Versuche mit Labormäusen: Wenn Töten einfach zum Job gehört

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Angehende Neurobiologen haben es schwer: Ihre Jobs sind schlecht bezahlt, und regelmäßig bringen sie zum Wohl der Menschheit Tiere um. Die Methoden sind umstritten, viele Forscher belastet das Töten, manche geben deswegen auf. Doch eine Alternative gibt es für sie nicht.

Bio-Forschung: Wenn töten einfach dazugehört Fotos
AP

Acht kleine Krallen klammern sich an das Drahtgitter, die Hinterbeine der Maus rudern in der Luft. Mit seiner linken Hand hält Stefan Palesch* ihren Schwanz fest zwischen Daumen und Zeigefinger. In seiner Rechten liegt ein Messer, wie man es in jeder Küchenschublade findet.

"Die weiß, was jetzt kommt", sagt Palesch. Zwei Artgenossen haben in den letzten Minuten bereits ihr Leben gelassen, sie liegen in einer durchsichtigen Plastiktüte, die Köpfe sind abgetrennt. Jetzt schwebt der Messerrücken über dem Nacken der noch lebenden Maus, einige Millimeter hinter den Ohren. Sie quiekt ein letztes Mal, dann drückt Palesch ihr die stumpfe Seite der Klinge in den Nacken, presst ihren Hals auf das Käfigdach und zieht den Schwanz nach oben und weg von seinem Körper. Das Genick bricht, die Maus ist tot.

Palesch macht seinen Doktor in Neurobiologie, und ihm ist dieser Teil seiner Arbeit an der Uni zuwider. Er gewöhne sich einfach nicht dran, sagt der Doktorand, und das wolle er auch gar nicht. Wenigstens habe er wegen der Mäuse keine Alpträume mehr, am Anfang sei das schon noch so gewesen.

Jagd nach dem ultimativen Heilmittel

Umso fester hat er sein Ziel vor Augen. Mit seine Kollegen forscht er an Stammzellen, wie sie in Embryonen oder an bestimmten Stellen des Körpers vorkommen und die sich theoretisch in jedes erdenkliche Gewebe verwandeln können. Diese Zellen, so hoffen es die Forscher, könnten eines Tages helfen, schwere Krankheiten zu heilen.

Paleschs Arbeit ist anstrengend, nicht sonderlich gut und vor allem unregelmäßig bezahlt: Derzeit verdient er rund tausend Euro netto dank eines guten Stipendiums. Manche Kollegen kriegen etwas mehr, andere weniger. Paleschs Stipendium reicht für anderthalb Jahre, dann braucht er eine Verlängerung. Wie er wissen viele seiner Doktoranden-Kollegen nicht, ob sie bis zum Abschluss durchgängig Geld bekommen werden.

Ein Graben, über den keine Brücke führt

Über die Sache mit den Mäusen reden Palesch, der seinen echten Namen nicht veröffentlicht sehen will, und seine Kollegen meist nur anonym, wenn überhaupt. Oft ziehen sich Wissenschaftler wie er den Unmut von Tierschützern zu, darunter auch radikale, die vor Drohanrufen oder Schlimmerem nicht haltmachen.

Unversöhnlich stehen sich Forscher und jene Aktivisten gegenüber, die Tieren ebenso unveräußerliche Rechte zubilligen wie Menschen - und über die sich in ihren Augen niemand hinwegsetzen darf. Die Chance, mit Erkenntnissen aus Tierversuchen Krankheiten zu heilen, sind für Organisationen wie Peta kein Argument. Peta-Sprecherin Tanja Breining sagt, es gebe keine Belege dafür, dass Tierversuche je etwas gebracht hätten. Und ganz allgemein gebe es für das Töten von Tieren keinerlei Rechtfertigung, "weder ethisch noch wirtschaftlich".

Palesch dagegen sagt: "Man darf die menschlichen Grundsätze einfach nicht für Tiere anwenden." Das klinge zwar ziemlich undiplomatisch, aber so sehe er es.

Töten als nötiges Übel

Ein kleiner Zettel auf dem Käfig, der neben Palesch im Labor steht, vermerkt das Geburtsdatum der drei Nager. Sie sind nur einige Wochen alt, dennoch ausgewachsen und unter Paleschs Hand endet nun ihr kurzes Leben.

Warum tut sich ein junger Mensch so eine Arbeit an?

Für Palesch lautet die Antwort: Hoffnung und Leidenschaft. Er brennt für die Forschung. Dafür arbeitet er auch an Wochenenden und manchmal in der Nacht, weil Zellkulturen sich nun einmal nicht an Arbeitszeitbestimmungen halten. Das Töten der Tiere ist dabei nur ein sehr kleiner Teil der Arbeit, ein notwendiges Übel.

Meist sitzt Palesch am Computer, wertet Mikroskopbilder aus, fasst Ergebnisse zusammen oder schreibt an einem Paper. Oder er löst Gewebe auf, zentrifugiert, züchtet Zellen, schaut Dutzende Male am Tag durch das Mikroskop. Palesch spricht gern und enthusiastisch über seine Arbeit, er ist dann sehr detailverliebt, seine Erklärungen werden schnell sehr kompliziert.

Wie viele tote Tiere rechtfertigt eine Entdeckung?

Anders klingt es, wenn Johannes Beckers spricht. Er ist stellvertretender Direktor am Institut für Experimentelle Genetik am Helmholtz-Zentrum München. Auch hier wird mit Mäusen geforscht, die zum Wohl von Menschen sterben.

Beckers ist der Wissenschaftler mit Sätzen, die jeder versteht: "Sie kennen das Schicksal des kleinwüchsigen Pianisten Michel Petrucciani?" Der Mann starb 1999 mit 36 Jahren an einer Lungenentzündung. Das sei typisch für die Glasknochenkrankheit, sagt Beckers. Erst dank der Mäuseversuche konnten seine Kollegen verstehen, dass der Gendefekt nicht nur die Knochen, sondern auch andere Organe wie Herz und Lunge direkt schädigt. "Das hätten sie in der Petrischale nie herausfinden können."

Beckers ist ein geübter Erklärer, denn er muss oft die Arbeit mit Versuchstieren begründen und manchmal auch verteidigen. Am Helmholtz-Zentrum arbeiten an der Seite renommierter Forscher auch Studenten und Doktoranden der Münchner Universitäten. Zwei Stockwerke unter Beckers Büro steht die "German Mouse Clinic". Hier werden Mäuse aus aller Welt auf Gendefekte und deren Folgen untersucht und nachgezüchtet. Die Tiere werden geröntgt und mit Ultraschall und winzigen Kernspintomografen durchgecheckt. Die Forscher machen Blutbilder, EKG, EEG, fast wie beim Menschen. Doch am Ende sterben die Tiere und werden seziert.

Die "Mouse Clinic" hat einen permanenten Bestand von 5000 Tieren. Sie ist Teil der Versuchstierhaltung im Helmholtz-Zentrum, der größten staatlichen Mäusezucht in Deutschland. Mehr Tiere hält und tötet nur die Pharma-Industrie. Herr der Mäuse am Helmholtz-Zentrum ist Jörg Schmidt, Leiter der Abteilung für Vergleichende Medizin. Sein Job ist das Wohl der Tiere, die hier speziell für die Forschung gezüchtet werden. Bei ihm muss jede Maus schriftlich bestellt werden, jede einzelne der 150.000 Mäuse jährlich wird dokumentiert. Und keine sterbe umsonst, darauf achte er, versichert Schmidt.

"Argumentativ bestehen" will gelernt sein

Wer möchte, kann sich an Schmidts Institut erklären lassen, wie er außerhalb über seine Arbeit mit Versuchstieren reden kann, wenn Familie oder Freunde kritisch nachfragen. Mitarbeiter, Tierpfleger, Auszubildende und auch die Wissenschaftler könnten dabei lernen, "argumentativ im Privaten zu bestehen", sagt Schmidt.

Ein solches Coaching gibt es an Stefan Paleschs Uni nicht, und für sich hält er es auch nicht für nötig. Denn bei jedem toten Tier, das vor ihm liegt, sagt er sich: Ohne diese Versuche kein Fortschritt bei den wissenschaftlichen Grundlagen. Ohne Grundlagenforschung kein tieferes Verständnis der Krankheiten. Und ohne das Verständnis weniger Chancen auf Heilung oder Therapie für viele kranke Menschen.

Außer dem Genickbruch sind auch Betäubungsmittel oder die Hypoxie, der Tod durch Ersticken, erlaubt, um Mäuse für die Wissenschaft zu töten. Egal, wie man dem Tier zu Leibe rückt, es erfährt Stress, und den gilt es zu minimieren. Das geschieht zum Wohl der Maus - vor allem aber kann man mit einem toten Tier, dessen Gehirn und Körper mit Stresshormonen geflutet sind, nicht mehr richtig forschen. Die Hormone verfälschen die Ergebnisse des Experiments, es ist dann nicht vergleich- und wiederholbar. Weil das Gehirn für Paleschs Versuche ungestresst und frisch sein muss, durchtrennt er mit dem Genickbruch den zentralen Nervenstrang, alles andere könnte zu Fehlern in den Ergebnissen führen.

Wenn schon töten, dann eigenhändig - meistens

Palesch und seine Laborkollegen kennen mehrere Geschichten von Leuten, die wegen des Tötens der Tiere hingeschmissen oder umgesattelt haben. Eine Doktorandin an einer anderen Universität habe immer wieder heimlich Mäuse aus dem Labor geschmuggelt und sie daheim in einen Käfig gesetzt. Auch altgediente Profis sind vor Blockaden nicht gefeit. Palesch erinnert sich, dass ein dekorierter Forscher nach längerer Pause wieder einmal ins Labor musste und den Nackenschlag nicht schaffte. "Da ist die Maus gekrabbelt und gekrabbelt und er hat es einfach nicht fertiggebracht." Man verlernt die Technik nicht, sagt er, aber die Tötungshemmung sei doch da, und da müsse man immer wieder drüber.

Mit einer scharfen Schere trennt er den Kopf der letzten Maus ab. "Es ist schlimm, wenn du den Körper in der Hand hast und er pumpt und zuckt noch." Die Maus ist dann bereits tot, aber die Nerven sind noch unter Spannung. Wenn der Kadaver erst mal in der Tüte ist, zittern nur noch seine Hände ein wenig.

Mit Daumen und Zeigefinger schiebt Palesch dem Mauskopf das Fell über die Ohren. Mit Pinzette und Schere arbeitet er sich durch den durchsichtigen dünnen Schädel an das daumennagelgroße Gehirn heran. Er löst es heraus und lässt das weißliche Etwas in ein Plastikröhrchen rutschen, es sinkt langsam zu den anderen drei Hirnen hinab. Das Röhrchen kommt zurück in einen Eimer voll Eis.

Vor Palesch liegen zwei weitere schwere Wochen. Zehn Mäuse wird er töten und seine Hände werden wieder zittern. Und an Tagen, an denen es gar nicht geht, hilft auch mal ein Kollege. An einem anderen Tag dann wird es Palesch sein, der für einen anderen Kollegen beim Mäusetöten einspringt. So gleicht sich das alles wieder aus.


*Name von der Redaktion geändert

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 203 Beiträge
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1. die Menschen sind gar nicht so wichtig
jean1 01.09.2010
ich sag nur: Die Größe und den moralischen Fortschritt einer Nation kann man daran messen, wie sie die Tiere behandelt. Mahatma Gandhi Wir überschätzen unsere Anwesenheit auf diesem Planten. Die meisten Tiere tragen mehr zum natürlichen Gleichgewicht der Erde bei als wir zweibeinigen Tiere. Tierversuche nein Danke!
2. Wollen wir noch ein bisschen Werbung für Tierversuche machen?
Weltkind19 01.09.2010
Wir bohren nach Öl in Meerestiefen, fliegen auf den Mond usw, aber es soll immer noch keine Alternative für Tierversuche geben? Herzlichen Glückwunsch Menaschheit, es ist wohl einfach nur billiger so weiterzumachen. Da könnte die stammzellenforschung nun endlich mal was gutes tun, nein, wir müssen das verbieten, weil die Menschheit ja unberrechenbar ist und Sachen damit anstellen würde, die wirklich unethisch wären. Herzlichen Glückwunsch Menschheit.
3. Anästhesie?
Beta123 01.09.2010
"Jetzt schwebt der Messerrücken über dem Nacken der noch lebenden Maus, einige Millimeter hinter den Ohren. Sie quiekt ein letztes Mal, dann drückt Palesch ihr die stumpfe Seite der Klinge in den Nacken, presst ihren Hals auf das Käfigdach und zieht den Schwanz nach oben und weg von seinem Körper. Das Genick bricht, die Maus ist tot." Ich bin mir nicht ganz sicher aber schreibt das TSchG nicht vor, dass Tiere in Finalversuchen immer anästhesiert sein müssen? Ich habe selber fünf Jahre in einem Tierlabor gearbeitet und auch Doktoranden und Studenten eingewiesen, hätte jemand so gearbeitet, hätte ich ihn wegen unnötiger Grausamkeit zurechtgewiesen.
4. Labortiere
phospho 01.09.2010
...ich kann nur allzu gut nachempfinden, dass es fuer viele nicht einfach ist, Tiere umzubringen, wobei man bei seinen Versuchen soll ja immerhin das kleinstmögliche Tiermodell zu finden... was bei mir Ratten sind... heute 3, gestern 1, bis Freitag hoffentlich keine weitere mehr, am Montag morgen lag eine tot im Käfig, musste ich sie immerhin nicht umbringen.. neben den Tierversuchen die ich mache, bereite ich die Tiere mit einer Operation auf die Experimente vor. Wenn alles gut läuft überlebt sie bis zum Ende des Versuchs und ich bin erleichtert, weil es gleichzeitig fuer mich heisst, eine Ratte weniger töten im Endeffekt.. Ich sehe es aber durchaus als gesund an, dass es mir immer noch etwas ausmacht, Tiere umzubringen..
5. Töten
MichaelSE, 01.09.2010
Zitat von phospho...ich kann nur allzu gut nachempfinden, dass es fuer viele nicht einfach ist, Tiere umzubringen, wobei man bei seinen Versuchen soll ja immerhin das kleinstmögliche Tiermodell zu finden... was bei mir Ratten sind... heute 3, gestern 1, bis Freitag hoffentlich keine weitere mehr, am Montag morgen lag eine tot im Käfig, musste ich sie immerhin nicht umbringen.. neben den Tierversuchen die ich mache, bereite ich die Tiere mit einer Operation auf die Experimente vor. Wenn alles gut läuft überlebt sie bis zum Ende des Versuchs und ich bin erleichtert, weil es gleichzeitig fuer mich heisst, eine Ratte weniger töten im Endeffekt.. Ich sehe es aber durchaus als gesund an, dass es mir immer noch etwas ausmacht, Tiere umzubringen..
Glückwunsch! Sie sind ein guter Mensch. Sie handeln nur auf Befehl, weil es Ihr Job ist.
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