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Verschwurbeltes Hochschuldeutsch: Warum Wissenschaftler ihre Leser quälen

Sie fürchten ihre Kollegen und flüchten sich in Kauderwelsch: Deutsche Wissenschaftler trauen sich viel zu selten, klar zu schreiben. Oft verklausulieren sie selbst banalste Gedanken. Ein Fehler, meint der Schreibtrainer Markus Reiter - und zeigt, wie es anders gehen könnte.

Korrektes Kauderwelsch: Viele Wissenschaftler schreiben richtig - aber unverständlich Zur Großansicht
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Korrektes Kauderwelsch: Viele Wissenschaftler schreiben richtig - aber unverständlich

Sie müssen jetzt leider, liebe Leser, einen Augenblick tapfer sein und die folgenden beiden Sätze aufmerksam und langsam lesen:

"Alle genannten, am Konzept des Auslegers orientierten Formen des Verständlich-Machens, haben gegenüber textoptimierenden Ansätzen einen entscheidenden Vorzug: in keinem Fall findet eine reine Substitution unter Tilgung des substituierten Elements statt. Dadurch ist für den Rezipienten stets die Möglichkeit gegeben, die Verwendungsweise des unbekannten Elements, den ausgelegten Text schließlich als solchen zu verstehen zu lernen, mithin seine Kompetenz zu erweitern."

Alles auf Anhieb verstanden?

Die beiden Sätze stammen aus einem Buch, das den schönen Titel "Verständlich-Machen" trägt. In ihm drückt sich das gesamte Elend der deutschen Wissenschaftspublizistik aus. Und zwar in gleich doppelter Weise. Zum einen ist das ganze Buch wie eine polnische Weihnachtsgans vollgestopft mit abstrakten Substantiven. Sätze mäandern über viele Zeilen. Komplizierte Satzkonstruktionen verschleiern selbst banale Gedanken. Kurzum: Der Leser quält sich zur Erkenntnis.

Kompliziertes Wissenschaftsdeutsch

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Zum anderen findet der Autor das auch noch gut. Denn nichts anderes sagen die beiden oben zitierten Sätze aus. In einfaches Deutsch übersetzt laufen sie auf folgende Aussage hinaus: Ein Text braucht vom Autor nicht verständlich geschrieben zu werden. Vielmehr soll sich der Leser gefälligst ein bisschen anstrengen, denn dann lernt er durch die Mühe, die er damit hat, etwas dazu.

Allgemeinverständlichkeit schadet der Karriere

Kein Wunder, dass Deutsch als Wissenschaftssprache immer weiter an Bedeutung verliert. Selbst ausländische Forscher, die gut Deutsch sprechen, müssen in vielen Fällen vor der Prosa deutscher akademischer Autoren kapitulieren. Das hat System, sagt Teresa Löwe-Bahners, Lektorin für Sachbücher beim Stuttgarter Verlag Klett-Cotta: "Ein deutscher Wissenschaftler kann es sich kaum erlauben, populär zu schreiben, bevor er Mitte 40 ist." Universitätsakademiker in Deutschland trauten sich demnach kaum, ihre Texte an ein breiteres Publikum zu richten, solange sie keine dauerhafte Stelle an einer Universität haben, am besten eine Professur - aus Angst, dass ihnen dies schaden würde.

In der Tat gilt es im deutschen akademischen Betrieb kaum als karrierefördernd, wenn man sich mit Büchern, die in einem Publikumsverlag erscheinen, an ein interessiertes Laienpublikum wendet. Ein Beispiel: Die Sprache gehört zu jenen Themen, für die sich viele Menschen interessieren. Dennoch gibt es keinen einzigen deutschen Linguisten, dessen Name einem interessierten Nicht-Fachmann sofort einfallen würde.

Die meisten haben Angst, von ihren Fachkollegen schief angesehen zu werden, sobald sie ein populärwissenschaftliches Buch zum Thema veröffentlichen. Der Einzige, der versucht, linguistische Erkenntnisse populär aufzubereiten, ist Dieter E. Zimmer - ein Journalist und Autor der Wochenzeitung "Die Zeit". Anders im angelsächsischen Raum: die Amerikaner Steven Pinker, George Lakoff und Derek Bickerton, der Brite Steven Mithen, der auf Englisch schreibende Israeli Guy Deutscher und natürlich der Linguistik-Guru Noam Chomsky haben alle sehr erfolgreiche Bücher verfasst, in denen sie ihre Theorien einem breiten Publikum präsentieren.

Britische Wissenschaftler arbeiten gerne einmal mit dem Cliffhanger

Ähnliches gilt für die Geschichtswissenschaften. Das Fach stößt generell auf großes Interesse, das aber von Deutsch schreibenden Akademikern kaum befriedigt wird. Ihnen mangelt es meistens an der Fähigkeit, erzählerische Elemente mit der Vermittlung von Fakten zu verbinden. Geschichte also mit Geschichten zu erzählen.

Anders die Briten. "Die haben kein Problem damit, Erzähltechniken aus der Unterhaltungsliteratur mit wissenschaftlichem Schreiben zu verbinden", meint Lektorin Löwe-Bahners. Die Autoren nutzen zum Beispiel einen Cliffhanger, um ihre Leser auf das folgende Kapitel neugierig zu machen, oder sie verbinden Anekdoten aus ihrem Leben mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Deutschen Wissenschaftsautoren gilt das als Anbiederung ans Publikum. "Im angelsächsischen Raum schreibt man grundsätzlich unverkrampfter, populärer. Englische Wissenschaftler nehmen sich - bei allem Stolz auf das, was sie tun - nicht so bierernst wie ihre deutschen Kollegen", analysiert auch der Bestsellerautor Frank Schätzing, der selbst ein naturwissenschaftliches Sachbuch über die Tiefsee verfasst hat.

Es liegt also nicht nur am Wollen. Carsten Könneker, Chefredakteur der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft", stellt sogar einen wachsenden Druck innerhalb der Wissenschaftsgemeinde fest, sich der Öffentlichkeit verständlicher zu machen. "Schließlich erhalten die Einrichtungen öffentliche Gelder und daraus entsteht die Verpflichtung, der Gesellschaft etwas zurückzugeben." Das Problem liegt ebenso beim Handwerk des Schreibens. Wer 20 Jahre lang verquastetes Wissenschaftsgeschwurbel geschrieben hat, wer sich bislang in Förderanträgen möglichst bürokratisch und hochtrabend ausdrücken musste, dem fällt es schwer, plötzlich elegant und allgemeinverständlich zu formulieren. Zumal in Deutschland die Meinung vorherrscht, Schreiben könne man nicht lernen, Schreiben sei ein gottgegebenes Talent.

Selbst Koryphäen bereichern den Stoff mit Anekdoten

Im englischen und amerikanischen Bildungssystem hingegen müssen die Studierenden in jedem Semester oder Trimester innerhalb von wenigen Wochen ein halbes Dutzend Essays vorlegen. Dabei geht es darum, einen klugen Gedanken interessant, stringent und verständlich zu entwickeln. Auf diese Weise wird schon den Erstsemestern einsichtig, dass es wichtig und keinesfalls ehrenrührig ist, sich an ein Laienpublikum zu wenden und sich populär auszudrücken.

Zumal sich selbst die Koryphäen eines Faches nicht scheuen, in ihren einführenden Lehrbüchern mit Beispielen und Anekdoten zu arbeiten. Wirtschaftsnobelpreisträger Paul Krugman erzählt in seiner Einführung in die Volkswirtschaftslehre (zusammen mit Robin Wells) kleine Geschichten aus dem Alltag, um den schwierigen Stoff anschaulich zu machen.

Der amerikanische Neurobiologe Richard F. Thompson macht in seinem Lehrbuch zum "Gehirn" die Struktur der Nervenzelle anschaulich: "Die Dendriten - also alle Fasern, die von der Nervenzelle ausgehen, mit Ausnahme des Axons - stellt man sich am besten als dünne Ausstülpungen des Zellkörpers vor. Die Dendriten verleihen der Nervenzelle ihre charakteristische Gestalt. Ihre Zahl und Größe pro Zelle kann von einigen wenigen und kurzen Nervenfasern bis zu einer riesigen Menge von Fortsätzen reichen, die das Neuron wie einen Baum aussehen lassen."

Der britische Althistoriker Robin Lane Fox verfasste eine wissenschaftlich mehrfach ausgezeichnete Biografie Alexanders des Großen, die am Ende sogar von Oliver Stone in Hollywood verfilmt wurde - mit Lane Fox als wissenschaftlichem Berater. "Im sogenannten wissenschaftlichen Schreiben in Deutschland hingegen wird den Autoren die Anti-Anschaulichkeit geradezu eingetrichtert", befindet Klett-Cotta-Lektorin Löwe-Bahners.

Dabei wäre der Dialog zwischen Wissenschaft und Gesellschaft dringend notwendig. "Bildung ist heute wichtiger denn je, und vermitteln können wir Bildung nur, indem Fachleute ihre Elfenbeintürme verlassen und mit der breiten Öffentlichkeit kommunizieren lernen", bilanziert Bestsellerautor Schätzing.

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1. Dem Artikel kann ich absolut zustimmen...
Der_große_Mutato 03.05.2011
Volkswirte gehören ebenfalls zu jener Gattung Wissenschaftler, die einfache Sachverhalte auf eine sehr komplizierte Weise erklären. Interessanterweise sind bei Studenten der VWL Bücher beliebt, die von englischsprachigen Autoren stammen und ins Deutsche übersetzt wurden. Ich habe irgendwann während meines Studiums ausschließlich Grundlagenbücher auf Englisch gelesen, weil ich die Deutschen Bücher nicht verstanden habe. Was ist noch sehr schlimm finde ist, wie deutsche Wissenschaftler englische Papers verfassen. Teilweise grenzt das schon an Verstümmelung der englischen Sprache...
2. Rückschlüsse
mont_ventoux 03.05.2011
Ich habe im naturwissenschaftlich-technischen Bereich die Erfahrung gemacht, dass Veröffentlichungen insbesondere dann interessant und gehaltvoll waren, wenn sie knapp aber sprachlich präzise verfasst waren. Vieles wird eh in Englisch veröffentlich, da fällt es leichter, klar zu formulieren. Vielleicht sollte man sich auch im Deutschen an die Weisung „KISS“ – keep it short & simple – halten. Immer wieder konnte ich feststellen, dass sprachlich verschwurbelte Artikel oder Vorträge zumeist von fachlich nicht wirklich überzeugenden Autoren zu verantworten waren. Die Anzahl der verwendeten Anglizismen war dabei oftmals ein Gradmesser der Inkompetenz. Anderes Beispiel: Wem in der Werbewirtschaft nichts wirklich Überzeugendes zu seinem Produkt einfällt, der hängt meistens noch einen (pseudo-) englischen Spruch hinten dran: „Come in and find out“, „Powered by emotion“, etc. Immerhin, bei der Zielgruppe scheint so was Eindruck zu machen.
3. nicht in den Ingenieurwissenschaften
Hamberliner 03.05.2011
Zitat von sysopSie fürchten ihre Kollegen und flüchten sich in Kauderwelsch: Deutsche Wissenschaftler trauen sich viel zu selten, klar zu schreiben.*Oft verklausulieren sie selbst banalste Gedanken. Ein Fehler, meint der Schreibtrainer Markus Reiter - und zeigt, wie es anders gehen könnte. http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,758029,00.html
Auf die Ingenieurwissenschaften trifft das aber nicht zu, weil man da das wesentliche sowieso mathematisch oder grafisch zum Ausdruck bringt. Sprachlich gestalten lässt sich da sowieso nur der verbindenden Text zwischen den Gleichungen und Diagrammen, also nur ein Bruchteil des ganzen.
4. Toller Artikel - tolles Thema
meinung3000 03.05.2011
Deutlich wird das Drama auf Wikipedia. Gerade die wissenschaftlichen Einträge in einem Lexikon für Jedermann sollten doch allgemein verständlich geschrieben sein. Und einige sind es auch - erklären komplexe Zusammenhänge verständlich. Daran sieht man, dass es geht. Andere sind derart verschraubt und benutzen ein Vokabular, dass für wissenschaftliche Pamphlete an der Uni üblich sein mag, zum Verständnis leider nicht beitragen.
5. nix titel
AverageXY 03.05.2011
Einem deutschen Akademiker ist es doch egal ob sein Text verstanden wird oder nicht. Versteht der Leser den Text nicht, ist er dumm. Ganz anders im angelsaechsischen Raum. Versteht der Leser den Text nicht, ist der Schreiber zu dumm. Das ist der fundamentale Unterschied, keine Anekdoten oder Cliffhanger. Auch Lehrbuecher auf englisch koennen knochentrocken sein. Es kommt oft darauf an, an wen sich das Lehrbuch wendet, Einsteiger, Fortgeschrittene, oder Spezialisten.
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Zum Autor
die arge lola
Markus Reiter ist Journalist, Autor und Schreibtrainer. In Seminaren erklärt er Wissenschaftlern, Managern und Journalisten, wie man klar und verständlich schreibt. In seinem Buch "Klardeutsch. Neuro-Rhetorik nicht nur für Manager" führt er Erkenntnisse der Verständlichkeitsforschung und der Neurolinguistik auf und gibt Tipps für das alltägliche Schreiben.

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