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20. Juni 2012, 06:25 Uhr

US-Studenten als Wahlkampfhelfer

Die Präsidentenmacher

Von Laura Gitschier, Washington

Tausende Studenten kämpfen in den USA für Mitt Romney und Barack Obama. Sie lassen sich auf der Straße beschimpfen und schwärmen für die Politiker wie für Popstars. Sechs junge Wahlkämpfer erzählen, was sie antreibt und was gerade ihren Kandidaten so sexy macht.

Für die Barack-Obama-Studenten gilt: "Jetzt erst recht!" Sie wollen beweisen, dass es sich immer noch lohnt, für den entzauberten Präsidenten zu kämpfen. Sie wollen die Euphorie von 2008 wiederbeleben. Die Romney-Unterstützter setzen darauf, dass viele Studenten wütend sind auf Obama. Wütend, dass sie wegen der schlechten Arbeitsmarktsituation keine Perspektive haben. Und präsentieren Mitt Romney als "Fix-it-guy", der die Wirtschaft wieder auf die Beine bringen kann.

Die einen lieben Barack Obama, die anderen kämpfen für Mitt Romney - eines haben all diese amerikanischen Studenten gemeinsam: Sie opfern ihren freien Sommer. Ihre Arbeit könnte sich auszahlen, denn die Stimmen der Studenten sind im Wahlkampf heiß begehrt.

Hier erzählen die Nachwuchspolitiker Ashwani, Annika, Elie, Shoshana, Amanda und Omeed, wie sie ihre Kommilitonen überzeugen wollen, was ihnen an den Kandidaten am besten gefällt und mit welchen Problemen sie bei der täglichen Arbeit konfrontiert werden.

Ashwani Jain, 22, der Leidenschaftliche - "Obama ist echt ein cooler Typ"

Er studiert Business Management und Politikwissenschaften an der University of Maryland und kämpft für Präsident Obama.

"Ich bin Maryland Student Director, wir gehören zum offiziellen Team Obama for America. Ich koordiniere unsere Wahlkampfaktivitäten an allen wichtigen Hochschulen im Bundesstaat Maryland. Manchmal machen wir auch witzige Sachen mit unserem Team: An Obamas Geburtstag haben wir uns getroffen, Obama-Reden angeschaut und Torte gegessen.

Da ich bald fertig mit der Uni bin, werde ich mich den ganzen freien Sommer im Wahlkampf engagieren. Was ich danach mache, weiß ich noch nicht: Derzeit denke ich nur bis November.

Man merkt schon einen deutlichen Unterschied zum Wahlkampf 2008. Damals strömten die Studenten nur so zu uns. Dieses Mal sind viele nicht mehr ganz so enthusiastisch, weil Obama seine Versprechen nicht so schnell eingelöst hat, wie sie es erhofft hatten. Aber ich sage immer: Wenn Obama nicht wiedergewählt wird, werden sich die Dinge zurückentwickeln. Das kann niemand wollen.

Ich glaube an Obamas Vision. Er ist auch bereit, mal unpopuläre Entscheidungen zu treffen, beispielsweise die Rettung der US-Autoindustrie. Viele waren der Meinung: 'Hey, lasst die alten Marken doch kaputtgehen. So ist eben die freie Marktwirtschaft.' Aber Obama hat gesagt: 'Nein, wir investieren jetzt und retten Arbeitsplätze.'

Ich habe den Präsidenten insgesamt über 30-mal live erlebt - und jedes Mal, wenn ich ihn sehe, werde ich emotional. Er ist echt ein cooler Typ."

Shoshana Weissmann, 19, die Begeisterte - "Romney ist so inspirierend"

Sie studiert Politikwissenschaften mit Schwerpunkt Verfassungsrecht an der George Washington University in der US-Hauptstadt. An ihrer Uni leitet sie die Mitt-Romney-Unterstützergruppe.

"Ich bin Republikanerin - seit ich acht bin, habe ich bei über zehn verschiedenen Kampagnen mitgemacht. Heute bin ich an meiner Uni Ansprechpartnerin für alle Studenten, die Mitt Romney im Wahlkampf unterstützen wollen. In der Gegend um Washington D. C. sind die meisten Hochschulen tendenziell links.

Es ist ziemlich schwer, Studenten für unsere Anliegen zu begeistern. Ich werde oft beschimpft, weil ich Republikanerin bin. Auch an meiner Uni gerate ich häufig an Leute, die mir gegenüber feindlich eingestellt sind. Das finde ich traurig, aber das hält mich nicht von meinem Einsatz ab.

Mitt Romney habe ich für mich entdeckt, als ich ihn vor fünf Jahren in den Nachrichten gesehen habe. Damals erklärte er, dass er im Gesundheitswesen das System des freien Marktes einführen wolle. Ich fand seine Ideen und ihn einfach toll.

Ich habe ihn schon ein paar Mal gesehen und auch mit ihm geredet. Beim ersten Mal war ich total aufgeregt und habe so etwas gesagt wie: 'Sie sind so inspirierend. Ich bin so froh, dass Sie wieder antreten.'

Präsident Obama finde ich in vielen Punkten unglaubwürdig, sein aktuelles Bekenntnis zur gleichgeschlechtlichen Ehe beispielsweise: 2008 hat er dieses Projekt noch nicht unterstützt. Ich nehme ihm nicht ab, dass er seine Meinung geändert hat, es sind wohl eher politische Erwägungen. Ich bin ziemlich entsetzt, dass er sich die Stimmen der Homosexuellen auf diese Art und Weise sichern will. Es ist irgendwie herablassend."

Omeed Firouzi, 19, der Analytische - "Jetzt sollten wir was für ihn tun"

Er studiert an der George Washington University Politikwissenschaften und ist Leiter einer der größten Uni-Demokraten-Gruppen in den USA.

"Obama bedeutet mir viel. Er ist mir bereits 2004 auf dem Parteitag der Demokraten aufgefallen, als er noch nicht so bekannt war. Damals hat er sehr eindrucksvoll erzählt, dass seine Lebensgeschichte nur in Amerika möglich war. Das hat mich tief beeindruckt. Ich bin selbst Sohn von iranischen Immigranten, die in Amerika ihren Traum von einem freien Leben verwirklicht haben. Obamas Lebensgeschichte inspiriert mich sehr.

Außerdem kämpft Obama so entschlossen wie kaum ein Präsident zuvor für die Rechte der Arbeitnehmer. Es ist erstaunlich, wie viel er schon erreicht hat, zum Beispiel die Reform der Finanzmärkte und die Gesundheitsreform, auch die Lage auf dem Arbeitsmarkt hat sich verbessert. Ich mag an ihm vor allem seine Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit. Er ist ruhig, cool, er bleibt immer gelassen.

Ich arbeite in verschiedenen studentischen Gruppen mit. Vor einiger Zeit habe ich bei einer Spendenaktion von Vizepräsident Joe Biden 2500 Dollar für die Obama-Kampagne gesammelt, ein großer Teil stammt von Studenten meiner Uni-Gruppe. Das war einer meiner größten Erfolge.

Die Wahl im November könnte echt eng werden. Deshalb ist unser Einsatz so wichtig. Ich sage zu meinen Kommilitonen immer: 'Dieser Präsident hat so viel für uns getan, jetzt sollten wir etwas für ihn tun!'"

Annika Boone, 17, die Moderne - "Ich bin eigentlich immer online"

Sie hat gerade ihr erstes Uni-Jahr hinter sich. Sie studiert politische Kommunikation an der George Washington University. Sie kämpft für Mitt Romney.

"Ich bin in unserer Uni-Gruppe zuständig für unseren Facebook- und Twitter-Account 'GW Students for Mitt'. Ich poste dort aktuelle Artikel über Mitt oder verlinke Videos seiner Kampagne. Wir bestimmen selbst, was wir machen. Deshalb muss ich immer auf dem Laufenden sein, was den aktuellen Stand im Wahlkampf angeht. Ich schaue oft Fernsehen, verfolge die Nachrichten und bin eigentlich immer online. Es ist wichtig, dass wir schnell reagieren können, wenn es Neuigkeiten gibt. Wir reagieren dann oft direkt über Twitter oder Facebook.

Das ist mein erster Präsidentschaftswahlkampf, aber ich habe schon vor ein paar Jahren bei anderen politischen Kampagnen mitgeholfen und dort im Social-Media-Team mitgearbeitet. Das hilft mir jetzt. Man hat gesehen, wie bedeutend Facebook und Twitter 2008 für Obama waren. Dieses Jahr wollen wir mithalten können. Ich denke, dass Mitt Romney verstanden hat, wie wichtig und hilfreich diese elektronischen Werkzeuge sind.

Ich selbst darf im November noch nicht wählen. Denn 18 werde ich erst ein paar Tage nach der Wahl. Das ist aber nicht so schlimm. Denn Utah, der Staat, in dem ich wählen würde, ist traditionell republikanisch geprägt - und da wird es auf meine Stimme nicht unbedingt ankommen.

Amanda Pleasant, 21, die Organisierte - "Man muss freundlich bleiben"

Sie studiert an der University of Maryland "Government and Politics". Die Studentin schult als Fellows Manager neue Helfer für die Obama-Kampagne.

"Meine Aufgabe ist es, eine Gruppe von knapp 20 Freiwilligen zu schulen und für den Wahlkampf fit zu machen. Dazu gehören Studenten, aber auch Rentner, wir schicken sie beispielsweise in besonders umkämpfte Staaten wie Virginia. Oder sie organisieren selbst lokale Veranstaltungen und versuchen vor Ort, neue Freiwillige zu mobilisieren. Ich glaube, dass ich ziemlich leicht mit Menschen ins Gespräch komme. Doch manchmal wird man auf der Straße schon blöd angeredet. Da muss man drüberstehen können und freundlich bleiben. Viele müssen das noch lernen.

Ich engagiere mich für Präsident Obama, weil er die richtigen Dinge anspricht. Themen wie eine gute Kranken- oder Sozialversicherung sind auch für uns Studenten entscheidend. Mir persönlich ist es wichtig, dass Obama die US-Truppen aus dem Irak zurückgeholt und dass er einen Zeitplan für den Afghanistan-Rückzug festgelegt hat. Das klingt vielleicht ein bisschen abgedroschen und kitschig, aber es ist wichtig, dass wir jungen Leute uns politisch engagieren - denn wir müssen schließlich mit all den aktuellen Problemen noch lange leben.

Gegenkandidat Mitt Romney ist ein starker Gegner, denn er hat als Gouverneur und Geschäftsmann wichtige Erfahrungen sammeln können. Die Diskussion, ob bald möglicherweise ein Mormone US-Präsident sein könnte, kümmert mich nicht. Ich bin für die Trennung von Kirche und Staat, aber mir ist egal, was jemand glaubt - solange er nicht versucht, seinen Glauben anderen aufzuzwingen.

Mich ärgert an den Republikanern und ihrer Politik vielmehr, dass sie sich nur für ein paar wenige Ausgewählte im Land interessieren. Ihre Ansichten zu Steuersätzen und dem Gesundheitssystem zeigen ihre Missachtung für den Mittelstand und für jene, die besonders hart kämpfen müssen.

Elie Litvin, 19, der Erfahrene - "Wir sind ziemlich begeisterungsfähig"

Er ist Jung-Republikaner und Romney-Anhänger. Er studiert Politische Kommunikation in der US-Hauptstadt.

"Ich habe schon öfter Wahlkampf für Mitt gemacht, denn er war in meinem Heimatstaat Massachusetts vier Jahre lang Gouverneur. Ich bin damals oft mit den Wahlkampfbussen in verschiedene Städte mitgefahren. Da ich fließend Russisch spreche, habe ich manchmal als Übersetzer geholfen, etwa bei Veranstaltungen mit Mitgliedern der russischen Gemeinschaft. Als Romney zum Gouverneur gewählt wurde, wurde ich auch zur großen Feier eingeladen. Damals war ich zehn Jahre alt.

Heute bin ich Präsident der D. C. Students for Mitt. Es ist manchmal schwierig, den Uni-Kram, die Lernerei und die politische Arbeit zu verbinden. Aber meine Universität unterstützt es, wenn Studenten sich politisch engagieren. Und einige unserer Vorlesungen, zum Beispiel die zur politischen Kommunikation, sind sehr praxisorientiert und haben mir bei der Wahlkampfarbeit geholfen.

Romney ist ein erfahrener Politiker und Unternehmer. Er hat Tausende Jobs geschaffen, und bei dieser Wahl geht es vor allem um den Arbeitsmarkt. Für Studenten ist das Thema besonders wichtig: 2012 sind die Job-Aussichten von Absolventen so schlecht wie lange nicht mehr. Viele haben sich für ihren Abschluss hoch verschuldet und stehen nun ohne Chance auf einen Arbeitsplatz da. Ich glaube, dass daran auch Obamas Politik schuld ist.

Oft gibt es zwar an den US-Hochschulen mehr Demokraten als Republikaner, aber wir Romney-Leute sind alle besonders engagiert und ziemlich begeisterungsfähig. Derzeit zählt unsere Gruppe etwa 400 aktive Mitglieder allein in D. C. Studenten sind sehr wichtig für die Wahlkampfarbeit, weil wir von Haustür zu Haustür gehen und so direkt mit dem Wähler Kontakt haben. Daher glaube ich, dass wir mit unserer Arbeit etwas verändern können."

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