Von Florian Diekmann
Es begann mit dem Entsetzen einiger Burschenschafter über die rassistischen Forderungen ihrer Verbandsbrüder in den sogenannten Ariernachweis-Anträgen. Es endete an diesem Wochenende nach fast zwei Jahren, zumindest vorläufig: Die Spaltung der Deutschen Burschenschaft (DB) ist besiegelt. In den kommenden Wochen werden die wenigen verbliebenen national-liberalen Bünde den gleichen Weg wählen wie bereits viele Burschenschaften vor ihnen - raus aus dem Dachverband, der nun vollends unter die Kontrolle völkisch-großdeutscher Phantasten gekommen ist.
Dabei beunruhigt der Hinweis der nun scheidenden gemäßigten Burschenschafter auf das Verhältnis der völkischen Bünde zum Staat. Diese "sehen sich selbst im Kampf mit der Gesellschaft", sagt Michael Schmidt, Sprecher der Liberalen, die im Gegensatz dazu die Gesellschaftsordnung grundsätzlich bejahten und aus ihr heraus wirken wollten. Zugespitzt formuliert: Die Trennlinie verläuft wohl zwischen Verfassungstreuen und Verfassungsfeinden.
Das ist nicht nur schaurig, es ist von Belang. Zwar wird der Dachverband nach dem neuerlichen Aderlass mit höchstens 90 Bünden nur eine Minderheit der insgesamt etwa 300 Burschenschaften im deutschsprachigen Raum vertreten. Und Burschenschaften sind ja auch nur ein kleiner Teil der bunten und vielfältigen studentischen Verbindungsszene (siehe Karte), die wiederum als Ganzes enorm an Bedeutung verloren hat; nur noch ein bis zwei Prozent der Studierenden sind überhaupt noch korporiert.
Verschwörungstheorien sind also fehl am Platze - die Deutsche Burschenschaft steht nicht im Begriff, die Macht in Deutschland an sich zu reißen und ein völkisches Regime zu etablieren.
Schutzraum für Rechtsextreme
Dennoch gibt es gute Gründe, die verfassungsfeindlichen Tendenzen in ihr nicht als bierselige Verirrungen skurril kostümierter Männer abzutun. Das zeigen allein folgende drei Aspekte:
Erstens existiert eine unheilvolle gegenseitige Attraktivität völkischer Bünde und rechtsextremer Aktivisten: Viele Burschenschaften haben ein immenses Nachwuchsproblem; ihre Alten Herren sind über jeden Studenten froh, der sich ihnen überhaupt noch anschließen will. Umgekehrt bieten sich Burschenschaften für die junge und notorisch klamme rechtsextreme Szene als Schutzraum und Inkubator an - allein durch deren Verbindungshäuser und finanzielle Mittel, aber auch durch die Protektion der nicht nur im Klischee gut vernetzten Alten Herren, die ihren Bund oft aus romantischer Anhänglichkeit vor Imageschaden bewahren wollen und rassistische Umtriebe unter den Teppich kehren, wenn sie sie nicht gar selbst gutheißen.
Für Verflechtungen militanter Rechtsextremisten mit Burschenschaften gibt es einige Belege:
Zweitens entspringt der Eindruck von Burschenschaften als einer skurillen Splittergruppe einer sehr bundesdeutschen Perspektive. In Österreich spielen die strammrechten Brüder eine weitaus bedeutendere Rolle - vor allem in der rechtspopulistischen FPÖ. Dem ORF zufolge sind 16 der 34 FPÖ-Abgeordneten Burschenschafter, unter ihnen der umstrittene Martin Graf, Mitglied im Präsidium des Parlaments. Viele Burschenschafter sind als Mitarbeiter der Abgeordneten angestellt.
Die FPÖ erreicht in Umfragen stabil um die 20 Prozent und ringt mit der ÖVP um den zweiten Platz unter den österreichischen Parteien. Seit dem Erstarken der FPÖ Ende der achtziger Jahre hat sie den politischen Diskurs entscheidend geprägt. Fremdenfeindliche Ressentiments sind wesentlich salonfähiger als in der Bundesrepublik.
Drittens ist der nun entschiedene Bruderkampf in der Deutschen Burschenschaft ein Lehrstück für die Wirkung öffentlicher Aufmerksamkeit: Erst der Druck der Berichterstattung zwang die Bünde dazu, in aller Konsequenz um jene imaginäre rote Linie zu ringen, die verfassungsfeindlichen Extremismus von jenem Teil des rechten politischen Spektrums trennt, der auf dem Boden einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung diskursfähig ist. Unwahrscheinlich, dass eine derart klare Positionierung ohne die starke mediale Begleitung erfolgt wäre.
Was sich in den Villen in den besseren Vierteln deutscher und österreichischer Universitätsstädte mitunter abspielt, ist also durchaus von Belang. Lange Zeit überließen es Sicherheitsbehörden und Massenmedien den Antifa-Aktivisten und Bloggern, genauer hinzuschauen. Das ändert sich langsam - und das muss auch so bleiben.
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