Schüler aus bildungsfernen Familien: Viel fördern, nichts fordern

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Sie lernen spät Deutsch, ihre Eltern haben wenige Bücher, sie bleiben unter sich: Risikoschüler können nach der vierten Klasse nicht ausreichend lesen und rechnen, wie neue Studien bestätigen. Förderaktivisten versuchen mit viel Geld und Eifer, den Abgehängten zu helfen. Warum nur klappt das nicht?

Kind in Berlin: Die Abgehängten bleiben oft unter sich Zur Großansicht
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Kind in Berlin: Die Abgehängten bleiben oft unter sich

Die Bibliothek ist der ganze Stolz der Kita im SOS-Kinderdorf in Berlin. In dem Regal am Eingang liegen Bilderbücher, so wie sie Kinder eben anordnen, ein zweites Bücherbord dient als Raumteiler. In den Ecken und an den bodentiefen Fenstern stehen kleine Sessel, auf dem Boden liegen Matratzen. Zwar toben Jungen und Mädchen noch draußen herum, doch nachmittags, versichert Kita-Koordinator Thorsten Lückel, werde es regelmäßig voll.

Die Pädagogen versprechen sich viel von dem neuen Angebot. "Wenn die Kinder sich hier mit Büchern beschäftigen, allein oder in kleinen Gruppen mit einer Erzieherin, dann wirkt das ansteckend", sagt der Pädagoge. Schon das Betrachten von Bilderbüchern sei eine unentbehrliche Hilfe zum Spracherwerb.

Um die Sprache kümmern sie sich besonders, hier im SOS-Kinderdorf Berlin-Moabit. Denn wenn die Kinder mit zwei oder drei Jahren in eine Kita kommen, besteht noch eine gute Chance, die Lücken im Wortschatz zu füllen. Und der Anteil der Kinder, die Förderung nötig haben, ist hoch. Das zeigten gerade erst wieder die internationalen Grundschulvergleiche Iglu und Timss: Kinder aus bildungsfernen Familien, in denen es nur wenige Bücher im Haushalt gibt, hinken mit ihren Leistungen bis zu einem Schuljahr hinterher. Es gibt eine erschreckend große Gruppe von Risikoschülern, denen am Ende der Grundschule wichtige Fähigkeiten fehlen und die es schwer haben werden in ihrer künftigen Bildungskarriere. Der Anteil dieser Schüler liegt seit zehn Jahren ziemlich stabil bei 15 bis 20 Prozent.

Manchmal können die Eltern nicht helfen, weil sie selbst keine Ausbildung haben oder weil sie Türkisch, Arabisch oder Serbisch sprechen und kaum ein Wort Deutsch. Das deutsche Bildungssystem ist ihnen weitgehend unbekannt. Die Erzieher beziehen sie deshalb soweit wie möglich in die einzelnen Förderprogramme mit ein.

Die Abgehängten bleiben unter sich

Kitas wie die im SOS-Kinderdorf in Moabit findet man häufig in Berlin, ebenso Initiativen, die den Eltern die Scheu vor dem Bildungssystem zu nehmen versuchen. Die Hauptstadt hat sich die Förderung der Kleinsten auf die Fahnen geschrieben. Insgesamt 1920 Einrichtungen zählte die Bertelsmann-Stiftung 2010, Elternberatungen, Musikalische Früherziehung oder Jugendprojekte. Die Investitionen pro Kind liegen 60 Prozent höher als in Bayern. "Was die frühkindliche Erziehung betrifft, ist Berlin im Bundesvergleich weit vorn", sagt Anette Stein, Bildungsexpertin der Stiftung.

Umso alarmierender sind die mangelnden Sprach- und Mathematikfähigkeiten, die Berliner Viertklässler im Vergleich zu ihren Altersgenossen in Süddeutschland erreichen. In einem Vergleich der Bundesländer stellten Bildungsforscher fest, dass in Mathematik ein Viertel und im Lesen ein Fünftel der Schüler nicht einmal die Mindeststandards erreichen. Im Durchschnitt sind die bayerischen Schüler am Ende der 4. Klasse ein dreiviertel Jahr voraus. Da fragen sich nicht nur Bildungsexperten, wie das passieren kann.

Die Erklärungen liegen auf der Hand: Die große Zahl an Hartz-IV-Empfängern und der hohe Ausländeranteil prägen das soziale Gefüge in einigen Stadtquartieren von Berlin wie in kaum einer anderen Metropole. Die sozial Abgehängten bleiben unter sich, weit weg von den Bildungsbürgern in den besseren Vierteln. Sie bekommen gar nicht mit, dass es Möglichkeiten gibt, dem eigenen - vermeintlich vorgezeichneten - Lebensweg zu entkommen.

Im Kampf gegen die soziale Abschottung sind die Einrichtungen oft machtlos. Selbst hochgelobte Einrichtungen wie die Kreuzberger Kita Villa Waldemar stoßen an ihre Grenzen, wenn die wichtigste Sprache im Sandkasten Türkisch ist. Ein Spracherwerb beim Spielen findet hier nicht statt. Laut Integrationsbericht der Bundesregierung treffen ein Drittel der Kinder, die zu Hause ohne Deutsch aufwachsen, in ihrer Kita auf Kinder mit ausländischen Wurzeln. Allerdings, das gehört auch zur Wahrheit, wächst nur ein verschwindend kleiner Anteil der Zuwandererkinder in Haushalten auf, in denen gar kein Deutsch gesprochen wird.

Reformen überfordern Pädagogen

Es ist nur einer von vielen Faktoren. Nur man weiß immer noch nicht genau, wie das alles zusammenhängt. Im Ressort von der Berliner Bildungssenatorin Sandra Scheeres besitzt man nicht einmal einen Überblick über die verschiedenen Initiativen in der Stadt. Von einer Kontrolle, ob das dafür bereitgestellte Geld sinnvoll ausgegeben wurde, ganz zu schweigen. "Eine durchgängige Evaluation der Aktivitäten ist nicht erfolgt", räumt Scheerers Sprecher ein.

Offensichtliche Schwachpunkte gibt es an den Schulen, die viele Reformen in den vergangenen Jahren noch immer nicht verdaut haben: integrierte Sekundarschule, jahrgangsübergreifende Klassen oder die frühe Einschulung - das alles erfordert ganz neue pädagogische Konzepte, mit denen sich Lehrer erst vertraut machen müssen. Viele von ihnen, die plötzlich zwei oder gar drei Jahrgänge auf einmal zu unterrichten hätten und dabei die Schwachen fördern und gleichzeitig die Starken fordern müssten, sehen sich mit der neuen Aufgabe überfordert. "Gerade Brennpunktschulen bräuchten mehr Personal - Lehrer, Pädagogen und Sozialarbeiter", sagt Bertelsmann-Expertin Stein.

Die sehr unterschiedliche Qualität der Schulen trägt zu weiterer Segregation bei: In der Sorge um die bestmögliche Ausbildung für ihren Nachwuchs schotten sich engagierte Eltern regelrecht ab, und der Abstand der Abgehängten wächst weiter. So erntete etwa die Schulverwaltung der Bezirke Mitte und Wedding wütenden Protest für ihren Versuch, den Eltern eine größere Freiheit bei der Wahl der Grundschule für ihre Kinder einzuräumen. Ziel war es, deutsche und ausländische Schüler gleichmäßiger auf alle Schulen zu verteilen.

Ansturm auf angesehene Schulen

Angesehene Schulen wie die Papageno-Grundschule in Mitte erlebten daraufhin einen wahren Ansturm und mussten etliche Bewerber abweisen. Diejenigen, denen das Selbstbewusstsein oder das Interesse fehlte, um die Schulkarriere ihrer Kinder zu kämpfen, zählen jetzt umso mehr zu den Abgehängten.

In einer Auswertung der Daten von 108 Berliner Grundschulen stellte der Sachverständigenrat Integration fest, dass der Ausländeranteil an knapp jeder fünften Schule im Schuljahr 2011/2012 mehr als doppelt so hoch war wie der im dazugehörigen Schulbezirk. "Gerade Eltern der Mittelschicht wollen das Beste für ihr Kind, verschlechtern dadurch aber ungewollt die Bedingungen für die verbleibenden Kinder vor allem mit Migrationshintergrund", klagt Geschäftsführerin Gunilla Fincke.

Die Trennung führe vom ersten Schultag an zu schlechteren Chancen für Letztere, fügt die Expertin hinzu. "Es ist viel schwieriger, Deutsch zu lernen, wenn Kinder nichtdeutscher Herkunftssprachen weitgehend unter sich bleiben." Aber nicht nur für Kinder mit Migrationshintergrund sei das ein Problem: "Die Kinder fühlen sich schon zu Beginn ihrer Schullaufbahn wie Verlierer", klagt die Mutter eines betroffenen Kindes.

Rätselhaft ist den Bildungsexperten auch, warum die Kinder beim Wechsel von der Kita in die Grundschule nicht begleitet werden. Nach Überzeugung von Thomas Härtel, Vorsitzende des Berliner Beirats für Familienfragen, entsteht dadurch eine Sollbruchstelle in vielen jungen Bildungskarrieren. "Ab dem ersten Schultag sind Kinder und ihre Eltern auf sich gestellt. Diejenigen, die in der Kita einer besonderen Betreuung bedurften, sind mit der neuen Situation schnell überfordert."

Das sogenannte Sprachlerntagebuch wäre laut Härtel dafür eigentlich ein ideales Werkzeug. In regelmäßigen Abständen beschreiben Kita-Erzieher darin in Stichworten den Entwicklungsstand des Kindes. Das Kind selbst komplettiert den Eindruck mit Bildern und ersten Buchstaben oder Wörtern. Der Senat hatte die grünen Ordner vor sieben Jahren eingeführt um die Fortschritte besser beobachten zu können. Nach anfänglicher Skepsis gelten sie als echtes Erfolgsmodell. Doch in der Schule werden die Informationen viel zu selten genutzt. "Wir kennen die Sprachlerntagebücher", sagt ein Lehrer. "Ich kenne aber keinen Kollegen, der sie sich von den Schülern hat zeigen lassen. Dafür fehlt uns einfach die Zeit."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 249 Beiträge
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1. optional
Broko 13.12.2012
Wie soll man von einer weltfremden Behörde optimale Förderung erwarten, wenn sie selbst allergrößter Förderung bedarf? "Denken in Strukturen" heißt die Zauberformel - wer kann das noch hierzulande bzw. ist dazu bereit?
2.
DJ Doena 13.12.2012
Was ich so erstaunlich finde ist, dass früher Eltern für sich und für ihre Kinder ein besseres Leben wollten. Ob nun deutsche Eltern oder eben auch (ehemalige) Ausländer, die ja aus genau dem Grund ihre Heimatländer verlassen und hergekommen sind. Wir Deutsche waren ja auch nicht anders. Vor hundert Jahren haben viele die beschwerliche und gefährliche Reise nach Amerika auf sich genommen, um in den USA oder Kanada sich ein besseres Leben aufzubauen. Ist uns dieser Drive abhanden gekommen? Oder bietet das Leben in Hartz 4 ein gerade noch hinnehmbares Gleichgewicht aus finanzieller Mindestabsicherung und 24h für sich haben zu können, ohne arbeiten zu müssen?
3. Rührend diese
theodorheuss 13.12.2012
Zitat von sysopdapdSie lernen spät Deutsch, ihre Eltern haben wenige Bücher, sie bleiben unter sich: Risikoschüler können nach der vierten Klasse nicht ausreichend lesen und rechnen, wie neue Studien bestätigen. Förder-Aktivisten versuchen mit viel Geld und Eifer, den Abgehängten zu helfen. Warum nur klappt das nicht? Warum Berlin mit der Förderung der Schüler so wenig Erfolg hat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/warum-berlin-mit-der-foerderung-der-schueler-so-wenig-erfolg-hat-a-869007.html)
naiven Gutmenschenpädagogen die jedem kleinen Schulkind "helfen" wollen und die einfach nicht akzeptieren können das es Schichten in unserer Gesellschaft gibt, Klassen wo es die einen einfacher haben als die anderen. Diese Schönwetternaiven werden niemals die Defizite in Asozialenhaushalten ausgleichen können, nicht einmal im Ansatz. Was ist so schlimm dabei die Bildungsfernen unter sich zu lassen, der Arbeitsmarkt braucht auch einfältige Fließbandarbeiter und Helfer die billig und willig unreflektiert die einfachsten Anlerntätigkeiten ausführen. Genau dieses Klientel wächst in den Berliner Problemschulen heran. Das viele dieser Abgehängten später auf staatliche Hilfeleistungen angewiesen sind und das allgemeine Miteinander durch Aggression und Kriminalität verderben steht auf einem anderen Blatt. Aber der betrieben Aufwand um einen dieser verlorenen Seelen "zu retten" steht in keinem Verhältnis zum Erfolg! Lieber das Geld in willige und lernbereite Schüler investieren, in Kinder die aus ordentlichen Familien stammen und wo Bildung kein abzulehnendes Übel ist vor dem man sich gefälligst zu distanzieren hat. Der übrigbleibende Rest des eingesparten Geldes in Polizei und Strafanstalten investieren um die ehrlichen, gesunden Bürger zu schützen!
4. unverschämt
socoo 13.12.2012
die armen pädagogen müssen jetzt ausbügeln was jahrelang versäumt wurde. wenn migranten kein deutsch lernen ist das eine fehlerkette ohne ende. da erst bei deren kindern mit schadensbegrenzung anzufangen is schlicht zu spät.was wäre so schlimm daran festzulegen dass man in deutschland wenn man hier leben möchte nach 2-3 jahren wenigstens in der lage sein sollte die deutsche sprache zu schreiben und sprechen? ist das zu viel verlangt integrationswille zu zeigen? man kann dem staat doch nicht aufbürden fehler zu korrigieren die eltern machen. seien das jetzt migranten oder eltern die ihr kind einfach nicht fördern wollen oder können.
5. Vielleicht....
fatherted98 13.12.2012
Zitat von sysopdapdSie lernen spät Deutsch, ihre Eltern haben wenige Bücher, sie bleiben unter sich: Risikoschüler können nach der vierten Klasse nicht ausreichend lesen und rechnen, wie neue Studien bestätigen. Förder-Aktivisten versuchen mit viel Geld und Eifer, den Abgehängten zu helfen. Warum nur klappt das nicht? Warum Berlin mit der Förderung der Schüler so wenig Erfolg hat - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/warum-berlin-mit-der-foerderung-der-schueler-so-wenig-erfolg-hat-a-869007.html)
...liegt es genau an diesen sogenannten Förder-Aktivisten....diese bilden sich auf Supervisionen fort und diskutieren in breiten Foren ihre "Erfahrungen"...wirklich tun, tun diese Leute nichts...in den mir bekannten Grundschule gibt es zwar sogenannte "Beauftragte" für diese Fälle...nur ein zusätzlicher Unterricht oder eine Hilfe für die Kinder wird nicht angeboten...
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