Studenten über die Ministerin: "Schavan hat ihre Position verfehlt"
"Nicht mehr tragbar" und "kein Vorbild": Nachdem die Uni Düsseldorf Annette Schavan den Doktorgrad nehmen will, melden sich Professoren und Studenten zu Wort. Ihre Reaktionen sind einhellig: Sie kann nicht Bildungsministerin bleiben.
Während Annette Schavan durch Südafrika reist und ihre Anwälte den Gegenschlag gegen die Aberkennung ihres Grades vorbereiten, sind diejenigen abgetaucht, die am Dienstagabend über die 33 Jahre alte Doktorarbeit gerichtet hatten: Acht Professoren, drei Studentenvertreter, zwei wissenschaftliche und zwei nichtwissenschaftliche Mitarbeiter saßen im Rat der Philosophischen Fakultät der Uni Düsseldorf - und keiner ist zu sprechen.
Am Telefon will und darf an der Uni niemand etwas sagen. In den Professorensekretariaten heißt es unisono, Chef oder Chefin seien im Urlaub, im Forschungsfreisemester oder unterwegs. Gut sechs Stunden hatte der Rat über das Votum zur Doktorarbeit der CDU-Bundesbildungsministerin beraten, um dann deutlich zu entscheiden: Der Doktorgrad soll weg, 12 der 15 Fakulätsratsmitglieder stimmten dafür. Schavan wird gegen die Entscheidung klagen.
Vor der Uni-Tür machen Studenten ihrem Unverständnis Luft: Manuel Herbst, 28, Doktorand in Wirtschaftsmathematik, findet es "grundsätzlich" gut, dass Schavan den Titel verlieren soll. Es sei eben "sehr schwierig, einen Doktor zu machen, und es ist natürlich unfair, wenn Leute das nicht mit den regulären Spielregeln schaffen". Medizinstudentin Melissa Neubacher sagt, eine Ministerin, die sich bei Guttenberg fremdschämte und selbst abgeschrieben habe, "habe ihre Position verfehlt". Und auf Facebook feixen Düsseldorfer Studenten darüber, dass Merkel ihrer Vertrauten Schavan nur noch "volles" und nicht mehr "vollstes" Vertrauen ausspricht, sie ärgern sich auch über die Kritik am Verfahren.
Hochschulverband kritisiert "unangemessene Einmischung"
So hatte CDU-Fraktionsvize Michael Kretschmer das Verfahren als eine "Farce" bezeichnet, als von Anfang an unfair. Schavans Anwälte kritisierten das Prozedere als "fehlerhaft".
Ähnlich einheitlich wie das schwarz-gelbe Regierungslager erregte sich die Opposition: Schavan müsse sofort zurücktreten forderten die einen barsch, die anderen verhalten. Petra Sitte, die forschungspolitische Sprecherin der Linken im Bundestag, warf CDU und FDP Kampagnen-Mache vor: Die Wissenschaftsfreiheit sei der Regierung wenig wert, wenn es um die eigene Ministerin gehe. Die Uni habe ein faires, akademisches Verfahren durchgeführt.
So weit, so politisch - aber kann eine Bundesbildungsministerin noch vor Akademikern sprechen, ohne dass sie verschämt auf den Boden gucken? In der Wissenschaft war die Reaktion auf das harsche Urteil gegen Schavan weniger aufgeregt, aber eindeutig: Für den Deutschen Hochschulverband attackierte dessen Präsident, Bernhard Kempen, die "unangemessene Einmischung" der Verfahrenskritiker. Die Uni habe "sehr sorgfältig und außerordentlich korrekt gearbeitet". Es gebe keinen Anlass, das Verfahren in Zweifel zu ziehen. Er könne sich nicht vorstellen, "dass sie als Ministerin einfach so weitermachen kann". Schließlich sei sie die Repräsentantin der deutschen Wissenschaft.
JU Bayern: Schavan muss "Kisten packen"
Ähnlich argumentieren viele Studentenvertreter. Schavan könne "keine Sekunde länger für eine verantwortungsvolle Wissenschaftspolitik stehen", teilte Erik Marquardt mit, Vorstand des studentischen Dachverbands Freier Zusammenschluss von StudentInnenschaften. Jungen Wissenschaftlern könne sie "kein gutes Vorbild mehr sein". Die Bundesvorsitzende der Liberalen Hochschulgruppen (LHG), Josephine Dietzsch, sagte, Schavan sei als Bundesbildungsministerin "nicht mehr tragbar".
Einzig der CDU-nahe Studentenverband RCDS hält zur Ministerin, auf der Linie der Mutterpartei: Die Aberkennung des Titels sei "ohne den Einsatz unabhängiger Gutachter, die eine vorsätzliche Täuschungsabsicht feststellen, unglaubwürdig", sagte der Bundesvorsitzende Erik Bertram. In Bayern sehen das junge Christsoziale anders: Paul Linsmaier, Bildungsfachmann der Jungen Union Bayern, sagte, Schavan müsse "ihre Kisten packen".
Schavans Doktorvater, der die Arbeit vor 32 Jahren entgegengenommen hatte, sagte SPIEGEL ONLINE: "Ich habe die Entscheidung zur Kenntnis genommen und warte auf die Begründung." Im Herbst hatte er der "Rheinischen Post" gesagt, die Dissertation habe den damaligen wissenschaftlichen Standards entsprochen und sei eine "sehr beachtliche Leistung" - ein Urteil, dem der Fakultätsrat und die Wissenschaftsgemeinde nach Dienstagabend nicht mehr uneingeschränkt folgen kann.
seh/son/vkl/fln/cht/AFP/dpa
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