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Praktikum als Vogelwart: Ab auf die Insel. Allein.

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Praktikant auf Scharhörn: Kilometerweit der einzige Mensch Fotos
Armin Himmelrath

Partynächte in Berlin? Total überschätzt. Max Backoff, 27, hat das pulsierende Leben in der Hauptstadt eingetauscht gegen ein Praktikum als Vogelwart in der Isolation. Und vermisst dort nur zwei Dinge.

Der Wind. Ständig pfeift der Wind, dazu zwitschern die Vögel. Aber das ist nicht das einfache Zwitschern einiger weniger Singvögel an einem sonnigen Morgen vor dem Fenster, nein: Dieser Flecken Erde gehört den Vögeln und sonst niemandem.

Hundertfach, tausendfach, zehntausendfach pfeifen, piepsen und zwitschern sie, schwärmen und flattern. Und Max Backoff sitzt auf einem Campingstuhl auf der Vogelinsel Scharhörn, der einzige Mensch weit und breit, braungebrannt und ohne Schuhe, und hört und sieht ihnen zu, entspannt und aufmerksam zugleich.

Er hört Herings- und Silbermöwen kreischen und beobachtet, wie Nilgänse Rast machen. Strandläufer, Brachvögel und Schnepfen stochern mit ihren langen Beinen im Schlick. See- und Fischadler, Mäusebussarde und Wanderfalken sind stetig auf der Jagd. Eine Sumpfohreule hat ihr Revier rund um den Wohncontainer, in dem Max schläft und kocht. Der Vogelwart hat sie "Eugen" getauft. 138 verschiedene Arten wurden im letzten Jahr auf Scharhörn beobachtet, "aber wahrscheinlich sind es noch ein paar mehr, weil man seine Augen ja nicht immer überall haben kann", sagt Max.

Dass der 27-jährige Berliner hier "auf einem Sandhaufen mitten in der Nordsee" den Sommer verbringen würde, wie seine Freunde das kommentierten, war seine eigene Entscheidung. Scharhörn, die Düneninsel vor Cuxhaven im Nationalpark Wattenmeer, wird vom Verein Jordsand betreut, und der schickt jeden Sommer nacheinander zwei Umwelt-Praktikanten als Vogelwarte auf die Insel. "Ich bin gewissermaßen ein Inselfan - ich mag den Charme der vermeintlichen Isolation", sagt Max. In diesen Tagen packt er alles winterfest ein und verlässt die Insel dann wieder.

Mal eben 8000 Vögel zählen

Bei der Bewerbung habe er vor der Frage gestanden: Wie geht's weiter? Nach einem Bachelor im Fach "Landschaftspflege und Naturschutz" hatte Max sich als Baumpfleger selbstständig gemacht, liebäugelte aber immer wieder damit, noch ein Masterstudium dranzuhängen. "Im Alltag kommt man oft nicht dazu, sich hinzusetzen und zu reflektieren", sagt Max, "deswegen nehme ich mir ohnehin ein oder zwei Mal im Jahr kleinere Auszeiten - und diesmal ist es eben eine längere geworden." Drei Monate allein auf Scharhörn, als Deutschlands einsamster Praktikant.

Das sei einfach fällig gewesen, sagt der 27-Jährige, und davon konnte ihn auch die Aussicht auf Festivals oder Abende im Biergarten nicht abhalten. "Für meine Freundin war das zunächst ein bisschen schwierig", erzählt Max, "aber sie hat verstanden, dass es gut und richtig für mich ist." Und sie hat ihn besucht, mit einer Sondergenehmigung, und konnte dann auch ein paar Tage auf Scharhörn übernachten. Das ist nämlich normalerweise streng verboten.

Wer nach Scharhörn will, muss von Neuwerk aus mehr als eineinhalb Stunden lang durchs Watt laufen, immer den Priggen nach - das sind Markierungen aus Reisigbündeln. Mit dem Fernglas sieht Max schon lange vorher, wer zu ihm kommt. "Da kommen viele Touristen in den Nationalpark, und ich bin der Mittelsmann, der die Insel vorstellt." Nach spätestens einer Stunde schickt er sie aber wieder zurück: Auf eigene Faust dürfen Besucher Scharhörn nicht erkunden, und vor der nächsten Flut sollen sie wieder zurück auf Neuwerk sein.

Einsamkeit ja, Langeweile nein

So ist Max die meiste Zeit allein. "Man könnte denken, das ist sehr eintönig hier. Ist es aber nicht", sagt er und blickt über die Insel: "Mein Tagesablauf richtet sich nach Ebbe und Flut." Als Vogelwart muss er Buch führen über seine Beobachtungen: "Wenn Hochwasser ist, dann beschäftige ich mich mit der Ornithologie der Insel, mache sozusagen die Luftraumüberwachung." Welche Arten rasten, welche ziehen durch? Wer kommt wann an? Und vor allem: Wie viele Vögel sind unterwegs?

Um das herauszufinden, musste Max zu Beginn erst einmal die Schätztechnik lernen: In größeren Gruppen werden 50 Vögel abgezählt und diese 50er-Wolken dann im Schwarm abgeschätzt. Das geht erstaunlich gut, "und man wird mit der Zeit immer besser", sagt er. Trotzdem: "Wenn man an der Horizontkante 8000 Brachvögel sitzen hat, ist das natürlich nicht mehr so exakt."

Zusätzlich muss Max aber auch Rundgänge und Monitor-Arbeiten zum Thema Müll absolvieren. So protokolliert er auf bestimmten Teststrecken bei Niedrigwasser den Müll, sammelt Plastik und anderes Strandgut auf. "Gerade in der Nähe der Elbfahrrinne ist Schiffsverklappung auch ein Thema, sodass wir ein Monitorprogramm zum Thema Öl und Paraffine und für verölte Tiere haben." Abends gibt er die Daten in den Computer ein, damit sie später ausgewertet werden.

Zeit für Entscheidungen

Ein Festnetztelefon und eine nicht allzu stabile Internetverbindung - das sind für Max in diesen drei Monaten die Drähte zum Rest der Welt. Fließendes Wasser gibt es nicht auf Scharhörn, Trinkwasser wird in Tanks gebracht und muss abgekocht werden. Und für die jetzt schon deutlich kälteren Nächte hat der junge Berliner Holz gehackt, damit er in seinem Container nicht friert. Tagsüber aber, in der Sonne und auf dem Campingstuhl, lässt es sich aushalten.

Und darüber nachdenken, wie er die Zeit auf der Insel erlebt hat. "Was mir hier total fehlt - und worüber auch die Schönheit der Insel nicht hinwegtäuschen kann - ist der Sport", sagt Max und nimmt einen Schluck aus der Kaffeetasse - schwarz, weil gerade keine Milch da ist. Die holt er immer nur einmal die Woche. Und noch etwas fehlt ihm: Bäume. "Das Landschaftselement Gehölz", wie er sagt. Als Baumpfleger und Hobbykletterer auf einer Insel zu sitzen, auf der es nichts gibt, was über fünf Meter hinausragt - das sei schon hart. Andererseits entstehe freie Zeit zum Nachdenken und zum Entscheiden.

Zum Beispiel für den Studiengang "Regionalentwicklung und Naturschutz" in Eberswalde, den er ab dem Wintersemester belegt hat. Und: Zeit zum Ausfüllen des Bafög-Antrags für dieses Studium - auch wenn der Vogelwart dafür drei Stunden zu Fuß durchs Watt laufen musste, um die Unterlagen in einen Briefkasten werfen zu können.

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