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Windige Promotionsberater: Doktorfabrik geht pleite

Von Hermann Horstkotte

Das "Institut für Wissenschaftsberatung" in Bergisch Gladbach verhalf solventen Kunden mehr als zwei Jahrzehnte lang zum Dr. vor dem Namen. Jetzt ist es insolvent - wegen eines Bestechungsfalls, für den eine hohe Strafe fällig wurde. Reaktion an den Unis: Jubel und Schadenfreude.

"Error 404 - not found", heißt es im Netz, wenn man die Web-Seite des "Instituts für Wissenschaftsberatung" in Bergisch Gladbach aufruft. Wegen "aufgelaufener Zahlungsrückstände" habe der Internet-Anbieter seine Dienste eingestellt, erläutert der amtlich eingesetzte Insolvenzverwalter. Er ist für die zahlungsunfähige Firma rundum verantwortlich und hat den "Geschäftsbetrieb eingestellt".

Promotionsberater Martin D. (links, mit seinem Anwalt): Wegen Bestechung verurteilt
DPA

Promotionsberater Martin D. (links, mit seinem Anwalt): Wegen Bestechung verurteilt

Es handelt sich um eine Promotionsberatung, die seit mehr als 20 Jahren im Dunstkreis deutscher Hochschulen arbeitet, sattsam bekannt und höchst umstritten ist. Das Institut vermittelte zahlungswillige und -fähige Promotionskandidaten an Doktorväter. Es rühmte sich, bereits mehr als tausend Promotionsprojekte geplant zu haben; allein seit dem Jahr 2000 habe man über 350 Doktoranden zur Promotion verholfen und mit mehr als 40 deutschen Fakultäten zusammengearbeitet.

Laut Eigenwerbung handelte es sich um legale Hilfestellung etwa bei der Konzeption und bei der Literaturrecherche - "kein Titelhandel, kein Ghostwriting"; etwa 15 Stunden wöchentlich müssten die Doktoranden schon einplanen. Kritiker jedoch äußerten immer wieder den Verdacht, dass es dabei keineswegs immer mit rechten Dingen zugehe. Allerdings: Nachgewiesen werden konnte das dem Institut lange nicht - bis es im vergangenen Jahr zu einem spektakulären Prozess kam, der jetzt auch zum Ende des Instituts führt.

Geschäftsidee Bestechung

Wirtschaftsprofessor Manuel René Theisen aus München, einer der schärfsten Kritiker der Bergisch Gladbacher Firma, begrüßt das Aus, weil die willigen Helfer "lange Jahre das wissenschaftliche Arbeiten in Deutschland untergraben haben". Für den Deutschen Hochschulverband (DHV), die Standesvertretung der Universitätsprofessoren, stehen gewerbsmäßige Promotionsberater generell "im Verdacht, an der Vergabe unredlicher Doktortitel beteiligt zu sein". Ein Doktorvater, der dabei erwischt werde, könne nicht Mitglied im Verband sein, betont Sprecher Matthias Jaroch.

Ausgelöst hat das Insolvenzverfahren Sebastian P., einer der beiden Firmengeschäftsführer, um nicht persönlich in den Verdacht einer sträflichen Konkursverschleppung zu geraten. Der sachliche Hintergrund des Niedergangs liegt in einem Strafverfahren gegen seinen Kompagnon Martin D., 54, wegen gewerbsmäßiger Bestechung eines Doktorvaters in 61 Fällen. Die Ermittlungen liefen seit 2005.

Laut Urteil vom Juli 2008 hatte Martin D., selbst promovierter Philosoph, einem geständigen Rechtsprofessor der Uni Hannover jedes Mal 4100 Euro bezahlt, wenn der einen Kunden des Beratungsinstituts zum Doktor machte. Die eine Hälfte gab es für die Annahme des Kandidaten, die andere nach erfolgreicher Promotion, in der Regel auf das Konto eines Strohmanns oder einer Strohfrau aus der Verwandtschaft des Empfängers.

Der Hannoveraner Juraprofessor hatte vom Institut mehr als 150.000 Euro angenommen und wurde vom Landgericht Hildesheim zu drei Jahren Gefängnis verurteilt, "wegen Bestechlichkeit in besonders schwerem Fall". Promotionsvermittler Martin D. soll wegen Bestechung für dreieinhalb Jahre in Haft und 75.000 Euro zahlen. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, ebenso wie die Geldstrafe von 150.000 Euro für die Promotionsberatung.

Schmiergeld geht nicht als Betriebsausgaben durch

Die finanzielle Schieflage ist nun beträchtlich. "Da die strafrechtlich geahndeten Zuwendungen an den Professor nicht als Betriebsausgaben abziehbar sind", erläutert der Insolvenzverwalter, ergäben sich gegen die Agentur saftige "Steuernachforderungen". Die sind normalerweise binnen eines Monats zu zahlen, Stundung ist eine Ausnahme im Ermessen der Behörde.

Im konkreten Fall verweist der Insolvenzverwalter zusätzlich auf hohe Anwaltskosten für das Strafverfahren und "erhebliche Umsatzrückgänge" durch die Presseberichterstattung darüber. Außerdem sei mit Geldrückforderungen "einer Vielzahl von Doktoranden" zu rechnen, die bislang nicht voll bedient worden sind. Denn für die Anzahlung des Kunden lieferte das Institut nicht nur einen Doktorvater. Es verpflichtete sich auch zu zusätzlichen Leistungen wie Literaturbeschaffung für die Doktorarbeit.

Parallel zum Strafverfahren in Niedersachsen hatte die Staatsanwaltschaft Köln im März 2008 ein weiteres Ermittlungsverfahren wegen der Promotionsberatung eingeleitet und kistenweise Verträge mit Kunden und professoralen Helfern beschlagnahmt. Wann die Sichtung der Unterlagen abgeschlossen sein wird, steht laut Oberstaatsanwalt Günther Feld noch in den Sternen. Deshalb erscheint dem Insolvenzverwalter "eine abschließende Überprüfung", ob weitere straf-, steuer- und zivilrechtlich fragwürdige Promotionsprojekte auszuschließen sind, nicht möglich. Daher kommt für ihn "eine Fortführung des Unternehmens" nicht mehr in Betracht.

Betriebsunfall in der Promotionsberatung

DDP
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Dass das Institut aus Bergisch Gladbach aufgeben muss, ist für die Gerechten unter den Hochschullehrern ein Anlass zum Jubel. Doch handelt es sich nur um einen Betriebsunfall in der gewerblichen Promotionsberatung. Sie bleibt "ein rechtlich kaum durchdringbares Dickicht", wie DHV-Sprecher Jaroch sagt. So haben sich 55 von Bergisch Gladbach nach Hannover vermittelte Doktoranden einer Geldauflage in Höhe eines Monatsgehalts gebeugt. Genau genommen bedeutet das aber noch keine Vorstrafe, rechtlich fehlt es mithin am öffentlichen Interesse an einer Strafverfolgung.

Vier Doktoranden zogen trotzdem vor Gericht und wurden laut Staatsanwaltschaft Hannover rechtskräftig freigesprochen. Die Mitwisserschaft von einer Bestechung des Doktorvaters war ihnen nicht nachzuweisen. Aber vorsorglich verlangt die Hannoveraner Jura-Fakultät seit den Erfahrungen mit dem bestechlichen Professor von allen Doktoranden die eidesstattliche Versicherung, keinen gewerblichen Berater eingeschaltet zu haben.

Viele andere Fachbereiche in Deutschland gehen (noch) nicht so weit. Denn ein "Berufsverbot" für die Mittler könnte die grundgesetzlich geschützte Gewerbefreiheit beeinträchtigen. Tatsächlich hat die Medizinfakultät der Uni Münster 2006 einen zwei Jahre zuvor zeitweilig im Bergisch Gladbacher Institut beschäftigten und heute selbständigen Promotionsberater ohne weiteres zum Professor ernannt. Die Gelehrten konnten in der freiberuflichen Tätigkeit ihres neuen Kollegen keinen Makel erkennen.

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