WG-Psychologe: "Studenten von heute sind verwöhnt"

Das Geschirr stapelt sich. Das Klo ist wieder nicht geputzt. Die Shampoo-Flasche steht am falschen Platz. Die Hölle sind immer die anderen, das gilt nirgendwo mehr als in der Wohngemeinschaft. Ludger Büter schlichtet den Krieg am Küchentisch - er ist Deutschlands erfahrenster WG-Psychologe.

Und wer räumt jetzt auf? "Die Wertehierarchie sollte symmetrisch sein" Zur Großansicht
Corbis

Und wer räumt jetzt auf? "Die Wertehierarchie sollte symmetrisch sein"

SPIEGEL ONLINE: Herr Büter, zu Ihnen kommen Studenten, die ihre WG-Streitigkeiten nicht mehr selbst klären können. Muss man sich das vorstellen wie eine Paartherapie, nur mit mehr Teilnehmern?

Büter: Sowohl Paare als auch WG-Mitglieder brauchen einen gemeinsamen Nenner, mit dem alle Beteiligten leben können. Bei Konflikten geht es darum, seine Lösung nicht nur zu beschwören, sondern aktiv dazu beizutragen, manchmal auch durch Unterlassung: nicht mehr nachts die Musik aufdrehen oder lauthals mit der Freundin in Südamerika skypen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Paaren reicht für einen Streit manchmal schon, wenn das Schampoo am falschen Platz steht oder der Toilettendeckel nicht heruntergeklappt wird.

Büter: Das gibt es auch in WGs. Plötzlich schließt einer immer die Zimmertür, die früher offenstand, oder er geht nur noch in die Küche, wenn niemand da ist. Solche Dinge bekommen auf einmal eine Bedeutung, oftmals die des Rückzugs. Deswegen sollte man in einer WG erst die sachlichen, organisatorischen Fragen klären, etwa: Alle müssen dazu beitragen, dass Ordnung herrscht und der Schmutz nicht überhandnimmt.

SPIEGEL ONLINE: Bei Paarberatungen heißt es gern, beide müssten aktiv Beziehungsabeit leisten.

Büter: Jeder, der mit anderen zusammenlebt, muss sich mit unvertrauten Interessen und Ansprüchen auseinandersetzen, ob in einer Beziehung, einer Freundschaft oder einer Wohngemeinschaft. Jeder muss sich fragen: Welche Werte will ich, muss ich mit den anderen gemeinsam kultivieren.

SPIEGEL ONLINE: Gilt das auch für politische Werte? In den Studenten-WGs der siebziger Jahre stritten die Bewohner darum, wer wie weit links steht, wer sich ausreichend für den Klassenkampf einsetzt. Joschka Fischer nannte seine WG einmal einen "Ort für postfamiliäre Terrorzusammenhänge".

  • Silja Götz
    Wohngemeinschaften sind toll, das einzig Lästige sind die Mitbewohner. Sie leeren Dein Nutella-Glas, haben lauten Sex und noch lautere Musikanlagen. Oder weint dein Zimmernachbar dauernd und wirkt depressiv? Schreist du alle nur noch an? Bei WG-Kummer hilft Psychologe Ludger Büter im UniSPIEGEL. Schick Deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de.
Büter: Das beobachte ich so nicht mehr; vermutlich engagieren sich die Studenten politisch heute nicht mehr so stark. Damals, zu meiner Studienzeit, gab es noch Bizarres: unermüdliche Diskussionszirkel und Aufrufe zur Solidarität mit revolutionären Zellen in Nicaragua und Honduras. Den meisten Studenten geht es heute einfach um billigen Wohnraum, Uni-Nähe und Gesellschaft. Sie wollen andere junge Leute um sich haben mit ähnlichen Zielen und Problemen. Die Systemfrage wird nicht mehr am Küchentisch gestellt.

SPIEGEL ONLINE: Ziehen sich Gegensätze an oder gesellt sich gern gleich und gleich?

Büter: In einer vermittelten WG kommen fremde Menschen zusammen, da sollte die Wertehierarchie symmetrisch sein, um es akademisch zu sagen. Zu große Gegensätze funktionieren kaum: Wenn dem einen Sauberkeit und Ordnung viel bedeuten und der andere hinterlässt Schleifspuren im Klo und Haare im Abfluss, weil er das gar nicht als Problem sieht - dann können Sie sich vorstellen, was passiert.

SPIEGEL ONLINE: Gibt der Klügere nach?

Büter: Zumindest denkt der Klügere schon vor dem Einzug in eine WG darüber nach, wo die Grenzen der eigenen Belastbarkeit liegen: Bin ich kompromissfähig? Worauf will ich mich auf keinen Fall einlassen?

SPIEGEL ONLINE: Wenn ich gern Gitarre spiele, können mir doch meine Mitbewohner Bescheid sagen, sobald es zu laut wird.

Büter: Nein, damit machen Sie ein potentielles Problem zum Problem der anderen. Sie bürden Ihren Mitbewohnern auf, sich immer wieder aufs Neue über Ihre Gewohnheiten zu beschweren. Das ist pseudoliberal! In einer WG schadet ein bisschen Sozialdemokratie nicht - Disziplin, Aufmerksamkeit, Rücksichtnahme. Wie in einer Partnerschaft kann ich nicht einfach nur machen, was mir gefällt.

SPIEGEL ONLINE: In manchen Paarbeziehungen schweigen sich die Partner nur noch an - oder sie schreien.

Büter: Eskalationen gibt es auch in WGs, bis hin zu Rangeleigen und Drohungen: Wenn du noch einmal deine Wäsche herumliegen lässt, dann passiert was - so in die Richtung. Da wird auch für mich die Schlichtung schwierig.

SPIEGEL ONLINE: Was tun Sie dann?

Büter: Manchmal müssen wir Studenten trennen. Das geht allerdings nicht sofort, es stehen ja nicht sofort neue Zimmer bereit. Also versuche ich in Einzelgesprächen, mit den Bewohnern Regeln zu vereinbaren, die gelten, bis eine neue Bleibe gefunden ist. Manchmal versöhnen sich die Studenten auch wieder. Neulich hatte ich zwei Frauen da, bei denen der Streit eskaliert war. Sie sprachen sich aus und rauften sich zusammen, ein bisschen wie ein altes Ehepaar. Ich frage aber regelmäßig per E-Mail nach, ob alles in Ordnung ist.

SPIEGEL ONLINE: Als Familienersatz taugt die WG nicht, haben Sie mal gesagt.

Büter: Nein, es ist ein Zweckbündnis auf Zeit. Man sollte nicht auf zu viel emotionale Geborgenheit hoffen. Wenn Hoffnungen erst enttäuscht wurden, ist es oft schwierig, weiter miteinander zu leben. Natürlich gibt es WGs, in denen Freundschaften entstehen. Das ist auch wichtig und schön, aber ich warne davor, in der WG zu suchen, was man bisher im Leben vermisst hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben die erste WG-Beratung für Studenten mit aufgebaut. War die Not so groß?

Büter: Beim Studentenwerk hier in Köln hatten wir schon den Eindruck, dass es in den WGs häufiger als früher zu Konflikten kam.

SPIEGEL ONLINE: Wie erklären Sie sich das?

Büter: Ich kann nur vermuten: Die Studenten von heute sind verwöhnter. Plausibel scheint mir, dass es mehr Einzelkinder gibt als früher, die im Zusammenleben mit anderen nicht so geübt sind.

SPIEGEL ONLINE: Sie selbst haben als Student in einer WG gelebt.

Büter: Nur ein Dreivierteljahr.

SPIEGEL ONLINE: Woran ist es gescheitert?

Büter: An einer Frau, die erst mit mir, dann mit meinem Mitbewohner zusammen war. Heute schmunzele ich darüber, die beiden sind noch immer zusammen. Damals war ich aber empört genug, um auszuziehen. Ich hätte mich auch nicht umstimmen lassen, weder in einer Paartherapie noch in einer WG-Beratung.

Das Interview führte Oliver Trenkamp

Machen Dir Deine Mitbewohner Kummer? Schick Deine Fragen, Sorgen, Probleme an wg-kummer@unispiegel.de. Der Psychologe Ludger Büter hilft bei WG-Sorgen im UniSPIEGEL.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 39 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Lächerlich
cor 26.01.2012
WG-Psychologe... alles klar. Herr Büter spricht darüber, als ob es um eine Ehe ging. Dabei leben WG-Bewohner wahrscheinlich im Schnitt höchstens 2 Jahre miteinander, wenn überhaupt. Deutschland und seine Luxusprobleme halt. Btw, wer sich als Student einen Psychologen leisten kann, hat offensichtlich an anderer Stelle keine Probleme.
2. Kurze Frage
Andi Arbeit 26.01.2012
Was macht man denn, wenn die WG einem wichtiger geworden ist, als die eigene Familie? Und den Mitbewohnern auch? Und wenn man deshalb sogar seine Karriere anders plant und die Familien vernachlässigt? Nicht, dass wir das wirklich problematisch fänden, aber wer kann was soziologisch wertvolles zu diesem Gesellschaftsmodell sagen?
3.
geschüttelt,nicht_gerührt 26.01.2012
Zitat von corWG-Psychologe... alles klar. Herr Büter spricht darüber, als ob es um eine Ehe ging. Dabei leben WG-Bewohner wahrscheinlich im Schnitt höchstens 2 Jahre miteinander, wenn überhaupt. Deutschland und seine Luxusprobleme halt. Btw, wer sich als Student einen Psychologen leisten kann, hat offensichtlich an anderer Stelle keine Probleme.
dem ist nichtsmehr hinzuzufügen
4. Kuschel-WG
Jacky Thrilla 26.01.2012
Zitat von Andi ArbeitWas macht man denn, wenn die WG einem wichtiger geworden ist, als die eigene Familie? Und den Mitbewohnern auch? Und wenn man deshalb sogar seine Karriere anders plant und die Familien vernachlässigt? Nicht, dass wir das wirklich problematisch fänden, aber wer kann was soziologisch wertvolles zu diesem Gesellschaftsmodell sagen?
Die Frage wäre vorab: Wie lange existiert die WG schon? Eine WG ist in meinen Augen sehr oft auch ein Familienersatz, gerade wenn man jung ist. Ich habe eigentlich mein ganzes Leben in WGs verbracht. Am Anfang die "Familien-WG", dann verschiedenen WGs mit Freunden zusammen, dann auch mal ein, zwei Jahre alleine, aber dann in einer neuen Stadt wieder in eine WG gezogen um schneller Anschluss zu finden. In der WG meine Lebensgefährtin kennengelernt, und jetzt die "Paar-WG" mit Katze. Wenn die WG besonders gut harmoniert hat, haben wir das "Kuschel-WG" genannt. Die Erfahrung zeigt aber, dass es in vielen WGs nur eine Phase zu Beginn der WG auftritt. Alles ist neu, neue Stadt, unbekannte Mitbewohner, neue Wohnsituation ... Natürlich möchte man sich besser kennenlernen, und schwupps sitzt man jeden Abend "auf einander". Es entsteht die Kuschel-WG. Das kann schon einige Monate so gehen. Einige WGs kriegen diesen "Zustand" auch nicht weg. Für mich ist eine WG weder nur das eine (Kuschel-WG) noch das andere (reine Zweck-WG). Es muss immer beides sein, man teilt sich die Miete und zum Stück die Lebenshaltungskosten und man muss sich natürlich respektieren können und sich gegenseitig ein Stück weit auch mögen. Man sollte nur seinen eigenen Freundeskreis - auch wenn die hunderte km weit weg wohnen - nicht vernachlässigen. WG-Freunde ziehen irgendwann weg, spätestens nach dem Studium, jede noch so super Kuschel-WG fällt irgendwann auseinander. Echte Freunde, alte Freunde und die Familie sollten meiner Meinung nicht vernachlässigt werden. Eine WG, so toll sie auch zu sein scheint, ist immer nur eine Momentaufnahme. Ich kenne auch ein paar Leute, die seit 10 oder 15 Jahren in einer Kommune leben, und selbst dort ändert sich ständig die Wohnsituation. Leute steigen aus, Leute kommen dazu ...
5. Leisten?
Zaphod63 26.01.2012
Zitat von corWG-Psychologe... alles klar. Herr Büter spricht darüber, als ob es um eine Ehe ging. Dabei leben WG-Bewohner wahrscheinlich im Schnitt höchstens 2 Jahre miteinander, wenn überhaupt. Deutschland und seine Luxusprobleme halt. Btw, wer sich als Student einen Psychologen leisten kann, hat offensichtlich an anderer Stelle keine Probleme.
Den Text haben sie nicht gelesen, oder? Der Satz "Wir beim Studentenwerk haben..." lässt darauf schließen, das es eine vom Studentenwerk eingerichtete Anlaufstelle ist, damit ist sie für Studenten i.d.R. kostenlos zu nutzen. Klar hört es sich nach "Luxusproblemen" an, ist aber leider ein weiteres Zeichen unserer Zeit welche Werte wir als Gesellschaft unseren Kindern vermitteln und welhce "Sozialkompetenzen" wir ihnen innerhalb der Familie beibringen. Konfliklösungsstrategien, Empathievermögen bleiben dabei immer mehr auf der Strecke. Das es dieser Beratungen bedarf, sollte uns eigentlich zu denken geben. Analog dazu benötigen immer mehr Schulen Sozialpädagogen und Psychologen um auf die "psychischen Entwicklungsstörungen" der Kinder und Jugendlichen zu reagieren. Vom Himmel gefallen sind diese alle nicht und aus Jux und Dollerei wird dafür auch kein Geld ausgegeben.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik UniSPIEGEL
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Studium
RSS
alles zum Thema Hilfe vom WG-Psychologen
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 39 Kommentare
Zur Person
  • Eric Lichtenscheidt
    Ludger Büter, 62, ist Diplom-Psychologe und arbeitete über 30 Jahre für das Kölner Studentenwerk. Fünf Jahre hat er WG-Bewohner beraten, die ihre Konflikte nicht mehr selbst lösen können.
Fotostrecke
Sonderbare Studentenbuden: Schnarchen mit Chinesen

  • SPIEGEL ONLINE
    Eine WG ist an sich prima, sie spart Geld und spendet Gesellschaft. Wenn nur die Nervensägen in den Nachbarzimmern nicht wären. Der UniSPIEGEL zeigt eine Typologie von elf potentiellen WG-Genossen. mehr...

Fotostrecke
Lagerhalle wird WG: Ohne Kicker ist es kein Zuhause
  • Nico Semsrott
    Schwindel dich durchs WG-Casting! Du verpasst kein Fußballspiel? Kochst gern für alle? Hast drei Computer? Was die eine WG bejubelt, kann in der nächsten total falsch sein. Finde heraus, wie du punktest - im WG-Casting-Quiz mehr...

Fotostrecke
Studentenwohnheim: Exzessverweigerer im Reihenhausidyll