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07. Oktober 2011, 10:34 Uhr

Vorspiel zum Uni-Start

Wir wären dann so weit

Bevor Fabienne, Marc und Larissa an der Uni starten, müssen sie lernen, sich zu Hause abzunabeln und woanders zu wohnen. Das bedeutet: Mutter-Tochter-Zwist im Möbelhaus, Sächsisch-Crashkurs im Einwohnermeldeamt - und Lampenfieber vor dem ersten Hochschultag.

Die Unis in diesem Jahr werden vermutlich voll. Sehr voll. Während es bundesweit Absagen hagelt oder manche noch auf einen Platz hoffen, freunden sich Marc, Fabienne und Larissa schon mal mit dem Studentenleben an.

Marc bewundert die Kneipen in seiner neuen Uni-Stadt Marburg, Fabienne fremdelt mit dem Sächsischen, und Larissa schleppt Möbelpakete in ihre neue Geisteswissenschafts-WG. Die drei Studenten gehören zu jener Erstsemester-Flut, die in diesem Jahr an die Uni strömt. Eine halbe Millionen Erstis sollen es bis zum Jahreswechsel sein.

Für den UniSPIEGEL berichten sie von ihrem Studienstart. Zweiter Teil: Packen, einkaufen, auspacken - ankommen. Hier sind ihre Protokolle:

Larissa mit Mama im Möbelhaus: "Deine Kommode verursacht Chaos"

Ich hatte Tage, wenn nicht Wochen, für die Wohnungssuche eingeplant, letztlich reichte ein Samstagvormittag. Danach hatte ich meine Tübinger Geisteswissenschafts-WG gefunden.

Lena, 21, Sandra, 20, und ich. Ein weibliches Philosophen-Trio, wir mochten uns sofort. Rhetorik, Philosophie, Volkswirtschaftslehre, Politik- und Medienwissenschaften unter einem Dach. Mein Traum von philosophischen Gesprächen am Frühstückstisch mit Marmeladenklecksen auf dem Platon-Werk scheint wahr zu werden.

Nächste Hürde: die Möbel-Einkaufstour mit meiner Mutter. Sie erwähnt immer wieder gern, dass sie ebenfalls mit 19 Jahren ausgezogen ist und nützliche WG-Erfahrung hat. Natürlich fährt sie mit mir zum Möbelhaus - schließlich hat sie zu jedem Einrichtungsteil einen Tuning-Tipp für mehr Stauraum parat: Eigentlich ist sie gegen die Kommode, die Chaos verursacht, und für einen Schrank. Und sie findet mein ausgesuchtes Metallbett zu wuchtig, und eigentlich ist der niedliche Holzschreibtisch zu klein. Ich denke an meinen Vater, der ist da unkomplizierter. Gut, er findet irgendwie alles schön. Hauptsache es passt ins Zimmer und ist stabil, hat er gesagt.

Aber mein Vater ist nicht da. Drei Stunden liefen meine Mutter und ich durch die Modellzimmer. Genauso lange unterbreitete mir meine Mutter Kompromissvorschläge, volle drei Stunden hielt ich dagegen - und setzte mich durch. Schließlich muss ich dort wohnen. Sie kann sich ja in die Küche setzen, wenn sie mich besucht. Das Ergebnis unseres Ausflugs: eine blaue Kommode, der niedliche Schreibtisch, ein roter Nachttisch, das Holzregal, das es "schon vor 30 Jahren" gab, behauptet die mütterliche Einrichtungsexpertin, und ein Metallbett, das einfach nicht ins Auto passt und erst mal dort bleiben muss.

Küchentipps im Heimwerker-Paradies

Wir sitzen im Auto, ich bin glücklich und vor allem müde. Mama nicht, sie hat noch mehr Tipps: "Nimm nicht zu viele Klamotten mit, die passen nicht in deine neue Kommode." "Du brauchst noch einen Rollcontainer für deine Ordner und Blätter." "Bettlaken haben wir vergessen." "Erinnere mich dran, dass ich dir einen kleinen Wäschekorb besorge und dir den Sandwichmaker mitgebe." Ich nicke nur noch, schalte das Radio ein und schwöre, in den nächsten drei Monaten kein Möbelhaus mehr zu betreten.

Eine Woche später ist es so weit: mit Möbelpaketen im Umzugswagen geht es nach Tübingen, per Aufzug in die Wohnung im vierten Stock und ran an den Akkuschrauber. Mit dabei: meine Mutter, die sofort die Küche wienert, und das Heimwerker-Dreamteam, bestehend aus Vater und Freund.

Ich wage mich an die Kleinteile, schließlich will ich bei meinem Einzug nicht nur rumsitzen, doch schon beim Nachttisch gebe ich auf. Zu viele Teile und kein Plan. Der nächste Versuch: der Laptop-Tisch. Ich sortiere, schraube, werkle und bastle. Nach zwei Stunden steht er. In der gleichen Zeit haben die Männer den Nachttisch, mein Bett und die Kommode aufgebaut. Aber ich studiere ja auch Geisteswissenschaften, nicht Ingenieurwesen oder Holztechnik. Und meine Mama muss sich wohl daran gewöhnen, in der Geisteswissenschafts-WG auf krummen Küchenstühlen zu sitzen.

Marc checkt ein: 176 Euro Miete, koreanische Küche inklusive

In Marburg bewerben sich auf ein WG-Zimmer nicht selten über 60 Studenten. Weil am Ende längst nicht jeder fündig wird, richtet das Studentenwerk zum Semesterstart rund hundert Notunterkünfte ein. Auch aus meinem Plan, mit einer Freundin eine WG zu gründen, wurde nichts. Zum Glück hatte ich mich rechtzeitig auf die Warteliste für das Studentenwohnheim setzen lassen, so entging ich dem Trubel auf dem Wohnungsmarkt.

Das WG-Leben werde ich später kennenlernen, für den Anfang ist das Studentenwohnheim ideal. Es könnte zwar eine Renovierung vertragen, und ein paar Quadratmeter mehr wären auch nicht schlecht, aber ich bin dennoch zufrieden. Ich habe es nicht weit bis zur Uni, treffe viele neue Leute, und der Preis ist unschlagbar: 176 Euro im Monat, inklusive aller Nebenkosten.

Hier ist immer etwas los: Mittags kocht ein koreanischer Student Koreanisch, außerdem wohnen noch zwei Amerikaner mit mir auf dem Flur. Mein Studienfach heißt Globalisierung und Internationale Beziehungen - hier im Wohnheim habe ich beides direkt vor der Zimmertür.

Verwirrende Buslinien, beeindruckende Kneipendichte

Mein Zimmer hat elf Quadratmeter. Zumindest beim Umzug hat diese Größe einen entscheidenden Vorteil: Eine Autoladung reicht aus, um fast alles zu transportieren. Kaum habe ich die Sachen ausgepackt, stehen zwei ehemalige Mitschüler vor der Tür, die auch gerade zum Studieren hierher gezogen sind.

Gemeinsam erkunden wir die Stadt. Die vielen Buslinien verwirren uns anfangs, die Kneipendichte hingegen ist beeindruckend - angeblich die höchste in ganz Deutschland, erzählen die Marburger.

Meine Fachschaft hat auf ihrer Homepage Tipps für Erstsemester veröffentlicht. Die Überschrift: "Don't panic!" Sie empfehlen zum Beispiel den Leseausweis für die Uni-Bibliothek, der gleichzeitig Mensa-Karte ist, möglichst schnell freizuschalten. "Erfahrungsgemäß kommt es in den ersten zwei Wochen zu extrem langen Wartezeiten bei der Ausgabe", schreiben sie. Das habe ich getan. Bisher läuft bei mir noch alles glatt, und ich bin weit davon entfernt, auszuflippen.

Als ich spätabends zurück ins Wohnheim komme, brennt in der Küche noch Licht. Meine Wohnheim-Kollegen spielen Karten, ich setze mich dazu. Ein Informatiker, der kurz vor dem Diplom steht, hat heute seinen letzten Abend. Wehmütig schaut er auf die vergangenen Jahre zurück. Ich denke nur: Bei mir geht es jetzt richtig los.

Fabienne wird Dresdnerin: Keine Lust auf "Was studierst du so?"-Small-Talk

"Nu", sagt die Frau. Nein? - Ich bin verwirrt. Ich habe doch nur gefragt, ob ich bitte meinen Erstwohnsitz nach Dresden verlagern darf und wie das geht - warum soll ich die Unterlagen auf dem Einwohnermeldeamt nicht bekommen?

Es dauert ein paar Sekunden, bis die nette Dame versteht: "Ach, Sie sind nicht von hier?", fragt sie mütterlich und reicht mir die Papiere. Ich erzähle ihr von meinem Studium und fülle nebenher das Formular aus. Zur Belohnung gibt's eine Willkommenstüte der Stadt Dresden - und einen Crahskurs in Sächsisch von der Frau: "Nu" heiße "ja", und "ni" sei auch ein ganz wichtiges Wort und bedeute "nicht". Eigentlich ganz einfach. In meiner schwäbischen Heimat verlängert und verniedlicht man alles, hier reichen Laute.

Mit meiner Willkommenstüte verlasse ich das Amt und überquere die Carolabrücke. Ich schaue auf das Elbufer und die Altstadt, es ist noch früh am Morgen, noch keine Touristen in Sicht. Ich denke zum ersten Mal: Das ist jetzt meine Stadt.

Nu! Dresden fetzt übelst

Als Student braucht man eigentlich keine Angst zu haben, in einer neuen Stadt keinen Anschluss zu finden. Kaum der StudiVZ-Gruppe "TU Dresden Erstsemester WS 11/12" beigetreten, purzeln Nachrichten in den Posteingang: Max, angehender Verkehrswissenschaftler, will wissen, was ich studiere; Julia, angehende Biologin, fragt höflich, ob ich vielleicht noch einen Tipp für die Wohnungssuche hätte, und Eric, angehender Informatiker, lädt mich zu einem "Vorab-Ersti-Treffen" mit ein.

Scheinbar will jeder möglichst schnell Leute kennenlernen und erwartet freudig die Ersti-Kneipentour durch die Neustadt. Ich habe aber keine Lust auf "Und, was studierst du?"-Gespräche, Geplänkel über die Heimatstadt und Ersti-Menschenmassen. Ich finde, das ist vor allem eins: anstrengend und langweilig. Durch mein Praktikum in der "Spiesser"-Redaktion kenne ich zum Glück schon Leute in Dresden, mit denen ich auf einer Wellenlänge liege.

Mein Mitbewohner Mirko, der Kommunikationswissenschaften und Philosophie studiert hat, war zugegebenermaßen auch von Anfang an hilfreich beim Einleben - er ist Vorstand in einem von ihm gegründeten Kulturverein und kennt praktisch alles und jeden in der Neustadt.

"Das fetzt", sagt er gerne, wenn er mir irgendwas erzählt. "Fetzt", das ist auch so etwas, das hier zum Grundwortschatz gehört - ebenso "übelst": In Dresden ist immer alles "übelst krass" und "übelst gut" - oder ganz einfach: Es fetzt in Dresden. Nu!

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