Völlig losgelöst: Mondlandung als Rollenspiel

Es ist ein quasi extraterrestrischer Workshop: An der Uni Stuttgart grübeln Studenten gerade über eine Basisstation auf dem Mond. Neben Physik und Raumfahrttechnik geht es auch um psychologische Fragen - denn nur ein glücklicher Astronaut ist ein guter Astronaut.

Stuttgart - Jan Grippenhoren fühlt sich für das Glück zuständig. Das Glück im All. Der Psychologie-Student ist einer von gut 30 Nachwuchswissenschaftlern, die seit Montag in einem interdisziplinären Workshop an der Universität Stuttgart Konzepte für eine Oberflächenbasis auf dem Mond erarbeiten.

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Mond-Workshop in Stuttgart: "Seien Sie kreativ"

Die Teilnehmer aus aller Welt kommen nicht nur aus der Luft- und Raumfahrt, sondern ebenso aus Disziplinen wie Naturwissenschaften und Architektur. Auch Grippenhoren will sein Fachwissen einbringen. "Ich denke, dass auch der Mensch nicht vergessen werden sollte", sagt er. Nur ein glücklicher Astronaut, so sein Credo, ist ein guter Astronaut.

Dazu, so Grippenhoren, könnten etwa Fenster in die Weltraumstation gebaut werden, damit die Raumfahrer "einen Blick zurück zur Erde" werfen können. Wichtig seien zudem ausreichend Schlaf, die Harmonie im Team und auch mal eine Freizeitbeschäftigung zum Ausgleich. Eigene Erfahrungen mit der Raumfahrt hat Grippenhoren bislang keine - aber er studiert "Human Factors", die Wissenschaft von der Interaktion zwischen Mensch und Maschine. Er testet unter anderem die Nutzerfreundlichkeit von Fahrassistenz-Systemen.

Realistisches Zukunftstraining

Bis Freitag arbeitet Grippenhoren in einem von zwei konkurrierenden Teams unter anderem an Szenarien für einen mindestens zweiwöchigen Aufenthalt auf dem Mond im Jahr 2025. In dem Rollenspiel repräsentieren die Studenten Entwickler eines Raumfahrtunternehmens, die Wissenschaftler vertreten eine Raumfahrtbehörde wie Esa oder Nasa.

Die Teilnehmer sammeln im internationalen Team erste Praxiserfahrungen und können ihre Modelle anschließend in eigenen wissenschaftlichen Arbeiten weiterentwickeln. Doktorand Jürgen Schlutz leitet den "Space Station Design Workshop" und möchte die Ergebnisse in seiner Dissertation verarbeiten. Schlutz kennt weltweit keine andere Veranstaltung dieser Art. "Wir sind da ziemlich einzigartig", sagt er, "die Raumfahrtcommunity ist ja nicht so groß."

"Wir nehmen an, wir sind im Jahr 2016", beginnt Schlutz am Montagfrüh die Schilderung der Aufgabenstellung. In seiner Vision betreiben Amerikaner Raumfahrt gemeinsam mit Europäern, Indern, Chinesen und Russen und wollen bald dauerhaft auf dem Mond vertreten sein. Für einige Augenblicke herrscht Schweigen im Hörsaal. "Seien Sie kreativ, seien Sie innovativ", ermutigt Schlutz. Das Thema ist "nicht einfach", findet die Spanierin Gisela Detrell Domingo, die für ein Jahr in Stuttgart ist. "Wir müssen noch viel arbeiten diese Woche."

Bernd Beber, 25, hat schon "viele Ideen". Der Luft- und Raumfahrtstudent will in die Raumfahrtindustrie und hält den Workshop daher für ein "realistisches Training für die Zukunft". Er ist vor allem von der gemischten Gruppe begeistert. Amerikaner, Australier und Franzosen beratschlagen mit Deutschen und Belgiern. "Das spätere Arbeitsumfeld wird international sein", ist Beber überzeugt.

Magnetstaub und Mondfahrzeuge

Bevor es an die Gruppenarbeiten geht, gibt Schlutz erstmal eine Einführung. Der Mond, so referiert er, hat nur ein Sechstel der Erdanziehungskraft der Erde; am Äquator liegt je ein halber Monat in Licht und Dunkelheit, während an den Polen je ein halbes Jahr dunkel oder sonnendurchflutet ist.

Astronaut Messerschmid (bei Mission 1985): Einst im All, heute Professor
NASA

Astronaut Messerschmid (bei Mission 1985): Einst im All, heute Professor

Das könne man vielleicht für die Energiegewinnung nutzen, schlägt Schlutz vor, ebenso wie die großen Temperaturschwankungen auf der Oberfläche. Oder die magnetischen Eigenschaften des Mondstaubs, der andererseits zum Verhängnis werden kann, weil er sich überall festsetzt.

Die Landung auf dem Mond sei das bislang anspruchsvollste Thema, so Professor Ernst Messerschmid. "Bislang haben wir immer Fahrzeuge entwickelt." Das von der Europäischen Weltraumbehörde Esa geförderte Treffen findet seit 15 Jahren statt und wurde auch schon in Holland und Australien organisiert. Messerschmid will damit Studenten für die Praxis rüsten. Die Studenten lernten darüber hinaus, "spielend zu wechseln" zwischen Teamorientierung und Führung, sagt er.

Zwischen den Arbeitseinheiten folgt Messerschmid seiner Mission, andere intensiv für die Raumfahrt zu begeistern. Er weiß vom Jahr 1985 zu berichten, als er als Astronaut des Space Lab eine Woche lang im All Experimente vornahm. "Eine Erfahrung", strahlt er noch heute, "die durch nichts zu überragen ist."

Diana Wild, ddp

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