittlich verfügen sie über 790 Euro. Auch in den Niederlanden und Dänemark ist die Abhängigkeit zwischen Einkommen und sozialer Herkunft klein, wobei die Studenten dort von einer starken staatlichen Förderung profitieren, während deutsche Hochschüler im Wesentlichen Geld von ihren Familien oder durch Nebenjobs erhalten.

Spitzenreiter der Verdiener sind Jungakademiker in der Schweiz, die im Monat im Durchschnitt 1483 Euro ausgeben können. Studenten in der Türkei hingegen müssen mit 242 Euro über die Runden kommen, auf Malta sogar mit durchschnittlich nur 100 Euro.

Gerechter verteilt ist das zeitliche Budget für das Studium, das bei vielen europäischen Hochschülern gen 40 Wochenstunden tendiert. Die fleißigsten Studenten sind in Portugal und Spanien zu finden, gefolgt von Deutschland, Italien und Malta. Ausreißer sind die Slowakei und Lettland, wo nur 37 beziehungsweise 43 Prozent der Studierenden mehr als 30 Stunden wöchentlich auf das Studium verwenden.

Das liegt mitunter daran, dass die Studenten Geld verdienen müssen: In der Hälfte der untersuchten Länder gehen 40 Prozent der Studenten einem Nebenjob nach. Junge Akademiker aus Kroatien, Rumänien und Estland, die ein sozial schwaches Elternhaus haben, arbeiten neben dem Studium doppelt so viel wie ihre Kommilitonen aus gut betuchten Familien.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. ...
OHCRIKEY 15.06.2011
"Nach wie vor studieren in der Bundesrepublik überdurchschnittlich viele Kinder von Akademikern, aber unverhältnismäßig wenige von Eltern mit geringer Bildung. " Ein Arbeiterkind mit Studium produziert leider ein Akademikerkind. Gehirnakrobatik vom feinsten.
2. ???
Florentinio 15.06.2011
Zitat von OHCRIKEYEin Arbeiterkind mit Studium produziert leider ein Akademikerkind. Gehirnakrobatik vom feinsten.
Wenn sie diese Schlussfolgerung schon akrobatisch finden, wie nennen sie es dann, wenn ein Mensch beginnt "von A nach B" zu denken?
3. Mal wieder Bologna
student0816 16.06.2011
Zitat: insgesamt ist die Reiselust unter Studenten durch die Bologna-Reform auch deutlich gesunken. Finde ich sehr schade, sollte doch die europaweite Vereinheitlichung der Studiensysteme gerade die Mobilität der Studenten befördern. Aber dass bei Bologna nichts so geklappt hat, wie es gedacht war, ist ja keine Neuigkeit.
4. Wie Europas Studenten ticken
claro-oder 16.06.2011
Was für eine nichtssagende - oder geradezu irreführende Überschrift! Das mit dem "Ticken" ist wohl vom Bild-Schreiber Brost gestohlen: Zu dessen Publikationen passt es auch besser als hier zum Titel. Studenten ticken gar nicht, mE auch nicht im übertragenen Sinn. Besser wäre doch eine Überschrift gewesen wie zB: "Am Gelde hängt, zum Gelde drängt doch alles." Ansonsten: Gelungene Zusammenfassung.
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