Auf den ersten Blick ist Zura Karaulashvili ein Student wie andere auch: Er ist 25 Jahre alt und studiert im vierten Semester Rechtswissenschaft an der Berliner Humboldt-Universität. Eine Wahl im vergangenen Februar macht ihn besonders: Damals wurde er zusammen mit sieben weiteren Kommilitonen in den Fachschaftsrat gewählt. Seitdem sitzt er jeden Freitag im Büro der Fachschaft, gibt alte Klausuren aus und beantwortet seinen Kommilitonen Fragen rund ums Studium. "Ich mach alles was anfällt. Von der Erstsemesterfahrt bis zu Visafragen mit den ausländischen Studenten", sagt Karaulashvili.
Laut Statistik ist Karaulashvili in der deutschen Studentenschaft die absolute Ausnahme. Denn von allen Hochschülern in Deutschland hatten im vergangenen Jahr nur rund drei Prozent in den Fachschaften ein Amt inne. Das geht aus dem Studierendensurvey der AG Hochschulforschung der Universität Konstanz hervor.
Immerhin fast ein Drittel der Studenten an den Universitäten sagte sogar, die Arbeit der Fachschaft interessiere sie nicht. Noch deutlicher fiel das Ergebnis bei der Befragung an den Fachhochschulen aus. Dort sagten im Jahr 2010 40 Prozent, die Arbeit der Fachschaften sei ihnen egal. Zum Vergleich: 1993 sagte das nur jeder vierte Fachhochschüler.
Treffpunkt Fachschaft: Bye bye, Anonymität
Eigentlich ist es verwunderlich, dass das Interesse der Studenten an den Fachschaften abnimmt. Schließlich können sie vor allem darüber Druck auf die Professorenschaft ausüben und das Leben an der Universität mitgestalten. Als Fachschaft bezeichnete man ursprünglich alle Studenten eines Fachs. Heute wird der Begriff meist auch für den Fachschaftsrat verwendet, also für das Gremium, das die Studenten nach außen vertritt. Der Fachschaftsrat wird meist einmal im Jahr von den Studenten des Fachs gewählt. Er ist der Ansprechpartner für alle studentischen Belange - was er daraus macht, hängt von der jeweiligen Fachschaft ab.
Zura Karaulashvilis Fachschaft organisiert zum Beispiel jedes Jahr im Oktober ein Wochenende zum Kennenlernen für die Erstsemester, außerdem pro Jahr zwei Jura-Partys und ein Fußballturnier. Sie verwalten und pflegen die Sammlung alter Klausuren, welche die Studenten dort ausleihen und kopieren können. Und sie unterstützen die ausländischen Studenten bei ihrem Studium, indem sie eine spezielle Sprechstunde für sie anbieten. Karaulashvilis sagt: "Ich mag das einfach, anderen zu helfen." Nebenbei hat er viele neue Leute kennengelernt.
Der Professor Ulf Müller von der Fachhochschule Schmalkalden hat das selbst auch so erlebt. Als Jura-Student war er viele Jahre in der Fachschaft in Münster aktiv. Später hat er seine Promotion zum Thema: "Die rechtliche Stellung der Fachschaften" verfasst. Er sagt: "Durch die Fachschaften findet man schnell eine nette Truppe. Außerdem kommt man aus der Anonymität der Massen-Uni heraus."
"Professoren können einen auf dem Kieker haben"
Das wohl schlagendste Argument für ein Engagement in der Fachschaft ist für ihn jedoch, dass es eine Möglichkeit ist, das Leben an der Universität mitzugestalten. "Wenn man nicht möchte, dass alles über den eigenen Kopf hinweg entschieden wird, muss man sich in der Fachschaft engagieren." Er nennt auch ein praktisches Beispiel: An seiner Fachhochschule hat er als Professor zuletzt mit seinen Studenten diskutiert, ob die Vorlesungen das ganze Semester über an zwei Tagen laufen sollen oder zu Beginn des Semesters geblockt. "Wenn die Fachschaft gut organisiert ist, dann können die in solchen Situationen mitentscheiden."
Nicht zur Fachschaft gehen sollte allerdings, wer in erster Linie in Kontakt mit den Professoren kommen will. "Das ist ein zweischneidiges Schwert", sagt Müller. "Man lernt zwar die Professoren kennen. Da man als Vertreter der Studenten aber oft gegen sie agiert, können sie einen auch richtig auf dem Kieker haben."
Maria-Christina Scherzberg ist noch einen Schritt weiter gegangen als Karaulashvili und Müller. Seit Mai vergangenen Jahres sitzt die 23 Jahre alte Pharmaziestudentin im Bundesverband der Pharmaziestudierenden in Deutschland. Das ist die Fachschaft der Pharmaziestudenten auf Bundesebene. Pro Tag wendet sie nun im Schnitt eine halbe Stunde für ihren ehrenamtlichen Job auf. Dazu kommen die Wochenenden, an denen sie oft zu Apothekerkongressen reist. Wenn es notwendig ist, hält sie auch mal eine Rede auf dem Bundesapothekertag.
Scherzberg fasst ihre Motivation in einem Satz zusammen: "Die Sachen, die nicht gut funktionieren, will ich zumindest für die nächste Generation besser machen." Aber sie sieht auch, dass ihr Engagement ihr persönlich viel gebracht hat. "Ich habe nicht nur unglaublich viele nette Leute kennengelernt, sondern auch die eigenen Grenzen ausgetestet. Etwa wie belastbar ich neben dem Studium bin." Von dem Selbstbewusstsein, das eine gewonnene Wahl gibt, ganz zu schweigen.
Kristin Kruthaup, dpa/ fln
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