Versagen der Uni-Ökonomen: Warum bringt uns keiner Krise bei?

Von Miriam Olbrisch und Michaela Schießl

Der Markt wird's schon richten: Während ganze Staaten taumeln, lehren die Volkswirtschaftler unverdrossen ihre überkommenen Theorien. Jetzt rütteln Studenten die alte Professorengarde wach - und organisieren sich ihre Seminare zu Krise und Wirtschaftsethik selbst.

Kann ein Land bankrottgehen? Wie machen Staaten zu hohe Schulden? Und warum retten manche Länder ihre Banken und andere nicht?

Nie hatte sich Henrik Theine träumen lassen, dass ihn solche Fragen einmal umtreiben würden. Doch als der amerikanische Hypothekenmarkt ins Taumeln geriet und die Börsen verrückt spielten und niemand wusste, was als Nächstes kommt, war sein Interesse geweckt: Der 23-Jährige wollte wissen, was dahintersteckt, wollte lernen, wie Wirtschaft funktioniert. Er schrieb sich für Volkswirtschaftslehre in Heidelberg ein. Wo, wenn nicht an diesem Hort akademischer Weisheit, der ältesten Uni des Landes, sollte es Antworten geben auf das Chaos da draußen?

Die Ernüchterung kam schnell. "Ich war frustriert", sagt er. Für die Krise war im straffen Stundenplan der Bachelor-Studenten kein Platz.

Außerhalb der altehrwürdigen Mauern spielten die Märkte verrückt, getrieben von Gier und Panik der Anleger. Drinnen lernten derweil die Studenten, dass "die unsichtbare Hand" des Marktes laut Adam Smith, Papst der Ökonomen, immer zu einem Gleichgewicht führe. Effizient seien die Märkte zudem, erklärten ihnen die Professoren, perfekt ausbalanciert durch Konkurrenz, Angebot und Nachfrage. Die Studenten büffelten sich durch neoklassische mathematische Modelle, in denen ausschließlich rationale Akteure existieren - willkommen in der Welt des Homo oeconomicus.

Stunden später hörte Theine in den Abendnachrichten von platzenden Ramschkrediten, von irreführenden Ratings und brandgefährlichen Derivatkonstrukten. "Von der Realität waren wir ganz, ganz weit weg", sagt Theine. "Fast hätte ich mein Studium abgebrochen."

"Die Volkswirtschaftslehre kreist um sich selbst"

Doch gerade als er kurz davor war, seine Mathe-Formeln im Neckar zu versenken, fand er Gleichgesinnte: eine Gruppe mit dem illustren Namen "Arbeitskreis postautistische Ökonomie". Darin versammeln sich Studenten und Dozenten der Wirtschaftswissenschaften, allesamt desillusioniert von der Realitätsferne der Volkswirtschaftslehre. Ihre Befürchtung: Die streng formale Ausrichtung auf mathematische Modelle führe zur geistigen Verarmung ihres Fachs.

"Die Volkswirtschaftslehre kreist um sich selbst", sagt Arbeitskreismitglied Steffen Bettin, 22. "Niemand ist bereit, die alten Modelle zu überdenken - obwohl sich gerade jetzt in der Krise gezeigt hat, dass sie überhaupt nicht nutzen." Andere Denkansätze als die Neoklassik fänden in der offiziellen Lehre keinerlei Beachtung.

Kurzerhand organisierten die Heidelberger Postautisten eine Alternative. Sie entwickelten eine Vorlesung. Titel: "Geschichte des ökonomischen Denkens". Jede Woche präsentiert seitdem ein Dozent unterschiedliche Denkschulen des Fachs. "Verschiedene Methoden kennenlernen, damit man am Ende entscheiden kann, welche am besten zur Lösung wirtschaftlicher Probleme geeignet ist" - so hatte sich Bettin sein Studium vorgestellt. Andere offenbar auch: Der Hörsaal ist immer voll.

"Wir müssen den Mythos von der Effizienz der Finanzmärkte zertrümmern"

Es tut sich etwas an den deutschen Wirtschaftsfakultäten. Die Krise ist an den Unis angekommen, endlich. Modern, am Puls der Zeit, das aktuelle wirtschaftliche Geschehen ganz oben auf der Agenda - so präsentieren sich die Ökonomen an den Hochschulen derzeit gern. Dabei sind es oft nicht die Professoren, die die Krise in den Hörsaal holen. Wie in Heidelberg wird das Umdenken an vielen Unis von den Studenten erzwungen.

Ihnen ist nicht entgangen, wie kläglich die Volkswirtschaft in der Krise versagt hat. Heiner Flassbeck, Chefökonom der Uno-Organisation für Welthandel und Entwicklung, spricht unverhohlen von der "Unfähigkeit" seiner Fachkollegen, "die Welt angemessen zu deuten". Trotz ihrer ausgeklügelten Modelle sahen die meisten Ökonomen die Hypothekenkrise nicht kommen, unterschätzten die Bankenkrise und wurden von der Schuldenkrise kalt erwischt, die nun zur Währungskrise mutiert. Hohn und Spott prasselte auf die Herren Akademiker herab. Die Existenzberechtigung des Fachs stand in Frage.

Da legte manch ein Lehrender eine zackige Kehrtwende hin. Thomas Straubhaar, einst als neoliberal geltender Professor an der Hamburger Uni und Chef des Hamburgischen Weltwirtschaftsinstituts, hatte noch im September 2008 voreilig das baldige Ende der Finanzkrise verkündet. "Für Wirtschaftswachstum und Beschäftigungsentwicklung in Deutschland werden die Turbulenzen nach dem Winter 2008/2009 überwunden sein", behauptete er.

Seine krasse Fehlprognose und die erratische Orakelei vieler seiner Kollegen brachten ihn radikal zum Umdenken. "Wir müssen den Mythos von der Effizienz der Finanzmärkte zertrümmern", sagt er jetzt. Marktversagen sei schließlich kein Einzelphänomen, begleitet von so irrationalen Nebenwirkungen wie Herdenverhalten, Panik, Eigendynamik und Automatismen. Der Homo oeconomicus hat abgewirtschaftet. "Mikroökonomisches Gewinnstreben kann zum makroökonomischen Untergang führen", sagt Straubhaar, was so viel heißt wie: Die Gier des Individuums kann ganze Gesellschaften bedrohen. Damit mikro- und makroökonomisches Erfolgsstreben wieder deckungsgleich werden, braucht es Gesetze und Regeln, Anreize und Sanktionen: "Wir brauchen eine politische Ökonomie 3.0."

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insgesamt 248 Beiträge
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1. Adaption
AdaPro 28.12.2011
Ich glaube eine Krise ist nichts anderes als der Ausdruck der Tatsache, dass Annahmen, die früher vielleicht galten, und auf denen man ganze Geschäftspläne aufgebaut hatte, heute nicht mehr gelten. So sind also diese Geschäftspläne bedroht. Vielleicht ist auch das Wissen, das früher einmal galt und wertvoll war, heute teilweise überholt, nicht mehr gefragt, nicht mehr notwendig. Trotzdem gibt es immer wieder neue, spannende Geschäftschancen. Wer kann daraus - auch in einer Krise - profitieren? Doch der, der es gelernt hat, sich anzupassen, sein Verhalten zu adaptieren. Viele Systeme und Prozesse sind sehr träge und reagieren nur langsam auf Veränderungen. Die Kunst der Adaption - das wäre meiner Meinung nach eine wissenschaftliche Disziplin, die sich lohnen würde.
2.
cato. 28.12.2011
Zitat von sysopDer Markt wird's schon richten: Während*ganze Staaten taumeln, lehren die Volkswirtschaftler unverdrossen ihre überkommenen Theorien. Jetzt rütteln Studenten die alte Professoren-Garde wach - und organisieren sich ihre Seminare zu Krise und Wirtschaftsethik selbst. Versagen der Uni-Ökonomen: Warum bringt uns keiner Krise bei? - SPIEGEL ONLINE - Nachrichten - UniSPIEGEL (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,803953,00.html)
Der Keynesianismus hat versagt. Der Markt könnte wenn man ihm freie Hand lassen würde die Probleme bereinigen, nur würde das zeitweise zu Massenarbeitslosigkeit und Verarmung führen, bis alle gescheiterten Player rausselktiert worden sind und neue bessere Konzepte greifen. Dies wird aber früher oder später ohnehin passieren, da die Macht die unverrückbaren Regeln der Märkte nicht außer Kraft setzten kann. Wenn man jetzt den Markt und nicht den staatlichen Eingriff in Frage stellt, macht man das genau falsche und wird immer nur neue Spekulationsblasen erzeugen. Deren Platzten immer verheerendere Wirkungen zeigen wird und deren Schaden mit einer neuen Spekulationsblase gemildert werden soll ... ein Teufelskreis.
3. Rekursion im Artikel
klein_mo 28.12.2011
Im Artikel steht: "Abweichler vom Mainstream haben weniger Möglichkeiten zu publizieren. Schaffen sie es dennoch und werden vor eine Berufungskommission geladen, besteht diese in der Regel aus einer Phalanx marktgläubiger Professoren, dem Establishment der VWL. Bewerber, die deren Lebenstheorie angreifen, bekommen wenig Applaus. So bleibt der Status quo lange Zeit erhalten." Wenn die alte Garde (Monopolisten) abweichende Ideen (Innovationen) verhindert, dann nennt sich sowas Marktversagen. Hihi! Ist doch lustig, wenn der Markt für VWL-Forscher genauso effizient ist, wie alle anderen... Die Amis sind da schon weiter: Some Economists Call Behavior a Key - NYTimes.com (http://www.nytimes.com/2001/02/11/business/11ECON.html)
4. Warum wollen wir nicht wirklich was lernen?
seenoevil 28.12.2011
Zitat von sysopDer Markt wird's schon richten: Während*ganze Staaten taumeln, lehren die Volkswirtschaftler unverdrossen ihre überkommenen Theorien.
Ich verstehe den ganzen Artikel nicht. Zuerst einmal macht man Adam Smith und seine invisible hand in einer Vorlesung. Meistens lernt man auch in dieser Vorlesung, wie "Modell" inhaltlich definiert wird. An keiner Stelle fehlte in meiner Ausbildung eine kritische Auseinandersetzung mit der Beschränktheit eben dieses Marktmodell. Wer sich wirklich mit volkswirtschaftlichen Problemen beschäftigt, stößt sehr schnell auf Deutungsprobleme, Probleme von Annahme und Prognose. Spätestens nach dem Grundlagenstudium sollte man in der Lage sein, sich eben selbständig über spezielle Problemstellungen zu informieren und auseinandersetzen zu können. Selbst an wissenschaftstheoretischen Selbstreflexionen fehlt es in der VWL nicht. Worauf ist die Kritik der Studenten gemünzt? Dass ihnen der Lehrkörper nicht alles vorkaut? Dass von ihnen Selbststudium erwartet wird? Ist das aber nicht das Ziel ihrer Ausbildung? Wo ist denn jetzt der Skandal? Dass die Studis einen Denkklub bilden mussten? Der ganze Artikel wird schon durch die Standardfloskel über Adam Smith, der permanent als verhasstes Symbol des Neoliberalismus herhalten muss, entwertet. Adam Smith war nicht nur ein großer Nationalökonom, sondern hat persönlich sehr viel von christlicher Nächstenliebe gehalten. Gerade an seinem Werk kann man sich ein Beispiel, was der VWL heutzutage fehlt: Wissenschaftler, die in der Lage sind, ein Gesamtbild von der Gesellschaft und ihrer Ökonomie zu entwerfen. Die letzten Nobelpreise gingen mal wieder an das schönste, mathematische Modell, aber lassen eben diese Fähigkeit vermissen.
5. x
ralf_gabriel 28.12.2011
Zitat von AdaProIch glaube eine Krise ist nichts anderes als der Ausdruck der Tatsache, dass Annahmen, die früher vielleicht galten, und auf denen man ganze Geschäftspläne aufgebaut hatte, heute nicht mehr gelten. So sind also diese Geschäftspläne bedroht. Vielleicht ist auch das Wissen, das früher einmal galt und wertvoll war, heute teilweise überholt, nicht mehr gefragt, nicht mehr notwendig. Trotzdem gibt es immer wieder neue, spannende Geschäftschancen. Wer kann daraus - auch in einer Krise - profitieren? Doch der, der es gelernt hat, sich anzupassen, sein Verhalten zu adaptieren. Viele Systeme und Prozesse sind sehr träge und reagieren nur langsam auf Veränderungen. Die Kunst der Adaption - das wäre meiner Meinung nach eine wissenschaftliche Disziplin, die sich lohnen würde.
Ich habe in der Uni nur ein wenig BWL und kein VWL gehört aber mein Haupteindruck ist, daß viele Probleme die sich ganz konkret stellen einfach über wild klingende Konstrukte entweder an "untere Ebenen" zur Entscheidungsfindung über einen Preis oder aber an "den Markt" zur Entscheidungsfindung delegiert werden. Keiner guckt (oder kann gucken) was wirklich irgenwo rauskommt. Jeder probiert einfach und es entweder es klappt oder nicht. Es wird an vielen Stellen sogar auf Selbstorganisation oder Selbstregulierung gebaut. Wenn das dann irgendwo eine Weile lang geklappt hat, muß das schon fast als Gesetz gelten. Aber ob irgendwas immer und ewig klappen kann, betrachtet keiner. Anders kann ich mir die Ideen von "über all nur Exportüberschüsse" und ähnliches nicht erklären. Selbst Volkswirtschaftler scheinen an den Grenzen ihrer Volkswirtschaft manchmal aufzuhören zu denken. Manch einer ist vielleicht ganz glücklich über kaum regulierte Märkte und die damit verbundene Unsicherheit. Man kann immer wen finden, der es einem vermurkst, wenn man was nicht eingetreten ist. Die Welt ist ein riesiges System von kleinen Systemen. Je schlechter oder weniger die Schnittstellen kontrolliert oder definiert sind, desdo schwerer ist es das Systemverhalten vorherzusagen oder zu beeinflussen. Schon das alleine sollte gegen Deregulierung sprechen. Wer das alles frei laufen lassen will, in der Hoffnung, daß es schon irgendwie wird, hat als Wissenschaftler den Beruf verfehlt.
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