Versagen der Uni-Ökonomen: Warum bringt uns keiner Krise bei?

Von Miriam Olbrisch und Michaela Schießl

2. Teil: Unis, hört die Signale! Wie Studenten die Lehrpläne reformieren

Nicht alle Lehrenden können sich so elastisch auf die veränderten Realitäten einstellen. Getrieben von den Studenten, wagt sich die Lehre eher im Schneckentempo in die Ist-Zeit. "Es braucht Zeit, bis die aktuellen Ereignisse ihren Weg in die Lehre gefunden haben", sagt Felix Bierbrauer, Professor für Finanzwissenschaft an der Uni Köln. Er selbst hat die Schuldenkrise und die Möglichkeiten, künftige zu vermeiden, nun in seine Vorlesung eingebaut. Auch seine Kollegen besprächen sicher schon die Gründe für die Entstehung exzessiver Staatsverschuldung.

Zu viel erwarten dürfe man aber nicht. "Viele aktuelle Fragen können Ökonomen nicht mit Sicherheit beantworten", sagt Bierbrauer. Ob man zum Beispiel einen Kollaps des internationalen Bankensystems riskiert, wenn man Griechenland pleitegehen ließe. "Wir sind nun mal keine Naturwissenschaft, wo man einfach ein Experiment macht und dann beobachtet, was passiert." Manchen Kölner Studenten ist diese Haltung zu zögerlich, sie gestalten ihren eigenen Lehrplan. Darauf steht eine Ringvorlesung, in der Fragen gestellt werden wie: "Scheitert der Kapitalismus an sich selbst?" Oder: "Wie sollen wir in Zukunft wirtschaften?" Und weil Wirtschaftsethik und Nachhaltigkeit im gesamten Fachbereich nicht vorkamen, holte die Studentenorganisation "Oikos" sie eben selbst in den Hörsaal, wieder als Ringvorlesung ohne Leistungsschein.

In Mannheim, Deutschlands führender Hochschule für Wirtschaftswissenschaften, ergänzen die Studenten das Lehrangebot ebenfalls auf eigene Faust. Seit zwei Jahren organisiert die Fachschaft eine Ringvorlesung, die in jedem Semester einen neuen Aspekt beleuchtet, in diesem Winter ist "Behavioral Economics" an der Reihe, zu Deutsch: Verhaltensökonomie. Gerade bei der Analyse von Aktienmärkten spielen solche psychologischen Ansätze eine große Rolle.

"Wir wollen über den Tellerrand des normalen Stundenplans hinausschauen", sagt der 20-jährige Mitorganisator Dominic Cucic. Die Vorlesungen halten eigene und fremde Professoren, aber auch "Menschen aus der Praxis" wie etwa Unternehmensberater.

An den eher praktisch ausgerichteten Fachhochschulen hatte es die doch sehr abstrakte Volkswirtschaftslehre bisher nicht leicht. Das ändert sich jetzt. Die Hochschule Osnabrück hat zu diesem Wintersemester den Bachelor-Studiengang "Angewandte Volkswirtschaftslehre" gestartet. "Die Finanzkrise war der Auslöser", sagt Studiengangsleiter Harald Trabold. "Wir wollten einen neuen Weg finden, VWL zu unterrichten, es anders machen als die Unis."

In sieben Semestern absolvieren die Osnabrücker Studenten zum Beispiel Praxissemester in einer Unternehmensberatung, einem Forschungsinstitut und in einem Ministerium. Das Besondere aber ist der Studienschwerpunkt: In den ersten Semestern gibt es große Unterrichtsblöcke zur Wirtschafts- und Ideengeschichte, in denen die Studenten verschiedene Denkrichtungen kennenlernen - auch Wirtschaftsethik, auch Verhaltensökonomik. Der Ansatz kommt an: 158 Bewerber drängelten sich in Osnabrück um die 39 Plätze.

Fliegen wie ein Vogel - gegen den Wind

Aber warum geht die Reform der VWL, die Abkehr von der - widerlegten - Theorie der effizienten Märkte an den Unis so zögerlich voran? Thomas Straubhaar hat einen Verdacht: Das habe etwas damit zu tun, wie man in Fachkreisen Reputation erlangt. Das geht nämlich so: Wer am meisten publiziert, landet im berühmten "Handelsblatt"-Ranking ganz oben. Das Ranking wiederum ist entscheidend für die Vergabe wichtiger Stellen an den Universitäten.

Abweichler vom Mainstream haben weniger Möglichkeiten zu publizieren. Schaffen sie es dennoch und werden vor eine Berufungskommission geladen, besteht diese in der Regel aus einer Phalanx marktgläubiger Professoren, dem Establishment der VWL. Bewerber, die deren Lebenstheorie angreifen, bekommen wenig Applaus. So bleibt der Status quo lange Zeit erhalten.

Doch nun, glaubt Straubhaar, sei die Zeit für Veränderung gekommen. Lange könne das Meinungskartell den Effizienz-Mythos nicht mehr aufrechterhalten. Er zumindest wird, als Mitglied einer Berufungskommission, demnächst eher für einen Außenseiter votieren. "Wir brauchen an der Uni eine Vielfalt von Lehrmeinungen, dann wird sich in der VWL auch wieder ein kritisches Denken entwickeln."

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insgesamt 248 Beiträge
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1. Adaption
AdaPro 28.12.2011
Ich glaube eine Krise ist nichts anderes als der Ausdruck der Tatsache, dass Annahmen, die früher vielleicht galten, und auf denen man ganze Geschäftspläne aufgebaut hatte, heute nicht mehr gelten. So sind also diese Geschäftspläne bedroht. Vielleicht ist auch das Wissen, das früher einmal galt und wertvoll war, heute teilweise überholt, nicht mehr gefragt, nicht mehr notwendig. Trotzdem gibt es immer wieder neue, spannende Geschäftschancen. Wer kann daraus - auch in einer Krise - profitieren? Doch der, der es gelernt hat, sich anzupassen, sein Verhalten zu adaptieren. Viele Systeme und Prozesse sind sehr träge und reagieren nur langsam auf Veränderungen. Die Kunst der Adaption - das wäre meiner Meinung nach eine wissenschaftliche Disziplin, die sich lohnen würde.
2.
cato. 28.12.2011
Zitat von sysopDer Markt wird's schon richten: Während*ganze Staaten taumeln, lehren die Volkswirtschaftler unverdrossen ihre überkommenen Theorien. Jetzt rütteln Studenten die alte Professoren-Garde wach - und organisieren sich ihre Seminare zu Krise und Wirtschaftsethik selbst. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,803953,00.html
Der Keynesianismus hat versagt. Der Markt könnte wenn man ihm freie Hand lassen würde die Probleme bereinigen, nur würde das zeitweise zu Massenarbeitslosigkeit und Verarmung führen, bis alle gescheiterten Player rausselktiert worden sind und neue bessere Konzepte greifen. Dies wird aber früher oder später ohnehin passieren, da die Macht die unverrückbaren Regeln der Märkte nicht außer Kraft setzten kann. Wenn man jetzt den Markt und nicht den staatlichen Eingriff in Frage stellt, macht man das genau falsche und wird immer nur neue Spekulationsblasen erzeugen. Deren Platzten immer verheerendere Wirkungen zeigen wird und deren Schaden mit einer neuen Spekulationsblase gemildert werden soll ... ein Teufelskreis.
3. Rekursion im Artikel
klein_mo 28.12.2011
Im Artikel steht: "Abweichler vom Mainstream haben weniger Möglichkeiten zu publizieren. Schaffen sie es dennoch und werden vor eine Berufungskommission geladen, besteht diese in der Regel aus einer Phalanx marktgläubiger Professoren, dem Establishment der VWL. Bewerber, die deren Lebenstheorie angreifen, bekommen wenig Applaus. So bleibt der Status quo lange Zeit erhalten." Wenn die alte Garde (Monopolisten) abweichende Ideen (Innovationen) verhindert, dann nennt sich sowas Marktversagen. Hihi! Ist doch lustig, wenn der Markt für VWL-Forscher genauso effizient ist, wie alle anderen... Die Amis sind da schon weiter: Some Economists Call Behavior a Key - NYTimes.com (http://www.nytimes.com/2001/02/11/business/11ECON.html)
4. Warum wollen wir nicht wirklich was lernen?
seenoevil 28.12.2011
Zitat von sysopDer Markt wird's schon richten: Während*ganze Staaten taumeln, lehren die Volkswirtschaftler unverdrossen ihre überkommenen Theorien. Jetzt rütteln Studenten die alte Professoren-Garde wach - und organisieren sich ihre Seminare zu Krise und Wirtschaftsethik selbst. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,803953,00.html
Ich verstehe den ganzen Artikel nicht. Zuerst einmal macht man Adam Smith und seine invisible hand in einer Vorlesung. Meistens lernt man auch in dieser Vorlesung, wie "Modell" inhaltlich definiert wird. An keiner Stelle fehlte in meiner Ausbildung eine kritische Auseinandersetzung mit der Beschränktheit eben dieses Marktmodell. Wer sich wirklich mit volkswirtschaftlichen Problemen beschäftigt, stößt sehr schnell auf Deutungsprobleme, Probleme von Annahme und Prognose. Spätestens nach dem Grundlagenstudium sollte man in der Lage sein, sich eben selbständig über spezielle Problemstellungen zu informieren und auseinandersetzen zu können. Selbst an wissenschaftstheoretischen Selbstreflexionen fehlt es in der VWL nicht. Worauf ist die Kritik der Studenten gemünzt? Dass ihnen der Lehrkörper nicht alles vorkaut? Dass von ihnen Selbststudium erwartet wird? Ist das aber nicht das Ziel ihrer Ausbildung? Wo ist denn jetzt der Skandal? Dass die Studis einen Denkklub bilden mussten? Der ganze Artikel wird schon durch die Standardfloskel über Adam Smith, der permanent als verhasstes Symbol des Neoliberalismus herhalten muss, entwertet. Adam Smith war nicht nur ein großer Nationalökonom, sondern hat persönlich sehr viel von christlicher Nächstenliebe gehalten. Gerade an seinem Werk kann man sich ein Beispiel, was der VWL heutzutage fehlt: Wissenschaftler, die in der Lage sind, ein Gesamtbild von der Gesellschaft und ihrer Ökonomie zu entwerfen. Die letzten Nobelpreise gingen mal wieder an das schönste, mathematische Modell, aber lassen eben diese Fähigkeit vermissen.
5. x
ralf_gabriel 28.12.2011
Zitat von AdaProIch glaube eine Krise ist nichts anderes als der Ausdruck der Tatsache, dass Annahmen, die früher vielleicht galten, und auf denen man ganze Geschäftspläne aufgebaut hatte, heute nicht mehr gelten. So sind also diese Geschäftspläne bedroht. Vielleicht ist auch das Wissen, das früher einmal galt und wertvoll war, heute teilweise überholt, nicht mehr gefragt, nicht mehr notwendig. Trotzdem gibt es immer wieder neue, spannende Geschäftschancen. Wer kann daraus - auch in einer Krise - profitieren? Doch der, der es gelernt hat, sich anzupassen, sein Verhalten zu adaptieren. Viele Systeme und Prozesse sind sehr träge und reagieren nur langsam auf Veränderungen. Die Kunst der Adaption - das wäre meiner Meinung nach eine wissenschaftliche Disziplin, die sich lohnen würde.
Ich habe in der Uni nur ein wenig BWL und kein VWL gehört aber mein Haupteindruck ist, daß viele Probleme die sich ganz konkret stellen einfach über wild klingende Konstrukte entweder an "untere Ebenen" zur Entscheidungsfindung über einen Preis oder aber an "den Markt" zur Entscheidungsfindung delegiert werden. Keiner guckt (oder kann gucken) was wirklich irgenwo rauskommt. Jeder probiert einfach und es entweder es klappt oder nicht. Es wird an vielen Stellen sogar auf Selbstorganisation oder Selbstregulierung gebaut. Wenn das dann irgendwo eine Weile lang geklappt hat, muß das schon fast als Gesetz gelten. Aber ob irgendwas immer und ewig klappen kann, betrachtet keiner. Anders kann ich mir die Ideen von "über all nur Exportüberschüsse" und ähnliches nicht erklären. Selbst Volkswirtschaftler scheinen an den Grenzen ihrer Volkswirtschaft manchmal aufzuhören zu denken. Manch einer ist vielleicht ganz glücklich über kaum regulierte Märkte und die damit verbundene Unsicherheit. Man kann immer wen finden, der es einem vermurkst, wenn man was nicht eingetreten ist. Die Welt ist ein riesiges System von kleinen Systemen. Je schlechter oder weniger die Schnittstellen kontrolliert oder definiert sind, desdo schwerer ist es das Systemverhalten vorherzusagen oder zu beeinflussen. Schon das alleine sollte gegen Deregulierung sprechen. Wer das alles frei laufen lassen will, in der Hoffnung, daß es schon irgendwie wird, hat als Wissenschaftler den Beruf verfehlt.
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