Vertraulicher Bericht: Finanznot von Privatuni Witten schlimmer als bekannt

Die älteste Privatuniversität Deutschlands ist in großer Geldnot - ein vertraulicher Bericht zeigt das verheerende Ausmaß. Selbst wenn die Hochschule Witten/Herdecke ihren gesamten Besitz verkaufen würde, könnte sie kaum die Schulden decken, schreiben Wirtschaftsprüfer in einem Gutachten.

Offenbar ist die Finanzlage der Universität Witten/Herdecke noch dramatischer als bislang bekannt. In einem vertraulichen Bericht im Auftrag der Universität empfehlen Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young, "umgehend" den Liquidationswert von Deutschlands ältester Privatuniversität zu ermitteln.

Die Prüfer gehen "tendenziell davon aus", dass der Verkaufswert sämtlichen Besitzes der Hochschule nicht ausreichen würde, "eine Unterdeckung unter Überschuldungsgesichtspunkten" zu verhindern, heißt es dazu in dem Papier, das bei einem Krisentreffen am 5. Januar im Düsseldorfer Wissenschaftsministerium präsentiert wurde.

Das Land hatte kurz vor Weihnachten Zuwendungen in Höhe von 4,5 Millionen Euro für das Jahr 2009 gestoppt und überdies drei Millionen Euro für 2007 zurückverlangt. Sollte das Land seine Zuschüsse nicht weiter zahlen, würde laut Bericht zudem "planerisch (…) mit der Fälligkeit der Februar-Gehälter" eine "Liquiditätsunterdeckung eintreten".

Der Sprecher der Privatuniversität, Ralf Hermersdorfer, wollte sich "zu vertraulichen Gutachten nicht äußern". Indessen hat der Trägerverein des Gemeinschaftskrankenhauses Herdecke 15 Prozent der Gesellschafteranteile der Privatuni gekauft, was der notleidenden Hochschule aber nur eine Finanzspritze von 1,9 Millionen Euro bringt.

Millionenlöcher in den kommenden Jahren

Mit einer nächtlichen Krisensitzung zwei Tage vor Heiligabend hatte die unmittelbar drohende Insolvenz gerade noch abgewendet werden können. Aus dem Kreis von drei "potentiellen strategischen Partnern" wurde die Zahlungsfähigkeit zunächst gesichert. Seitdem verhandelt die stark angeschlagene Hochschule weiter mit dem Gesundheits- und Bildungskonzern SRH Holding. der Darmstädter Software AG Stiftung sowie dem Gemeinnützigen Verein zur Entwicklung von Gemeinschaftskrankenhäusern Herdecke.

Für den 22. Januar wurde eine neuerliche Sitzung im Düsseldorfer Wissenschaftsministerium anberaumt. Welchen enormen Finanzbedarf die Privatuniversität hat, zeigt das 29 Seiten starke Gutachten deutlich. In der Businessplanung für die nächsten Jahre offenbart es Millionenlöcher: 2.938.000 Euro im Jahr 2009, 5.491.000 für 2010 und sogar 8.140.000 für 2011.

Bereits in diesem Jahr sollen die Personalkosten stark sinken und die Beiträge der Studenten steigen. Die Businessplanung geht bis 2011 von einer Verdoppelung der Studiengebühren im Vergleich zum Geschäftsjahr 2007/08 aus. Das alles reicht indes nach Auffassung der Wirtschaftsprüfer nicht, um die "Liquiditätsunterdeckung" zu beseitigen.

abr/jol

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Forum - Die Pleite von Witten/Herdecke - wäre sie ein Verlust?
insgesamt 169 Beiträge
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1.
Als_Tom 17.12.2008
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Nein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese es aus der eigenen Tasche bezahlen. Vielmehr ist zu prüfen ob erworbene (gekaufte) Abschlüsse auf Privatschulen ec. überhaupt anerkannt werden sollten. Es stellt sich doch die Frage, ob dem Prüfling, der ein nicht geringes Barvermögen pro Semester zahlt, Sonderkonditionen zu Teil werden, die er auf einer staatlichen Einrichtung nicht bekommen hätte. Einfach gefragt: Hätte er dort bestanden? Abschlußquoten in der Nähe von 100 % lassen mich da doch zweifeln. Die liegt einfach daran das es einfach Menschen gibt die nicht für ein Studium geboren sind. VG, Als_Tom
2.
Kojo T 17.12.2008
Kein Verlust - ein Gewinn. Elite ist nicht per Definition herstellbar, auch nicht unbedingt durch teure Experimente, sondern durch Leistung. Experimente wie auf Massenfächer konzentrierte Uni-Neugründungen fördern höchstens die Profilierung Einzelner. Zur Behebung von Engpässen in NC-Fächern wäre auch ein Ausbau bestehender Ressourcen zweckmäßiger. Eine gewisse Kontinuität, eine Leistungstradition, wäre förderlich. Eliteförderung könnte wesentlich stringenter und kostengünstiger an kleinen, klassischen Universitäten eingeführt und betrieben werden.
3.
Baikal 17.12.2008
Zitat von sysopÜberraschend entzieht Nordrhein-Westfalen der Universität Witten/Herdecke den Landeszuschuss. Sie muss sogar bereits erhaltenes Geld zurückzahlen. Insgesamt geht es um 7,5 Millionen Euro - es könnte der Uni den Todesstoß versetzen. Ein Verlust für die Bildung in Deutschland?
Ja, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in Wirklichkeit nichts ist als die Auslieferung der Bildung an die Verwertungsindustrie und an den Schwachsinn von credit points der Dünnbrettbohrer. Aber kein Wunder, Pinkwart ist schließlich BWLer, wenn auch nur an einer Fachhochschule: da kommt eben Neid auf und FDP ist ohnehin nichts für dicke Bretter.
4.
trendy_randy 17.12.2008
Zitat von BaikalJa, und das nicht nur der hervorragenden Medizinerausbildung wegen die mehr auf den Patienten konzentriert ist und nicht auf die zweifelhaften Forschungen der angeblichen Naturwissenschaft Medizin. Aber auch sonst im flachen Mainstream der Pinkwartschen Hochschulfreiheit, die in.....
Pinkwart hat schon so einige Dinger gucken lassen. Und jetzt solche Äußerungen als FDP-Mitglied. Gleichmacherei ist doch eher anderen vorbehalten - diese Partei stellt sich als liberal dar? Als Förderer des Individuums und der Individualität? Schade wär´s wenn die Hochschule dicht machen müsste - eine Schande wär´s, wenn die FDP der Sargnagel wäre!
5.
Arthi 17.12.2008
Zitat von Als_TomNein! Der deutsche Staat sollte darauf verzichten private Schulen, Internate und Universitäten zu unterstützen bzw. Besuche selbiger auch noch steurlich absetzbar zu machen. Wenn sich eine Gruppe von Leuten sich der Gesellschaft entziehen möchte, dann soll diese ....
Die Private Schule muss auf die Einnahmen schauen. Würden viele dort scheitern oder schlechte Noten bekommen,würde der Ruf schlecht leiden. Dann bliebe der Nachschub und somit die Gelder aus. Die Abschlüsse müssten also irgendwie von staatlicher Seite überprüft werden.
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