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Verheizte Campusmaut: Der große Gebühren-Schwindel

Von Mathias Menzel und Britta Mersch

Die Mehrheit der deutschen Studenten muss jetzt 500 Euro pro Semester zahlen. Aber wo bleibt der versprochene Qualitätssprung in der Lehre? Und was passiert, wenn Unis zu viel Geld haben? Sie entwickeln eigenwillige Ideen und pumpen Gebühren in Steine, Holz und Beton.

Die Broschüren aus dem Hause des baden-württembergischen Wissenschaftsministers Peter Frankenberg (CDU) versprachen "500 Euro für ein besseres Studium". Das Geld werde "für die Ausstattung der Bibliotheken, für die Studienberatung, für Tutorien - vor allem aber für zusätzliches Lehrpersonal" eingesetzt, heißt es in dem amtlichen Werbetext. Die Betreuung der Studenten werde so "erheblich verbessert".

So lautet das Gebühren-Mantra, das die Wissenschaftsminister der unionsgeführten Länder seit langem herunterbeten. Die Campus-Maut komme voll und ganz den Hochschulen zugute, die staatliche Finanzierung bleibe stabil.

Seit Beginn des Sommersemesters sind es fünf Bundesländer, in denen die Studenten 500 Euro pro Semester zahlen müssen; nur eine Minderheit lernt dann noch kostenlos. 180 Millionen Euro zusätzliche Einnahmen für seine Hochschulen erwartet Baden-Württemberg in diesem Jahr, Nordrhein-Westfalen gar 280 Millionen Euro.

So weit läuft alles nach Plan, bloß die Unis haben nun ein unerwartetes Problem: Viele wissen nicht so recht, wohin mit dem Geld. Die Lehre jedenfalls wird sich kaum irgendwo verbessern. Mit ziemlich eigenwilligen Ideen versuchen viele Rektorate stattdessen, die weitgefassten gesetzlichen Vorgaben zu erfüllen, die eine "Verbesserung der Studienbedingungen" verlangen.

Erst mal her mit der Knete

So stecken beispielsweise die Uni Göttingen, die RWTH Aachen und die Uni Hannover erst einmal Gebührengeld in Steine, Holz und Beton. In Göttingen werden Hörsäle saniert, und es wird ein Gebäude umgebaut, um zusätzliche Lehrräume zu bekommen. Das kostet vier Millionen Euro. Eigentlich ist Hochschulbau Sache der Länder. "Warum sollen wir noch Jahre warten, wenn wir jetzt schon was verändern können?", fragt Uni-Vizepräsident Markus Hoppe. Und Günter Scholz, Vizepräsident der Uni Hannover, findet nichts Verwerfliches daran, Studentengeld in neue Hörsaalbestuhlung zu investieren: "Zum Teil stammt die noch aus den Nachkriegsjahren. Ich sehe darin schon eine Verbesserung für die Studenten."

Solche Missstände sind die Folgen jahrelanger Kürzungen der Hochschuletats. Nicht nur die Mittel für Personal und Bibliotheken wurden in den vergangenen Jahren zurechtgestutzt - auch die für den Hochschulbau. Neue Räume und mehr Personal brauchen die überfüllten Hochschulen dringend, wollen sie künftig in Kleingruppen unterrichten, wie es die neuen Bachelor-Studiengänge verlangen. Dass dafür die Studenten bezahlen sollen, kam jedoch in keiner Ministerrede vor.

"Die Sanierung von Gebäuden kann nur eine kurzfristige Lösung sein", sagt Klaus Landfried, ehemaliger Präsident der Hochschulrektorenkonferenz und heute freier Hochschulberater. "Das Geld gehört in die Verstärkung von Lehrkapazitäten, um die Qualität der Lehre zu verbessern." Nötig seien zum Beispiel zusätzliche Mitarbeiter, die vorrangig lehren - die sogenannten "Lecturer".

Zwar treten nun in Niedersachsen und Bayern "Lehrkräfte für besondere Aufgaben" ihren Dienst an. Sonderlich attraktiv sind diese Stellen aber nicht: 18 Stunden Lehrverpflichtung pro Woche sollen die neuen Mitarbeiter ableisten, mehr als doppelt so viel wie ein Professor. Zwei Jahre läuft ihr Arbeitsvertrag, ohne Chance auf Verlängerung, und forschen dürfen sie in ihrer Freizeit - das Geld aus den Studiengebühren ist ja nur für die Lehre gedacht.

Weniger Geld hätte am Anfang auch gereicht

Die Universität Bamberg will bis zu 40 solcher Stellen schaffen. Qualifiziertes Personal dafür zu finden wird schwierig, prophezeit der Bamberger Wirtschaftspädagoge Detlef Sembill: "Die guten Leute gehen in die Wirtschaft." Für die Stellen in Frage kommen aus seiner Sicht nur Absolventen, die nach der Uni einen Anschlussjob suchen. "18 Stunden Lehrverpflichtung pro Woche kann man als Neuling aber gar nicht abdecken." Also wird es Halbtagsstellen geben, mit zehn Stunden Lehrverpflichtung. Sembills Schluss: "Die Qualität der Lehre wird leiden. Hier wird ein Haufen Geld in das System gepumpt, ohne über die Folgen nachzudenken."



Und die sehen für ihn so aus: Sembill wird Büros mieten müssen für die neuen Mitarbeiter und sie, genauso wie Computer und Telefon, aus dem laufenden Fakultätsetat bezahlen müssen, denn Gebühren darf er dafür nicht nehmen. Er wird selbst weniger Zeit haben für seine Lehraufgaben, denn die neuen Leute wollen auch betreut sein. Für ihn ist klar: "Weniger Geld von den Studenten hätte am Anfang auch gereicht. Erst einmal müssen die Rahmenbedingungen stimmen, damit wir das Geld wirklich sinnvoll ausgeben können."

Doch das wäre angesichts der unbestreitbaren Finanznot der Hochschulen ein fatales Zeichen gewesen. Viele Rektoren verfahren deshalb nach dem Motto: Erst mal nehmen, was zu kriegen ist, eine Verwendung wird sich schon finden lassen.

Allein für Tutorien und Lehraufträge, mit denen sich die meisten Hochschulen in diesem Semester am verheißenen "Qualitätssprung in der Lehre" versuchen, sind die Gebührenmillionen jedenfalls viel zu üppig: Ein Tutorium kostet rund 600 bis 700 Euro pro Semester, ein Lehrauftrag 700 bis 1400 Euro - mit dem Studentengeld könnten Tausende neuer Lehrveranstaltungen gehalten werden. Könnten. Denn viele der Angebote existieren bereits. Neu ist nur, dass sie künftig aus den Taschen der Studenten bezahlt werden.

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