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Weißrussische Exil-Studenten: Das Studium als politischer Akt

Von Julia Eikmann

In Weißrussland bestimmt nur einer, was man lernen darf: Alexander Lukaschenko. Vor Europas letztem Diktator flüchteten 70 Studenten nach Deutschland. Nun kämpfen Lena, Mascha und die anderen Exilanten um die Anerkennung ihrer Diplome.

Lena Turchinovich (2. von links) mit Freunden: Keine normale Diplomfeier

Lena Turchinovich (2. von links) mit Freunden: Keine normale Diplomfeier

Das Audimax der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt an der Oder ist erfüllt vom leisen Flüstern aufgeregter Studenten. Die Diplomanden strahlen mit leicht geröteten Wangen, die stolzen Eltern nicht minder. Zur Feier des Tages haben sich alle besonders rausgeputzt. Die Uni-Präsidentin Gesine Schwan hält eine Rede.

Eine ganz normale Diplomfeier? Nichts ist normal für Lena, Mascha und die anderen Studenten, denen die Abschlusszeugnisse überreicht werden. Die Viadrina ist nicht ihre Uni, Gesine Schwan nicht ihre Präsidentin und ihre Diplome - sind wertlos. Denn die Heimatuniversität der jungen Weißrussen gibt es nicht mehr. Zumindest nicht in ihrer bisherigen Form.

Bis vor einem Jahr war die Europäische Humanistische Universität (EHU) in Minsk die einzige private Hochschule Weißrusslands. Mit ihrem humanistischen Bildungsideal und der an Westeuropa orientierten Lehre war sie dem Autokraten Alexander Lukaschenko schon lange ein Dorn im Auge. Der politische Druck auf die freie Universität wuchs, dem Rektor Anatoli Michailow wurde mehr als einmal gedroht, dass sein Leben in Gefahr wäre, würde er die Universität nicht sofort verlassen.

Im August vergangenen Jahres kam dann das endgültige Aus: Die Regierung Weißrusslands kündigte der EHU kurzerhand den Mietvertrag. Daraufhin entzog das Bildungsministerium ihr die staatliche Lizenz - ohne Räumlichkeiten keine Lehre.

Proteste wurden totgeschwiegen

Obwohl sich der politische Druck auf die Universität permanent verstärkt hatte, kam das Ende für die Dozenten und Studenten überraschend. "Der Staat ist schlau, er macht alles sehr langsam. Dann merkt man nicht, dass es schlimmer wird", sagt Lena Turchinovich, 22, rückblickend. Die EU-Botschafter reagierten entsetzt und solidarisierten sich mit den Studenten. International lief eine Welle der Unterstützung an. Im eigenen Land dagegen verhallte der Protest im Nichts.

Ehemaliges EHU-Gebäude in Minsk: Exil-Studenten als Gesicht der Uni
EHU

Ehemaliges EHU-Gebäude in Minsk: Exil-Studenten als Gesicht der Uni

"In meinem Land darf man nicht einfach auf die Straße gehen und sagen 'Das gefällt mir nicht!' Da riskiert man Gesundheit und Leben", sagt Turchinovich. Trotzdem gab es spontane Demonstrationen und symbolische Lehrveranstaltungen unter freiem Himmel - alles, was unter den gegebenen Umständen möglich war. "Die Medien wollten nicht über die Proteste berichten, von allen Seiten wurden sie totgeschwiegen. Und wenn alle schweigen, gibt es kein Problem", erinnert sich die Philosophie-Studentin Mascha Nesterova.

Die Behörden legten den Studenten einen Wechsel an die staatlichen Hochschulen nahe - gegen hohe Gebühren und nur nach schikanösen Zusatzprüfungen. Für viele keine Alternative. "Es kam für mich nie in Frage, an eine Universität zu gehen, an der 'Ideologie' und 'Geschichte des vaterländischen Krieges' als Pflichtfächer unterrichtet werden - dafür habe ich zu lange an der EHU studiert", sagt Lena Turchinovich entschieden.

Bildungsasyl auch in Litauen

Wie viele ihrer Kommilitonen, die sich bereits im letzten Studienjahr an der Universität befanden, beendeten Mascha und Lena ihr Studium im Exil. In diesem Jahr waren die weltweit versprengten Studenten das Gesicht der EHU und sicherten so das Überleben der Universität. Visa, Stipendien, Sprachkurse - für Mascha grenzt die umfangreiche unbürokratische Hilfe, ohne die ein Studium im Ausland für die Weißrussen niemals möglich gewesen wäre, an ein Wunder.

Lukaschenko: Der Autokrat kämpft mit allen Mitteln gegen westliche Einflüsse
REUTERS

Lukaschenko: Der Autokrat kämpft mit allen Mitteln gegen westliche Einflüsse

Rund 70 der 1000 EHU-Studenten kamen nach Deutschland. Die 37 Weißrussen, die an der Viadrina in Frankfurt an der Oder unterschlüpfen konnten, nutzten die Räumlichkeiten und das Lehrangebot der Ersatz-Alma-Mater, machen aber ihre Scheine weiterhin an der EHU. Denn Lehrbeauftragte der Heimatuniversität kamen, um den Exilanten in Blockseminaren zusätzliche Kurse zu geben und die Prüfungen abzunehmen.

Fast ein Jahr nach ihrer Schließung hat die EHU nun in der litauischen Hauptstadt Vilnius Asyl gefunden. Als Exil-Universität EHU-International, knapp zwei Autostunden über eine schier unüberwindbare Grenze von Minsk entfernt und mit dem Fernziel, die Universität einmal in einem freien Weißrussland wiederbeleben zu können.

Auf den Diplomen, die die Exilstudenten ausgehändigt bekommen, ist ein Stempel von Litauen, daneben ein Siegel der EHU-International mit der Ortsangabe Vilnius/Minsk. Doch anerkannt werden diese Diplome nirgendwo, weder in Litauen noch in Belarus noch in Deutschland.

"Ich habe keinen Platz mehr in der Gesellschaft"

Dass es Schwierigkeiten mit der Anerkennung der Diplome einer Exil-Universität geben könnte, haben die Studenten gewusst. Lena Turchinovich zweifelt trotz aller Widrigkeiten keine Sekunde daran, dass es die richtige Entscheidung war, sich der weißrussischen Regierung nicht zu beugen. Gemeinsam mit ihren Kommilitonen kämpft die Rechtswissenschaftlerin nun darum, dass ihre Abschlüsse etwas wert sind.

Vom Europäischen Parlament in Straßburg bekommen sie bereits Unterstützung: Gerade wurde eine Resolution verabschiedet mit dem Appell an alle europäischen Universitäten und Bildungseinrichtungen, die Exil-Diplome als qualifizierte Abschlüsse anzuerkennen.

Mascha hat sich mit ihrem Philosophie-Diplom bereits für ein Aufbaustudium in Freiburg beworben. Lena möchte ihren Master in Internationalem Recht ebenfalls in Deutschland absolvieren. Unter den heutigen Umständen können sich beide eine Rückkehr nach Weißrussland nicht vorstellen. "Dort dürfte ich weder arbeiten noch leben. Ich darf körperlich anwesend sein, aber ich habe keinen Platz mehr in der Gesellschaft", sagt Lena.

Dank ihres Stipendiums der Konrad-Adenauer-Stiftung wird die 22-Jährige ihr Visum verlängern können. Nun hängt alles davon ab, ob eine der drei Universitäten, an denen sie sich beworben hat, Lenas bisherige Studienleistungen anerkennt.

Ende Juli wird sich entscheiden, ob sie auf eine Zukunft in Deutschland hoffen darf. Alternativen sieht Lena derzeit keine.

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